Zeitung Heute : Holpriges Deutsch und Tücken der Technik

Burkhard Schröder

Der Datenhighway schadet den Rechtsextremen mehr, als dass er ihnen nütztBurkhard Schröder

Die blaue Schleife ist das Symbol für die "Free Speech" - Kampagne im Internet. Sie bedeutet: Man tritt für die freie, unzensierte Rede und Meinungsäußerung ein. Die Kampagne bekommt Beifall von der falschen Seite: Die blaue Schleife leuchtet oft auf rechtsextremistischen Seiten. Auch der ehemalige APO-Anwalt Horst Mahler, der sich jüngst in die ultrarechte Ecke gestellt hat, fordert "freie Sprache" - mit der Übersetzung aus dem Englischen hapert es offenbar noch ein wenig. Und wer aus seiner deutschtümelnden Fan-Gruppe mit dem Computer umgehen kann, schickt natürlich "E-Briefe". Man darf gespannt sein, welcher der Neonazis online es zuerst wagt, "Internet" mit "Zwischennetz" zu übersetzen.

Das Internet schadet der rechten Szene mehr, als dass es ihr nützt. Die oft mit besorgter Attitude vorgetragene Warnung, verbotene Propaganda und Aufrufe zur Gewalt erreichten im Cyberspace ungehindert die Adressaten, trifft die Realität nicht. Die Zahl ultrarechter Seiten nimmt weniger schnell zu als die Menge aller Seiten. Die Qualität der rechtsextremistischen Internet-Angebote in deutscher Sprache ist fast immer unglaublich schlecht. Wer sich durch zusammengestoppelte Antisemitismen, holpriges Deutsch, hässliche Grafiken, wüste Hasstiraden auf den politischen Gegner und primitive Verschwörungstheorien beeinflussen lässt, dem ist ohnehin nicht zu helfen.

Der Einfluss des Internet auf die politische Meinungsbildung wird oft überschätzt: Die Mutter aller Netze ist nur ein Medium wie jedes andere auch. Es verstärkt vorhandene Meinungen, ändert sie jedoch nicht. Wer in der Lage ist, historische Fakten zur Kenntnis zu nehmen, wird sich durch den Anblick rechts- und linksdrehender Hakenkreuze nicht in einen Hitler-Verehrer verwandeln. Das berüchtigte "Thule-Netz", ein neonazistischer Mailbox-Verbund, erlitt im Cyberspace Schiffbruch. Vor einem halben Jahrzehnt waren einige fränkische Nazis angetreten, die rechte Szene zu vernetzen und die Rechten von der NPD bis zu den "autonomen Kameradschaften" in einer virtuellen Diskussionsrunde zu vereinen. Jetzt ist das "Netz" so gut wie tot. Die betreffenden Internet-Seiten wurden vor drei Jahren zuletzt aktualisiert.

Wer Befehl und Gehorsam als Gesellschaftsmodell favorisiert, wird mit dem Medium Internet unüberbrückbare Probleme haben: Es ist international und vielsprachig. Trifft der Surfer auf eine Meinung, kann er nicht daran gehindert werden, sich auch über das Gegenteil zu informieren. Zähneknirschend sind einige Nazis dazu übergegangen, auch Links auf "linke" Seiten zu legen. So wird das traditionelle "Räuber-und-Gendarm"-Spiel antifaschstischer Gruppen ad absurdum geführt. Noch vor einigen Jahren wurden Internet-Adressen mit rechtsextremistischen Inhalten nur heimlich weitergegeben. Wer jedoch weiß, wie eine Suchmaschine funktioniert, braucht nur ein paar Minuten, um alle verbotenen Inhalte auf den Monitor zu holen, "Mein Kampf" im Volltext inklusive.

Internet bedeutet Öffentlichkeit. Dem widerspricht der hierarchische Anspruch des ultrarechten Milieus. Wer unter sich bleibt, muss auf Propaganda verzichten. Öffnet sich die rechte Szene der Diskussion, muss sie demokratische Spielregeln einhalten. Wer Menschen nach biologischen Kriterien unterteilt, macht sich im Chat und in den Foren des Internet nur lächerlich: Woran merkt man, ob der virtuelle Gesprächspartner gelbe oder braune Haut hat?

Zum Austausch verschlüsselter E-Mails zwischen Privatpersonen braucht man kein World Wide Web. Wer sich jedoch offen präsentiert, steht in Konkurrenz zu allen anderen Seiten. Der durchschnittliche Surfer zappt von einer bunten Seite zur anderen und will unterhalten werden. Die Neonazis tappen in die "Konsumfalle": Sie wollen ein gleichberechtigter Teil der vernetzten Weltgemeinschaft sein und sind doch nur ein winziges Warenangebot, dazu noch ein schlechtes. Auch Demagogen wie Hitler und Goebbels würden an der postmodernen Beliebigkeit scheitern.

Der durchschnittliche deutsche Web-Nazi ist einfältig, technisch nicht besonders versiert und scheitert immer wieder an den Tücken der Technik. Nicht jeder weiß, dass die Betreiber aller Web-Adressen eindeutig identifizierbar sind. "Whois"-Datenbanken werfen Adresse und Telefonnummer eines jeden Verantwortlichen aus. Wer zu Gewalt aufruft und dazu eine deutsche URL benutzt, wird sofort enttarnt. So gibt der Drahtzieher der wichtigsten "neuheidnischen" Seite seine E-Mail-Adresse an der Uni Jena preis. Rechtsextremisten, die ihre private Propaganda bei großen Providern wie AOL verbreiten, weisen meistens gleich darauf hin, dass sie damit rechnen, alsbald wieder abgeklemmt zu werden. Wer bei amerikanischen Anbietern die Möglichkeit anonymer Seiten nutzt, ist gezwungen, massive Werbeeinblendungen zu gestatten. Rechte Propaganda, kombiniert mit Werbung etwa für Sex-Seiten, ist nur noch komisch. So auch die Nazis und Skinheads, die Kontaktanzeigen im virtuellen Gästebuch der Schweizer Rechtsrock-Seiten "rac.net" schreiben: Wer "Kameradinnen" treffen will, hinterlässt selbstredend Alter und Anschrift. Das wird nicht nur Gleichgesinnte interessieren.

Rechtsextremisten auf dem Datenhighway - das passt zusammen wie Rumpelstilzchen zum Rennwagen. Das Internet zwingt den Surfer, selbst zu entscheiden, wie seriös die Information ist. Alles kann wahr, aber alles kann auch gelogen sein. Wer im Datenmeer navigiert, trifft auf gefährliche Klippen: Gewaltverherrlichung, Rassenhass, ekelhafte Pornografie. Man muss wissen, wie man sie umschifft. Das ist kein Grund, auf die Seefahrt zu verzichten.
© 1999

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