Zeitung Heute : Hongkong istChinas Chance

HARALD MAASS[HONGKONG]

Das böse kommunistische China übernimmt mit der einstigen britischen Kronkolonie eine Insel der Freiheit - so die gängige Vorstellung.Doch die Realität sieht anders ausDie Realität sieht anders aus.VON HARALD MAASS, HONGKONGDie großen Ereignisse der Weltpolitik, wie auch der Machtwechsel in Hongkong am 1.Juli, sind oftmals wie ein Theaterstück.Kritische Beobachter sind die Journalisten, die seit Wochen in tausenden Artikeln und Beiträgen der Weltöffentlichkeit die Bühne für das Jahrhundertschauspiel bereiten.Das Drehbuch ist längst geschrieben: Das böse kommunistische China übernimmt mit Hongkong eine Insel der Freiheit. Die Realität sieht anders aus.Bei vielen Überlegungen zur Zukunft der Stadt wird vergessen, daß Peking das größte Interesse an einem funktionierenden Hongkong hat.Mit seinen geballten Ressourcen an Unternehmertum und Expertenwissen ist die Stadt seit Jahren der Katalysator für Chinas Wirtschaftsaufschwung.Die meisten der erfolgreichen Joint-Ventures in China werden von Hongkonger Geschäftsleuten geführt.Wenn Pekings Machtübernahme ein Fiasko wird, würde darunter vor allem die chinesische Wirtschaft leiden.Die Herrschenden in Peking haben sich auf die Übernahme lange vorbereitet.Ihr Ziel ist klar: Hongkong soll möglichst so bleiben, wie es ist.Der stabile Hongkong Dollar bleibt als Währung bestehen, an der Grenze zur Volksrepublik China werden weiter Soldaten die Pässe kontrollieren.Für Geschäftsleute und Besucher wird sich also nichts ändern. Hongkongs Bürger bekommen den Abzug der britischen Kolonialmacht dagegen sehr wohl zu spüren.Zwar will und wird Peking die vertraglichen Zusagen einhalten und Hongkong gemäß der Formel "Ein Land, Zwei Systeme" eine gewisse Autonomie zugestehen.Allerdings sieht Chinas Regierung in einer zu großen Unabhängigkeit Gefahr.Nichts fürchtet Peking so sehr, als daß sich von Hongkong aus eine Demokratiebewegung auf das Festland ausbreiten könnte.Um diese "Unterwanderung von innen" zu verhindern, wird Peking die 1984 mit Großbritannien vereinbarte Autonomie Hongkongs durch einen engen Rahmen begrenzen. Wie das aussehen wird, hat der kommende, von Peking eingesetzte Regierungschef Tung Chee-hwa bereits deutlich gemacht.Demonstrationen werden auch in Zukunft erlaubt sein, allerdings sind sie dann genehmigungspflichtig.Die Pressefreiheit bleibt auf dem Papier bestehen, doch wird eine "Kritik an Persönlichkeiten der Volksrepublik China" verboten sein.Die Stadtregierung wird offiziell weiter durch Wahlen bestimmt.Jedoch wird in der neuen "Sonderverwaltungszone" nur ein kleiner Teil der Mandatsträger tatsächlich frei gewählt.Die meisten Posten werden künftig vom Regierungschef, also gemäß Pekings Interessen besetzt. Hongkong bekommt von Peking eine "geteilte Freiheit", wie es der Demokratenführer Martin Lee nennt.Die wirtschaftlichen Freiheiten der Stadt bleiben unangetastet.Die politischen Freiheiten werden so eingeschränkt, daß sie für Pekings Einparteiensystem keine Gefahr mehr sind.Ob China dieses Experiment gelingt, darin liegt die eigentliche weltpolitische Dimension des Machtwechsels in Hongkong - und das aus drei Gründen: Erstens ist Hongkong Vorbild für China.Pekings Regierung und viele Chinesen sehen im modernen Hongkong ein Modell für die Zukunft ihres Landes.Wenn es die kommunistische Partei nicht schafft, im kleinen Hongkong nach dem 1.Juli eine geordnete Politik zu führen, verliert sie auch das Vertrauen der chinesischen Bevölkerung für die Zukunft der Volksrepublik. Zweitens: Hongkong und die Formel "Ein Land, Zwei Systeme" ist auch ein Testlauf für eine weitere Wiedervereinigung.Noch wichtiger als Hongkong ist Pekings Machthabern Taiwan.Wenn die Übernahme der Kolonie glückt, soll dies ein Modell für die Wiedervereinigung mit den 21 Millionen Taiwanesen sein. Als dritter und wichtigster Punkt ist die Entwicklung in Hongkong eine Nagelprobe für Pekings internationale Politik.Nachdem die blutige Niederschlagung der Studentenproteste von 1989 langsam in den Hintergrund rückt, nähern sich westliche Regierungen erstmals Peking wieder an.Ausländische Firmen haben in den vergangenen Jahren Milliardensummen in China investiert.Wenn Peking in Hongkong seine Versprechen bricht, verspielt es sämtliches neugewonnes Vertrauen.Für Chinas Mächtige ist der 1.Juli deshalb eine historische Chance.

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