HOMMAGE„Bonjour Sagan“ : Mit angezogener Bremse

Christina Tilmann
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Foto: Schwarz-Weiß Verleih

Sie ist eine Berührbare, eine Verletzliche. Kult- und Stilikone der fünfziger und sechziger Jahre, mit ihren schnellen Autos, den kurzen Haaren, der unbedingten Lust auf Leben. Und gleichzeitig doch immer der aus dem Nest gefallene Vogel, süchtig nach Bestätigung, allergisch gegen Kritik, ein Leben lang heimwehkrank, auf der Suche nach einer Ersatzfamilie aus Liebhabern und Bewunderern. Stets bleibt sie die stilbewusste Bürgerstochter, die zwar Femme Fatale spielt, aber doch immer im Herzen ängstlich bleibt. Am Ende ist sie vergessen, verarmt, drogen- und alkoholabhängig, dement.

Das Leben der Françoise Sagan bietet Stoff für mindestens fünf Filme. Doch: Braucht man überhaupt noch einen Film? 1958, vier Jahre nach Erscheinen des Buchs, hatte Otto Preminger „Bonjour Tristesse“ verfilmt, mit der blutjungen Jean Seberg als Cecile, in der viele das Alter Ego der Autorin sahen. Auch die Seberg war eine Verletzte, früh zu den Sternen erhoben, später zerbrochen am Ruhm, alkohol- und drogenabhängig, ist sie 1979 unter nie ganz geklärten Umständen gestorben.

Sylvie Testud, die in Diane Kurys Film nun die Rolle der Françoise Sagan spielt, ähnelt ihr sehr, mit ihrer burschikosen Kurzhaarfrisur und der zerbrechlich-zarten Figur. Eine Art der Anverwandlung: Ehrfurchtsvoll geht die Schauspielerin, die hierzulande hauptsächlich durch ihre Jugendrolle in Caroline Links „Jenseits der Stille“ bekannt ist, ans Werk. Erfurchtsvoll auch die Regisseurin. Es ist ganz die Leidensgeschichte der Françoise Sagan: das Leiden an den Männern, am chronisch fehlenden Geld, an falschen Freunden und Freundinnen, vor allem aber, lebenslang, an den eigenen Minderwertigkeitskomplexen, die von der Literaturkritik nach Kräften genährt werden. So ganz wird Françoise selbst den Verdacht nie los, dass sie eigentlich gehobene Unterhaltungsliteratur schriebe, und am Ende immer nur: über sich selbst.

Zumindest das vermag der Film zu widerlegen: Die Sagan-Zitate, die er nutzt, sind brillant, kluge Aphorismen über Leben und Liebe. Nur ihre Schöpferin, die bringt der Film nie zum Strahlen, trotz des vermeintlich wilden Lebens. Er fährt zwar Maserati, aber mit angezogener Handbremse. Wie diese kleine Maus ganz Frankreich den Kopf verdrehen konnte: Aus Diane Kurys’ Sicht versteht man es nicht. Zu brav, zu blass. Christina Tilmann

„Bonjour Sagan“, F 2008, 117 Min., R: Diane

Kurys, D: Sylvie Testud, Jeanne Balibar, Arielle Dombasle, Denis Podalydes

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