Zeitung Heute : Horst, die Ich-AG

Seehofer ist wieder da – der Job als Landwirtschaftsminister füllt ihn aus. Aber wie lange, bis er abermals den Querulanten spielt?

Cordula Eubel

Die Bombe zündete Horst Seehofer am Telefon. Er diktierte dem Zeitungsredakteur knapp, was ihm – damals designierter Unterhändler der Union für die anstehende Gesundheitsreform – an den Plänen der eigenen Partei überhaupt nicht passte. Dann verschwand er. War für 72 Stunden nicht erreichbar. Nicht für seine Mitarbeiter, nicht für CSU-Chef Stoiber und auch nicht für die heutige Kanzlerin Angela Merkel. Die Union befand sich für Tage im Ausnahmezustand.

Das war 2003, und es war wohl der nachhaltigste Beweis für einen recht unbequemen Charakterzug des Bayern: Horst Seehofer ist ein Querulant. Er halte sich nicht an die eigenen Themen, er quatsche überall dazwischen, klagen die Kollegen. Und er hat den Frieden zwischen den Schwesterparteien nicht nur einmal aufs Spiel gesetzt.

Doch nun scheinen die Seehofer’schen Chaostage vorbei – vorerst zumindest. Ob die neue Arbeit ihn diszipliniert? Als Landwirtschaftsminister muss der CSU-Mann sich kümmern, muss täglich erreichbar sein, da darf er nicht abtauchen. Zurzeit steht er an vorderster Ministerfront im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Erst das Gammelfleisch, jetzt die Vogelgrippe, nicht zu vergessen die Grüne Woche in Berlin, die größte Agrarschau der Welt. Aber das ist ein Preis, den Seehofer gerne bezahlt. Der 56-Jährige ist, wo er hinwollte: endlich wieder Minister in Berlin, im Zentrum des politischen Geschehens, auch wenn es nicht das Gesundheitsressort ist, das geliebte, das er in den 90er Jahren geführt hat, damals unter Helmut Kohl. Er blüht auf. Man merkt ihm das bei jedem Auftritt an. Er lacht immer.

Sein letzter großer Auftritt am Freitag hat gezeigt, wie viel Spaß ihm die neue Machtfülle macht – und das, obwohl er am frühen Morgen begann, eine Prüfung für den Morgenmuffel Seehofer, den Nachtmenschen Seehofer, der abendliche Journalistenrunden erst verlässt, wenn die Berichterstatter entkräftet aufgeben. Acht Uhr in der Frühe, Startschuss für einen vierstündigen Fitnesstest quer über die Grüne Woche, Pflichttermin für jeden Landwirtschaftsminister. Horst Seehofer rührt in Molke herum, probiert Schnäpse, riecht an Brot – und irgendwann wirft er einen kurzen Blick an die weit entfernte Decke und lächelt so maliziös wie bei seiner Vereidigung. Sein Lächeln sagt: Habe ich es euch allen wieder mal gezeigt…

Die große Koalition ist Horst Seehofers große Chance. Mit den Wahlen kam sein Comeback: Während die Union bundesweit abgestürzt ist, hat Seehofer mit 65,9 Prozent in seinem Wahlkreis Ingolstadt das zweitbeste Erststimmenergebnis geholt. Mit Genugtuung erzählt er, dass sie ihm inzwischen in der Union wieder zuhören, wenn er einen sozialen Kurs fordert.

Edmund Stoiber war es, der ihn während der Koalitionsverhandlungen als Minister durchgedrückt hatte – gegen den Willen von Angela Merkel. Die hatte wenig Neigung, Seehofer ins Kabinett zu holen. Schließlich hatte der einen monatelangen internen Streit um ihre Kopfpauschale angezettelt: Er fand das unsozial, diesen Einheitsbeitrag für Sekretärinnen und Chefs gleichermaßen. Bezahlt hat er mit der Absetzung als Fraktionsvize. Das Gesundheitsmodell der Union ist immer noch ein untauglicher Kompromiss, Seehofer aber wieder Minister.

Politische Zeiten, in denen das Soziale wieder hochgehalten wird, waren für Seehofer schon immer gute Zeiten. Kaum jemand vermittelt so überzeugend wie er den Eindruck, der einzig aufrechte Volksvertreter in diesem Lande zu sein. Einer, der die Interessen des „kleinen Mannes“ im Blick hat. Oder der 82 Millionen Verbraucher in Deutschland. Und bei kaum einem Politiker ist so schwer zu unterscheiden, wann es um Überzeugung geht und wann um taktische Spielchen. Sein Parteifreund und Kabinettskollege Michael Glos ließ in kleinem Kreis mal den Spitznamen fallen: „Horst, die Ich-AG“. Seehofer ist ein Einzelkämpfer.

Wofür steht der neue Bauernminister? Kämpft er für mehr als Horst? Motto: Hauptsache, ich bin beliebt? Er hat ein gutes Gespür für die Stimmung der breiten Masse. Schon deshalb geht er oft den Weg der goldenen Mitte. An einem Punkt hingegen scheint die Position schon klar: In Interviews hat er angedeutet, die „Diskriminierung“ der konventionellen Landwirtschaft gegenüber den Ökos müsse beendet werden. Der Benediktiner-Abt Gregor Maria Hank war daraufhin so besorgt, dass er seinen Freund Seehofer anrief und fragte, ob er sich nun vom Ökolandbau verabschieden wolle. Die Mönche vom Kloster Plankstetten, in das sich Katholik Seehofer einmal im Jahr zurückzieht, haben ihre Landwirtschaft vor elf Jahren auf biologischen Anbau umgestellt. Zwar hat der Minister dem Abt versprochen, im Februar auf ein Ökobier vorbeizuschauen, wenn wieder 400 Biobauern zur Fortbildung im Kloster sind. Doch die Lobbyisten spüren die Unterschiede zu der Grünen Künast. Dafür ist Seehofer dann doch zu sehr Konservativer.

„Wir müssen zum Bauernverband“, wispert Seehofer seiner Pressesprecherin zu, als er am Eröffnungstag der Grünen Woche leicht enerviert auf dem Podium der Ökobauern steht. Aber dann bleibt er doch noch hängen, beim Stand mit dem Riedenburger Ökobier, das er so gerne im Kloster trinkt. Thomas Dosch ergreift seine Chance. Er ist der Vorsitzende von Bioland, einem Verband, der 4500 Ökobauern vertritt. Jetzt muss Seehofer ihm zuhören. Viermal hat er schon im Ministerium angerufen. Viermal gab es weder einen Ansprechpartner noch einen Rückruf. Der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Gerd Sonnleitner, hingegen hatte schon Dutzende Termine, bis hin zu einer gemeinsamen Pressekonferenz in Brüssel.

Die Bauernfunktionäre revanchieren sich für die neue Aufmerksamkeit. Sie klatschen kräftig, als Seehofer sich beim Empfang zu ihnen setzt, an die Tische mit rot-weiß gestreiften Decken. Es sei „Balsam auf der Seele“, dass Seehofer die Wirtschaftskraft der Bauern betone, lobt Präsident Sonnleitner. „Wenn Sie so weitermachen, brauchen wir keinen Bauernpräsidenten mehr.“ Die Bauernvertreter lieben Seehofer für Sätze wie: „Der Landwirt ist nicht Gegner des Verbrauchers, sondern Partner.“ Oder: „Die deutsche Landwirtschaft hat allen Grund, stolz zu sein.“

Der Übergang von Renate Künast zum Neuen ist holprig. Ihre Handschrift ist noch deutlich zu erkennen – da ist die Halle des Verbraucherschutzministeriums auf der Grünen Woche, die Künast noch entworfen hat und Seehofer dann hinterlassen musste, nur so etwas wie ein sichtbares Indiz. Es gibt in dieser Halle ein Kochstudio, eine „Esswerkstatt“ für Kinder und einen Fitnessparcours. Ob Seehofer sich um dicke deutsche Kinder kümmern wird? Serviert wird naturtrüber Apfelsaft, natürlich bio. Seehofer kommt 37 Minuten zu spät. Er bindet sich eine weiße Plastikschürze um, setzt sich eine Baseballkappe auf und füllt Brät in Wurstpellen, die Masse spritzt durch die Gegend. Seehofer lacht, solche Pannen sind ihm nicht peinlich. Es sei ein „Riesenunterschied“, nun für ihn zu arbeiten, sagt eine Mitarbeiterin. Künast hätte Fernsehbilder „mit Petersilie statt mit Wurst“ bevorzugt. Sie wäre pünktlich gewesen und hätte sich mehr Zeit genommen.

Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucher. Seehofer fremdelt noch mit der neuen Welt. „Ich bin Umschüler“, sagt er vor 300 Agrarjournalisten. Die Vergleiche, die er wählt, stammen aus der Sozialpolitik. „Das ist wie im Gesundheitswesen“, erläutert Seehofer, als eine Journalistin wissen will, ob er Ökobauern und konventionelle gegeneinander ausspielen wolle. „Da können Sie auch nicht fragen: Schulmedizin oder Naturmedizin?“ Manchmal kokettiert Seehofer damit, dass er von Flächenprämien und Hühnervolieren noch nicht allzu viel Ahnung hat. Dann rettet er sich in Wohlfühlparolen, die er so gut kann: „Der Schutz von Umwelt und Mensch hat größte Priorität.“

Es gibt aber auch Momente, in denen der Politprofi Seehofer seine langjährige Erfahrung ausspielt. Etwa im bayerischen Wildbad Kreuth, Anfang Januar, bei der Klausurtagung der CSU-Landesgruppe. Kollegen von der CDU hatten eine Debatte über Kombilöhne vom Zaun gebrochen, hatten geschwärmt, wie viele Arbeitsplätze sich durch staatliche Lohnzuschüsse schaffen ließen. Man solle sich nicht zu viel davon versprechen, brummelte Seehofer vor der Tagung in die Mikrofone. Intern hat er dann berichtet, wie er schon als Staatssekretär bei Arbeitsminister Norbert Blüm schlechte Erfahrungen mit Kombilöhnen gemacht hat. Und hat sie alle überzeugt. Später warnte die versammelte CSU unisono vor dem „Milliardengrab“ Kombilöhne. „Das klang alles so einleuchtend“, berichtet einer, der in der CSU nicht unbedingt zu den Horst-Freunden gehört.

Seehofer nutzt sein Ministeramt – und nicht nur für sein eigenes Ministerium. Es bietet ihm eine Plattform, abseits von Zuckerrüben und Kartoffeln. Und im Zweifelsfall hat er ja noch andere Funktionen, die es ihm erlauben, sich zu jedem Thema zu äußern: CSU-Vize ist er und Chef der CSU-Arbeitnehmerorganisation. Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis Seehofer seinen eigenen Vorschlag für eine Gesundheitsreform aus der Tasche ziehen und damit die Ministerin Ulla Schmidt düpieren würde. Gleich in der ersten Januarwoche hat er das per Interviews getan.

Seehofer arbeitet ohne Netz und doppelten Boden, wie schon manches Mal in seiner politischen Laufbahn. Wie lange genießt er noch Narrenfreiheit? Stoiber, der ihn ins Kabinett brachte, ist seine Stütze. Aber die ist nicht mehr sonderlich stabil. Weggefährten aus der CSU erwarten, dass Seehofer weiter nach oben will. „Es kann gut sein, dass der Horst über den Parteivorsitz nachdenkt“, sagt einer. Momentan ist keiner da, der ihn bremsen könnte. Außer Horst Seehofer, wenn er sich mal wieder nicht bremsen kann.

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