Zeitung Heute : Hongkong nach Mitternacht

WALTHER STÜTZLE

Seit heute ist Hongkong der Name für eines der interessantesten Experimente in der internationalen Politik der Neuzeit."Ein Land - zwei Systeme" lautet die Prüfungsaufgabe.VON WALTHER STÜTZLEDer Union Jack ist eingeholt, seit Mitternacht weht über Hongkong die Fahne der Chinesischen Volksrepublik.Hongkongs neue Hauptstadt heißt Peking, und China, das Reich mit der schon größten Bevölkerung der Erde, hat über Nacht noch einmal sechs Millionen Bürger hinzugewonnen.Was Hongkong hinter sich hat, ist nun Geschichte - und was die Zukunft bringt, das wird sich zeigen.Ängste und Hoffnungen halten sich die Waage, und gewiß ist nur, daß den Besorgten künftig kein wirksamer Schutz mehr durch die einstige Kolonialmacht England zuteil werden kann.Tritt ein, was viele in und außerhalb dieses Wirtschaftswunder-Eilands befürchten, daß die Herren im Politbüro zu Peking sich nicht so verhalten, wie mancher hierzulande ihre Zusagen verstehen will, dann gibt es keine Macht der Erde, die China dazu zwingen könnte.Ob es klug war, diese naheliegende Einsicht in eine ungewisse Zukunft ausgerechnet aus dem Munde des amerikanischen Präsidenten in die Welt zu setzen, muß füglich bezweifelt werden; wenn schon der erste Mann der einzigen Weltmacht sich der Vertragstreue der Mächtigen in Peking nicht sicher ist, um wieviel mehr müssen sich dann die Bürger Hongkongs einer vernebelten Ungewißheit ausgeliefert fühlen! Seit heute ist Hongkong der Name für eines der interessantesten Experimente in der internationalen Politik der Neuzeit.China, das im Gefolge des Zweiten Weltkrieges in den Kreis der nuklear gerüsteten Großmächte aufgestiegen ist, begibt sich in puncto internationaler Zuverlässigkeit auf eine anspruchsvolle Teststrecke."Ein Land - zwei Systeme" lautet die Prüfungsaufgabe, die der Architekt des modernen Chinas, Deng Xiaoping, entworfen und die zuverlässig zu lösen er seinen Erben aufgegeben hat.Von Vernunft geleitete Analyse diktiert die Erwartung, daß Peking einhält, was es mit London 1984 ausgehandelt hat.Nüchterne Einschätzung aber verlangt auch den Hinweis, daß es zwischen London und Peking schon bald zum Dissens über den Inhalt gleicher Texte kommen wird.Verwundern kann das nur, wer vergessen hat, daß es vor Jahren selbst Bonn und Ostberlin nicht gelungen ist, eine gleichlautende Auslegung des Berlin-Abkommens zustandezubringen, ja, nicht einmal eine gemeinsame deutsche Übersetzung.Überrascht kann nur sein, wer verdrängt hat, daß zentrale Werte unserer Demokratie wie Menschenwürde, Freiheit, Rechtssicherheit und Transparenz des politischen Geschehens im chinesischen Katalog politischer Tugenden keinen Platz finden. Kommt es zum britisch-chinesischen Interpretationskonflikt, dann wird Europa etwas Neues erleben: Seit heute ist Hongkong nämlich nicht mehr eine bilaterale britisch-chinesische Angelegenheit, sondern ein Punkt auf der Tagesordnung von Europäischer Union und Peking.Die Union müßte Peking mit einer gemeinsamen außenpolitischen Strategie begegnen, in der die wirtschaftlichen Interessen der EU auf dem chinesischen Markt sich im Einklang befinden mit den Prinzipien einer Außenpolitik freiheitlich verfaßter Staaten.Die Zeit, da Geschäfte in Hongkong vom verzwickten Zusammenhang zwischen Menschenrechten und Handelsgewinnen in China ausgespart waren - diese Zeit ist seit Mitternacht endgültig beendet.Hongkongs Heimkehr nach China markiert also nicht nur den Beginn eines neues Kapitels politischer Entwicklung im fernen Asien, sondern auch den Beginn einer neuen Herausforderung für die Europäische Union. Hongkongs Abschied von ertragreicher britischer Herrschaft hat eine selten große Aufmerksamkeit durch Medien aller Art gefunden.Kein Winkel der Kronkolonie, kein aus der Fülle von Menschen herausragender Kopf blieb ungefilmt und ungefragt.Ob es nur die Vielfarbigkeit des Themas war, oder gar ein gewachsenes Interesse für weltpolitische Zusammenhänge, muß sich erst noch erweisen.Zu hoffen jedenfalls wäre es.Die chinesische Fahne über und chinesische Soldaten in Hongkong bezeugen nicht nur das Ende eines Kapitels in der europäisch-britischen Kolonialgeschichte.In Erinnerung gerufen wird auch der Umstand, daß fundamentaler Wandel sich weltweit vollzieht, also kein Merkmal nur der Entwicklung in Europa ist.Hongkong ist weit - aber sein Ende geht auch uns an.

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