Zeitung Heute : Hongkong in Nöten

URSULA WEIDENFELD

Hongkong ist kein Finanzzentrum wie jedes andere.Die Stadt ist auch keine ehemalige Kolonie wie jede andere.Und erst recht ist sie keine chinesische Stadt wie jede andere.Hongkong ist ein Symbol - das Symbol für Chinas Weg in die Moderne.Die Übergabe der Kronkolonie am 1.Juli des vergangenen Jahres sollte die Schau des asiatischen Erfolgsmodells werden.Und für heute war wieder ein symbolischer Akt geplant, der zeigen sollte, wie weit China und Hongkong gemeinsam vorangekommen sind: die Einweihung des neuen Großflughafens Chek Lap Kok durch den chinesischen Staatspräsidenten Jiang Zemin.

Und doch hat sich in dem einen Jahr alles geändert.Es war ein Jahr der Katastrophen, die das Selbstbewußtsein der Bürger Hongkongs zutiefst erschütterten: Pünktlich zur Übergabe setzte anhaltender Regen ein, der die Stadt für Wochen in eine gewaltige Pfütze verwandelte.Dann brach die Hühnergrippe aus, eine Seuche, die die Bürger an den Rand der Hysterie trieb.Der schlimmste Schlag aber kam noch: die Asienkrise, die in Thailand und Indonesien ausbrach und von der die selbstbewußten Bewohner der Stadt dachten, sie werde nie in Hongkong ankommen.

Noch vor einem Jahr grüßte man sich mit dem Segenswunsch "Reichtum", anstatt sich einen guten Tag zu wünschen.Vor einem Jahr noch hatten weder Einzelhandel noch Brokerhäuser ein Problem.Der Hang-Seng-Index erreichte mit 16 673 Punkten im August 1997 seinen Höchststand - um sich bis heute zu halbieren.Jetzt sorgen sich die verspielten Jungbanker der Stadt um ihre Jobs.Jetzt verwaisen Ladenzeilen, und die Broker sind längst in billigere Quartiere umgezogen.Jetzt steht auch der Hongkong-Dollar unter Druck, dessen feste Bindung an den US-Dollar die Stadt zur Festung wirtschafts- und finanzpolitischer Stabilität machen sollte.

Die Furcht vor einer Währungskrise in China lähmt die asiatischen Finanzmärkte.Aus Angst vor den Folgen für die politische und soziale Reststabilität der Region warnen IWF, die USA und die europäischen Staaten vor einer Abwertung in China und Hongkong.Doch die nötigen radikalen Wirtschaftsreformen wie die Sanierung des Bankensystems und die Bekämpfung der Korruption bleiben aus oder verzögern sich.

Ein System fester Wechselkurse aber läßt sich auf Dauer nur verteidigen, wenn die Volkswirtschaften selbst in Ordnung sind.In Verbindung mit einem insuffizienten Bankensystem haben die fixen Wechselkurse in den Tigerländern entscheidend zum Ausbruch der Asienkrise beigetragen: Die Geldhäuser verliehen Geld ohne Sicherheiten, Kreditnehmer türmten im Glauben an immerwährende Prosperität Schuldenberge auf, und die Finanzmärkte pumpten immer neue Liquidität in die Märkte.Die aber waren längst nicht reif für die Investitionswelle, die über sie hereinbrach.

Natürlich ist es unbefriedigend, jetzt zusehen zu müssen, wie Spekulanten verdienen, indem sie die Währungen angreifen und die Devisenvorräte der Notenbanken und des IWF abschöpfen.Doch sollte man die disziplinierende Wirkung, die von den Märkten ausgeht, nicht unterschätzen.Zwar sind China und vor allem Hongkong auch jetzt noch ökonomisch in besserer Verfassung, als es die asiatischen Tigerländer vor der Krise waren.Wenn sie diese Stärke nutzen wollen, müssen sie jetzt handeln und die lang angekündigten Reformen durchziehen: Sie müssen weitere Konkurse zulassen und Banken zusperren - auch um den Preis wachsender Spannungen im Inneren.Viel Zeit bleibt nicht: Schon bildet sich in China ein Schwarzmarkt für Devisen.Und Hongkong-Dollar und Yuan stehen schon jetzt nicht mehr für die Wirtschaftsmacht, sondern für die Widerstandskraft Chinas.

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