Zeitung Heute : Horrende Ansprüche an die Luftreserven

BORIS KEHRMANN

Die Perfektion bei den Bach-Tagen: das Ensemble Florilegium im Kammermusiksaal, das Trio Passagio im MeistersaalManche Ensembles machen einem das Urteil schwer.Zu ihnen gehört "Florilegium" 1991 als Spezialensemble für Musik des 17.und 18.Jahrhunderts gegründet, multinational zusammengesetzt, mit Sitz in London.Bei ihrem Berlin-Debüt im Kammermusiksaal bewiesen zehn Musiker in festlich glitzernden Goldjäckchen und -Westen britisches Flair für dezente Show-Effekte.In Intonation, Klangschönheit und Zusammenspiel waren sie nahezu perfekt - ein Standard, der auch bei den Bach-Tagen nicht die Regel war und deshalb nicht hoch genug einzuschätzen ist.Die Ausrutscher ließen sich bei einem Programm von stellenweise haarsträubendem Anspruch an den fünf Fingern einer Hand abzählen. Man könnte ins Schwärmen geraten über eine intensiv vom dunklen Klang des Cello und Violone geprägtem Continuo-Gruppe, die so trocken wie entschieden das Baß-Fundament im ersten Satz von Bachs Tripelkonzert BWV 1044 legte und überhaupt das große Plus der Gruppe ist.Tief berührend war auch der elegante zarte Klang der alten aristokratischen Gambe, der in Marc-Antoine Charpentiers zur privaten Unterhaltung Ludwigs XIV.geschriebener Sonata a 8 zunächst in Récit et Sarabande ihr solistischer Ehrenplatz eingeräumt wird und die in der darauffolgenden Bourrée in einen höflich-höfisch konzertierenden Dialog mit dem hier noch respektvollen Cello tritt, mit jenem Instrument also, das sie bald kraft seines stärkeren Tons verdrängen wird. Nicht zu leugnen war bei "Florilegium" aber auch die Glätte der inhaltlichen Interpretation, die insbesondere Couperins "La Françoise"-Sonate und Vivaldis Solo-Konzerten zuwenig "Klangrede" und Esprit zugestand.War man bei Vivaldis Flötenkonzert d-Moll RV 541 noch geneigt, dies den horrenden Ansprüchen an die Luftreserven des von Ashley Solomon gespielten Flötenparts zuzuschreiben, so entfielen solche Einschränkungen im Falle des D-Dur-Violin-Konzerts RV 208, genannt "Il grosso Mogul", Rachel Podger spielte es in der nicht vereinfachten, handschriftlichen Fassung, was schon höchster Bewunderung wert ist.Bei den endlosen Sequenzierungen der Kadenzen in den Ecksätzen gewinnt die Technik aber derart die Oberhand über die Substanz, daß man bald die Geduld verliert.Nicht zuletzt hier hätte eine sprechende, rhetorisch-dramatische Differenzierung, eine spannendere Deutung unbedingt nachhelfen müssen, um nicht den Wunsch aufkommen zu lassen, dann doch lieber Gidon Kremer oder Anne-Sophie Mutter hören zu wollen. Konkurrenzloser stand tags zuvor das Trio Passagio aus Utrecht im Meistersaal da.Auch das Programm dieser drei Berlin-Debütanten erhielt einen Akzent durch die Achse Vivaldi-Bach, wobei der junge Bach, wie so oft in diesen Tagen, als Bearbeiter Vivaldis im g-Moll-Konzert für Cembalo solo BWV 975 in Erscheinung trat.Der Cembalist und Organist Stefano Intrieri hat dafür einen sehr eigenwilligen, faszinierenden Bach-Stil entwickelt, dessen Herkunft vom Orgelspiel - insbesondere auch in der Toccata e-Moll für Cembalo solo BWV 914 - unverkennbar ist: frei phanatsierend in den langsamen Sätzen, frei im Tempo aber auch in der Fuge, die durch soleas Rubato-Spiel harmonische Besonderheiten herauskehrt.Die rhetorische Aufladung der Dissonanzen und Klangstauungen ergeben insgesamt ein widerborstiges, gerade nicht stromlinienförmiges Klangbild, das höchstens Interesse weckte. Ein Interesse ganz anderer Art beanspruchten die concerti und Sonaten der venezianischen Meister Bigaglio, Marcello und Vivaldi, die die Ausdruckskraft der Blockflöte nach allen Seiten hin ausreizten.Was Matthias Maute aus den unscheinbaren Holzröhrchen in Sopran- und Altlage an Affekten und Effekten herausholte, stand dem zeitgenössischen Geigenspiel in nichts nach und schloß selbst Glissandi und Vibrato ein.Daß die virtuose Blockflöten-Literatur des Barock trotz Frans Brüggen und Marion Verbruggen noch immer unterschätzt wird, hätte nicht deutlicher in Erscheinung treten können.BORIS KEHRMANN

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