Zeitung Heute : Home is where the Heart is

Wie richtet man sich ein in einer Bleibe auf Zeit? Mit einem herrenlosen Stuhl vom Bürgersteig. Manchmal genügt auch schon ein nettes Gespräch. Vier Nomaden erzählen.

Sebastian Heinzel

NEW YORK

Als ich im Alter von 17 Jahren mit einem Interrail-Ticket durch Europa reiste, sagte ich irgendwann spätnachts zu meinen Freunden in einer französischen Bar: „Gehen wir nach Hause.“ Was ich meinte, waren unsere Rucksäcke, die in einem Schließfach am Bahnhof lagen.

„Zu Hause“ war für mich immer ein mobiles Konzept. Heute, elf Jahre später, passt mein Zuhause zwar nicht mehr in ein Schließfach, aber es ist immer noch klein. Seine Bestandteile sind ein Tisch, ein Stuhl und mein Laptop. Zu Hause ist da, wo es „ß“ und „ö“ auf der Tastatur gibt, wo die Downloads schnell gehen und wo Fotos und Musik gespeichert sind. Mein Zuhause passt in das Acht- Quadratmeter-Zimmer, das ich seit kurzem in New York bewohne.

Mein Mitbewohner hat 16 Quadratmeter. Er überließ mir seine Couch-Bett- Kombination, weil er lieber auf dem harten Boden schläft. Payam ist Modefotograf und weiß selbst nicht genau, ob er nun Iraner, Deutscher, Kalifornier oder New Yorker ist. Es ist kein Zufall, dass ich auf ihn traf: Schließlich ist einer seiner Freunde der Ex-Freund der Schwester des Freundes der Schwester meines Nachbarn in Wien.

Normalerweise suchen junge New Yorker ihre Wohnungen – und nicht nur die – über Craigslist.com: Auf Craigslist, einem Gratis-Online-Forum für Kleinanzeigen, finden sie ihre Fahrräder und Möbel, ihre Konzerttickets und Band-Mitglieder, ihre Haustiere und One-Night- Stands. So stieß ich auch auf den Glastisch für meinen Laptop.

Noch billiger ist es, einfach zu warten, bis die Möbel von selbst kommen. Mein Bücherregal stand schon am zweiten Tag um die Ecke auf dem Gehsteig. Nur der Stuhl zu meinem Tisch und zu meinem Laptop ließ quälend lange auf sich warten. Zwei Wochen lang strich ich mit dem Gefühl der Heimatlosigkeit herum, testete Bürosessel am Straßenrand, drehte sie, schnüffelte prüfend an ihnen und verstellte ihre Sitzhöhe. Keiner überzeugte mich. Dann schien ich ihn endlich gefunden zu haben, in einem Müllcontainer: Doch als ich ihn gereinigt hatte, musste ich feststellen, dass er für den Glastisch zu niedrig war.

Der Stuhl, der mein Zuhause komplettierte und auf dem ich nun sitze, stand schließlich direkt vor meiner Haustür. Den kleinen schwarzen Ledersessel annoncierte ich auf Craigslist, eine Stunde später schob ihn ein Spanier zufrieden von dannen. Er ließ mich mit 15 Dollar in der Hand und einer grandiosen Business-Idee zurück.

ISTANBUL

Ich bin mit zwei alten Koffern vor fünf Monaten in Istanbul angekommen. Außer meiner Kleidung und meinem Laptop hatte ich bloß eine Plastikflasche mit Weihwasser von der Großmutter dabei. Das habe ich oft gebraucht. Mittlerweile bin ich nämlich vier Mal umgezogen und jede Bleibe wurde fleißig damit eingeweiht. Leider half es nicht viel.

Meine jetzige Wohnung ist nicht besonders schön, ich benutze sie nur zum Schlafen. Ich teile sie mit Fulya, einer Freundin, Elif, ihrer Katze und Elifs mehr oder weniger schnuckeligem Baby. Ich mag keine Katzen. Großmutters Weihwasser verhinderte auch nicht, dass mich die Katzenflöhe zu beißen begannen.

Morgens ist es in meiner Wohnung so unerträglich heiß, dass ich zeitig aufstehe. Ich gehe ins Fitnesscenter „Extreme Gym“, weil es da eine Klimaanlage gibt. Anstatt mir einen Ventilator zu kaufen und zu versuchen, mir in meinem Zimmer eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, gehe ich trainieren. Ich wollte mich nicht materiell an diese Stadt binden, wollte mir keine Einrichtungsgegenstände kaufen.

Im Fitnesscenter fühle ich mich mehr zu Hause als in meiner Wohnung, vor allem, weil mich die Putzfrau jedes Mal aufs Überschwänglichste begrüßt und eine alternde Blondine mir Beziehungstipps gibt, obwohl ich keine Beziehung führe. Das sind die Momente, in denen ich mich in Istanbul gut aufgehoben fühle. Ich verbinde zu Hause mit Menschen und Orten, als mit meinen eigenen vier Wänden. Sei es das Café, in das ich immer zum Schreiben gehe, die Bar, in der ich mich regelmäßig betrinke, oder eine Volksschule, in der ich versuche, Türkisch zu lernen und mit Zehnjährigen Lieder über Atatürk singe.

Gestern war ich in der Schule; und eine Schar Kinder schrie mir „Hello Stephanie“ zu. Da fühlte ich mich auf einmal sehr daheim und geborgen. Am liebsten hätte ich sie alle mit Großmutters Weihwasser gesegnet. Zum Glück hatte ich es nicht dabei. Stephanie Mold

MONROVIA

Mein Hauptwohnsitz ist zurzeit in Monrovia, die Hauptstadt von Liberia – ein schwüles Dreckloch. In den vermoderten Ruinen des 20-jährigen Bürgerkriegs leben Familien, Kriegswaisen und Flüchtlinge, schätzungsweise 600 000 Menschen ohne Wasserversorgung, ohne Abwassersystem und ohne Strom. Es gibt kaum oder nur mangelhaft funktionierende Institutionen wie Polizei, Gericht oder Krankenhaus. Die Stimmung ist gespannt, die Kriminalitätsrate hoch.

Im Herzen dieser Hölle, Randall Street, residiere ich mit fließendem Warmwasser, Klimaanlage, 180-Grad- Aussicht auf das Meer vom Dachgeschossbalkon, Wireless Internet für1500 US-Dollar im Monat. Das Durchschnittseinkommen in Liberia liegt bei 30 Dollar.

Weil Liberia so gefährlich ist, erhalten UN-Angestellte eine üppige Zulage, die das exzellente Gehalt in etwa verdoppelt. Dafür nimmt man ein Leben wie im Gefängnis in Kauf: Alleine wohnen ist verboten, auf die Straße gehen und Taxifahren auch, Ausgangssperre nach 24 Uhr…

Während ich mich an die letzten drei Vorschriften nicht halte, wohne ich doch nur aus sicherheitstechnischen und finanziellen Gründen mit einer frühen Zufallsbekanntschaft zusammen. Sie hat unsere Wohnung in ein relativ dekadentes urbanes Domizil verwandelt, beliebte Location für Aperitifs für gelangweilte Jung- Karrieristen, weit weg von ihren Heimatländern. Zwischen marokkanischen Teppichen und Laternen, Blumen, Vorhängen und Tischtüchern wie aus „Schöner Wohnen“ – nur meine derben liberianischen Masken stören das Bild – unterhält man sich über den nächsten Urlaub. Der Kühlschrank ist voll mit französischem Käse, Bottarga (das ist italienischer Kaviar, so etwas lernt man in Liberia kennen) und Lachspastete aus dem UN-Dutyfree-Shop. Mein Zuhause? Nicht wirklich.

An einem Ort, an dem man sich so fremd fühlt, richten sich die meisten Ausländer in möglichst luxuriösen klimatisierten Innenräume häuslich ein, umgeben von Betonhöfen für ihre Landcruiser, wieder umgeben von hohen Mauern mit Stacheldraht. Sie legen gesteigerten Wert auf das Unwesentliche, mitgenommene Dinge, die für mich nur im Zusammenhang mit einer anderen Lebensform sinnvoll sind. Sie erfreuen sich an der Gesellschaft von Ihresgleichen.

Ich fühle mich zu Hause, wenn mir die Einheimischen erlauben, als Gast in den Wahnsinn ihres Alltags einzutauchen. Um nicht missverstanden zu werden: Ich habe nichts gegen eine Dusche, Internet und Klimaanlage! Aber Zuhause sind für mich Menschen, deren Geisteshaltung, Emotionalität und Gespräche mit ihnen – zumindest manchmal. Eleonora Köb

BERLIN

Früher war es anders. Da gab es die liebste Kaffeetasse, ein kleines Einmachglas mit noch kleineren Erinnerungsstücken, den abgewetzten einäugigen Teddy, Dinge, die ich immer noch irgendwie in den Rucksack stopfen konnte. Doch die Kaffeetasse zerbrach auf spanischem Fliesenboden, das Einmachglas verstaubt auf einem Regal in Dortmund-Brünninghausen, und Teddys Zustand als transportfähig zu bezeichnen wäre euphemistisch. Drei Monate Berlin also: Eine Reisetasche mit Klamotten, ein Computer, ein Fahrrad.

Fotos auf dem Nachttisch sind mir nicht wichtig. Bilder meiner Liebsten habe ich nur einmal in ein Zuhause auf Zeit mitgenommen, mit 16, als ich ein Jahr in England zur Schule ging. Du musst doch ein paar Fotos mitnehmen! Meine Mutter war entsetzt, sprach von Vermissen und Heimweh. Einsichtig packte ich einen Stapel Bilder ein, von denen, die mir fehlen würden. Junge Männer waren das, sie hießen Michael Zorc und Flemming Povlsen, Günter Kutowski und Teddy de Beer, und mit zwei Dutzend von ihnen war die Wand über meinem englischen Bett ziemlich voll und ziemlich schwarzgelb. Und wenn ich dann samstags mit dem Weltempfänger Manni Breuckmann reportieren hörte, dann fühlte ich mich zu Hause.

Immer wieder habe ich danach auf Zeit irgendwo gelebt. Vor Berlin war ich sechs Monate in Tel Aviv. Keine Fußballbilder, überhaupt keine Bilder mehr, die persönliche Note beschränkte sich auf einen Stoff vor der Balkontür und einen weiteren auf der aufblasbaren Matratze auf dem Boden. Irgendwo zwischen England und Israel habe ich gemerkt, dass andere Dinge mir ein Zuhause-Gefühl geben. Ich brauche immer und überall ganz schnell ein Lieblingscafé, ich kaufe meine Zeitung jeden Tag am gleichen Kiosk, ich fahre Fahrrad. Und im Idealfall gibt es eine Person, die mich länger kennt als nur ein paar Wochen. Wo und wie ich wohne ist gar nicht so wichtig.

Ich gebe meinem Bleiben auf Zeit keinen permanenten Anstrich. Meistens weiß ich, dass ich nicht lange bleibe – nach Berlin kommen zwei Monate Frankfurt. Aber ich hoffe, dass sich das bald ändert. Wenn ich das nächste Mal also ein Bild an die Wand pinne, dann ist klar: Hier bleibe ich. Anna Kemper

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