Zeitung Heute : Hubert Markl: Vorwärts immer, rückwärts nimmer

Kerstin Decker

Genau bei der Zwischenüberschrift "Sie dürfen sich nicht vermehren wie die Kaninchen" bleibt der Zug stehen. Der Artikel heißt "Warum wir mit der Zukunft fertig werden". Die anderen lesen Börsen-Berichte. Der ICE macht keinen Millimeter mehr. Mit Kaninchen sind die Robo-Agenten gemeint. Also zu befürchtende technische Intelligenzen mit dem Sexualverhalten der Nagetiere. Wenn Zeitungsberichte anfangen, Überschriften zu tragen wie "Warum wir mit der Zukunft fertig werden", weiß man, dass die Lage ernst ist. Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft hat ihn geschrieben. Wir wollen mit Hubert Markl in München über den Fortschritt sprechen. Es ist reaktionär, zu Fortschrittsdiskussionen zu spät zu kommen. Das Licht geht aus. Die Temperatur sinkt. Die Türen sind blockiert. Alles eine Frage der Bordelektrik. Die ist mausetot. Nichts deutet darauf hin, dass die Bahn mit unserer näheren Zukunft fertig wird.

Draußen fahren mit ziemlich überheblichem Tempo ein paar schmutzige Regionalexpresse vorbei. "Wieso fahren die und nicht wir?", fragt in geübtem Beschwerdeton eine ältere Frau und will auf der Stelle durchbrechen zum Servicepersonal. Sie kommt bis zur Tür. Und die bleibt zu. Sie hat keine Chance. Weil richtigen Zügen vereiste Oberleitungen völlig egal sind, erklärt ihr ein Mann mit dem Gestus des geborenen Misanthropen. In plötzlicher Furcht schauen wir nach oben. Wir stehen genau unter der Einflugschneise von Schönefeld. Sind Flugzeugen Vereisungen auch so egal wie arroganten Regionalexpressen? Es ist dilettantisch, unter Einflugschneisen einzufrieren. Die ICE-Nachbarin zieht ihren Mantel über und nimmt mit spontan erwachtem Interesse Anteil am Artikel des Max-Planck-Präsidenten "Warum wir mit der Zukunft fertig werden". Wir brauchen keine Angst zu haben vor der Compu-Nano-Robo-Geno-Herausforderung, steht da, und das Schlimmste an der Technik seien ohnehin ihre Feinde. Sinngemäß.

Durch ein Notaggregat teilt uns der Bordfunk mit, dass wir in völlig ungewisser Zukunft, von der noch niemand sagen könne, ob wir mit ihr fertig werden, eine Diesellok erwarten, die den ICE abschleppen soll. Wahrscheinlich zurück nach Berlin. Die Fraktion der Münchner Geschäftsleute verliert kurz die Beherrschung und lässt sich zu einigen technik- sowie bahnfeindlichen Äußerungen hinreißen. Klarsichtige schlagen anstelle Diesellok Dampflok vor, weil die beim Abschleppen gleich die Oberleitungen auftauen könnte. Keiner glaubt mehr an den Fortschritt.

Das zentrale Humanum, lesen wir beim Max-Planck-Präsidenten, besteht darin, der Natur nicht einfach ihren Lauf zu lassen "wie jedes Rindvieh das tun muss", sondern in eigener Verantwortung Hand anzulegen. Handanlegen. Klingt so nach Faustkeil, gar nicht nach Robo-Geno-Zukunft. Es ist hoher Vormittag. Und draußen eineinhalb Grad wärmer, das entscheidende Halbe mitgezählt. Der ICE fährt weiter, aus eigener Kraft. Die Türen lassen sich öffnen. Die Temperatur steigt. Und alles wegen eines halben Grades?

Der Fortschritt, ahnen wir, muss eine sehr fragile Idee sein.

Ein grundsolider architektonischer Futurismus steht in München, direkt zwischen Akademie, Staatskanzlei und Oper. Völlig unfragil. Notfalls, das sieht man gleich, ließe er sich auch als Raumschiff gebrauchen. Innen drin wohnt die Max-Planck-Gesellschaft. Im Grunde ist das eine sehr preußische Einrichtung. 1952 fasste sie den Beschluss, im Falle einer Wiedervereinigung sofort zurück nach Berlin zu gehen. Und blieb mit derselben Entschlusskraft in Bayern. Markl, ihr Präsident seit fünf Jahren, blieb ja auch fast immer in Bayern. Bayern, dachte er wohl, ist sicher. Bis zur ersten BSE-Kuh hatte er Recht. Gehören verrückte Kühe auch zum Fortschritt?

Wie schwarz ist die Geschichte?

Vom Konferenzzimmer des Präsidenten aus kann man fast über ganz München sehen. Markl setzt sich genau vor den linken Turm der Frauenkirche. In seinem Regal stehen so eigenwillige Standardwerke wie "Das Jahr der Graugans". Richtig, Markl ist nicht eigentlich ein Spezialist für Kühe, sondern eher für Gänse wie sein Lehrer Konrad Lorenz. Oder für Insekten. 1967 reichte der Zoologe in Frankfurt seine Habilitationsschrift über das "Kommunikationsverhalten sozialer Insekten" ein. So sind sie, die Unbeirrbaren. Die anderen proben schon den Aufstand, und sie schreiben Bücher über die Insektenförmigkeit der Kommunikation. Ein paar Frankfurter Hörsäle weiter lehrte Adorno damals gerade das Gegenteil: Schluss mit den gesellschaftlichen Ameisenhaufen! Kampf der Ameise in euch! Adorno hatte das nur etwas anders formuliert. "O ja, ich war ein richtiger 68er!", ruft Hubert Markl bei den Namen Frankfurt und Adorno. Stimmt das?

"Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils", hatten die Lehrer der 68er geschrieben. Nur solche fortschrittsfeindlichen Sätze. Überhaupt wären sie mit dieser ständigen geschichtsphilosophischen Nörgelei heute durch jedes zeitgenössische Motivationstraining gefallen. Markl nicht. Er ist ein ganz anderer Typus.

Ach, wissen Sie, ich gehe da mehr empirisch ran, erklärt der Zoologe mit gewinnendem Lächeln und lehnt sich weit zurück bis vor den rechten Frauenkirchturm, nehmen Sie doch nur mal die Jungsteinzeit! Wie wir da lebten als Jäger und Sammler, ständig bedroht, gerade mal zehn Millionen. Und heute? Sind wir Milliarden. Das ist doch ein Erfolg! Und da reden Sie von schwarzer Geschichte? Markl schaut jetzt mit einer gewissen Strenge, doch noch immer lächelnd. Er sieht ein bisschen aus wie Loriot, so ungemein kultiviert bis in die letzte Anzugfalte hinein. Irgendwie schöngeistig. Zoologen haben wir uns immer ganz anders vorgestellt. Aber das Lächeln stimmt nicht. Loriots ist doppel- und dreifachbödig nach Art der Skeptiker. Hubert Markl dagegen lächelt beinahe pastoral. Der Fortschritt oder das Himmelreich, ganz egal, ihre Hüter kümmern sich sehr um ihre Schafe. Sind wir Schafe?

Aber was mir wirklich Angst macht, fährt Markl fort, ist genau dieser Erfolg. Also kennt der Präsident der avanciertesten deutschen Forschungsinstitution das Gefühl doch. Angst. Natürlich, denn Zoologen wissen am besten, wie das läuft mit den allzu erfolgreichen Arten, ganz abgesehen von den Milliarden Spezies, die ohnehin schon unter das vorwärtswalzende Rad der Evolution kamen.

Die Besten leben gefährlich

Aber auch die Besten leben gefährlich, wie jeder von sich selber weiß. An unserem Untergang, findet Markl einerseits, wäre wahrlich nichts Widernatürliches. Er hat uns einmal "den größten anzunehmenden Kuckuck" genannt. Wir besetzen keine Nische der Evolution wie jedes anständige Tier, sondern sind einfach überall.

Der größte anzunehmende Kuckuck hat nur einen einzigen natürlichen Feind: sich selbst. Mag sein, das ist zu viel. Und dazu die explodierende Kuckuckisierung der Welt. Vier Milliarden waren wir vor 20 Jahren. Heute sind wir sechs Milliarden. Eine Milliarde, stellt Markl kühlstmöglich fest, wäre absolut optimal. Er bemerkt unseren leicht verstörten Blick und gibt nach: Oder, sagen wir, eineinhalb Milliarden, vielleicht auch zwei. "Wenn dauerhafte Nachhaltigkeit das Ziel ist." Markl sieht sehr zufrieden aus jetzt. Wir wagen nicht zu fragen, was aus den übrigen viereinhalb Milliarden werden soll. Außerdem verdoppeln wir uns im Augenblick alle 47 Jahre. Was machen in 47 Jahren die überzähligen zehneinhalb Milliarden? Aber wahrscheinlich erkennt man an solchen Fragen schon den Wissenschaftslaien.

Vor zwei Jahren hat Markl ein Buch über solche Dinge geschrieben. Es trägt den symptomatischen Titel "Wissenschaft gegen Zukunftsangst". Darin lesen wir ein bedenkenswertes Szenario. Das Bevölkerungswachstum höre genau dann auf, wenn alle Reserven erschöpft sind. Wenn wir gewissermaßen Rücken an Rücken stehen und kein Grashalm mehr zwischen uns passt. Zehn Milliarden, schätzt Markl, mehr trägt die Erde nicht. Dann kommt der Crash. Die Frage ist, wer übrig bleibt. Die Max-Planck-Gesellschaft?

Eigentlich ist Markl gar kein Crash-Varianten-Denker. Der Zoologe in ihm mag den Max-Planck-Präsidenten zu solchem Realismus treiben; der Nicht-Zoologe, der Was-uns-vom-Tier-unterscheidet-Denker sieht die Sache ganz anders. Wären wir Kaninchen oder Schmetterlinge, müssten wir warten, was die Natur mit uns macht, sagt er, aber der Mensch funktioniert anders. Der Mensch verfasst Bücher wie "The population bomb". Er sieht also voraus, er kann reagieren. Und darum geht er auch nicht unter. In Markls Gesicht steht ein unerschütterliches Vertrauen. Man denkt noch kurz: Und was, wenn Markl nun die Menschheit mit der Max-Planck-Gesellschaft verwechselt? Aber solche Einwände werden seltsam schwach in seiner Gegenwart. Man ist zuversichtlich wie seit Jahren nicht mehr. So ungefähr muss es Voltaires Candide, Untermieter des Barons Thunder-ten-Thronckh zu Westfalen, mit seinem Lehrer Pangloss gegangen sein. Pangloss unterrichtete Candide in der Metaphysiko-Theologo-Kosmolo-Nigologie und bewies in bewundernswerter Weise, dass keine Ursache ohne Wirkung sein könne und dass es kein Übel ohne höheren Zweck gäbe. Etwa den Fortschritt der Wissenschaft.

Und BSE, fragen wir mit letzter schwacher Gegenwehr, lernt man nicht jetzt das alte Wort Sünde wieder neu verstehen?

Denn Sünde ist mehr als ein Fehler, es ist ein Sich-Vergehen an der Ordnung der Dinge. Eben genau wie die Gabe von toten Tieren an Pflanzenfresser. Kein Lächeln mehr. Draußen ist es schon so dunkel wie jetzt plötzlich in Markls Gesicht. Beide Türme der Frauenkirche auf einmal tauchen hinter seinem Rücken auf. Er beugt sich weit nach vorn über den Konferenztisch und sagt sehr grundsätzlich: "Das ist ein falscher Denkweg. Wer meint, die Kuh lebt vom Gras, irrt." Die Kuh lebe vielmehr von den Einzellern in ihrem Magen. Und dass sie auf deformierte Eiweiße so dramatisch reagiert, konnte keiner ahnen. Bis vor zwanzig Jahren habe man solche krankheitserregenden Eiweiße übrigens noch gar nicht gekannt. Nicht Sünde, ein Fehler war es, ein echtes ungelöstes Wissensproblem!, schließt Markl seinen kurzen Vortrag über BSE, Proteine und Prionen.

Wir hätten es ahnen müssen. In diesem Punkt reagiert der Präsident empfindlich. Könnte man seinen Standpunkt auch so zusammenfassen: Natur ist Unfug? Der Wissenschaftler verbessert: "Die strikte Trennung von Natur und Kultur ist nicht sinnvoll." Denn wird der Mensch nicht dadurch definiert, keine natürliche Grenze zu kennen? Ist Denken natürlich? Sind Waschmaschinen natürlich? - Ja, wir haben die Pflicht zu einer Moral der Widernatürlichkeit, sagte Markl vor ein paar Jahren gegen den Papst, diesen vorsätzlichen Untergeher im Namen einer natürlichen (Geburten-)Ordnung. Lemminge benehmen sich natürlich, wir nicht.

Unsere wahre Natur sei vielmehr die Kulturfähigkeit. Ob Bachs Kantanten, Horst Janssens Radierungen, die Raumfahrt oder eine CD-Rom - alles Entfaltungen unserer Natur. Markl findet sich bereit zu dem Zugeständnis, dass eine CD-Rom doch etwas anderes sei als eine Kantate. Eine Bachkantate wendet sich zurück an unsere Ursprünge, einer CD-Rom sind sämtliche Ursprünge egal. Und Markl? Begreift er unsere eigentümliche Doppelexistenz, immer Schöpfer und Geschöpf zugleich zu sein, Ingenieur und - Dichter? Und dass da eine Balance verloren geht, die schon Goethe schwinden sah? Auch Goethe müsste die veränderte Lage zur Kenntnis nehmen, überlegt Markl und sieht aus, als würde er Goethe trotz allem sofort in die Max-Planck-Gesellschaft aufnehmen. Bei Goethe hat ausgerechnet Famulus Wagner den Homunculus geschaffen. Mit Mephistos Hilfe. Was wollte der Dichter uns damit sagen?

Der wichtigste Wissenschaftsorganisator Deutschlands weiß genau, wie sehr die neuesten Entwicklungen unsere moralische Sensibilität berühren. Vielleicht kann man aus Embryonen oder Hirnen abgetriebener Föten Stammzellen isolieren, um Parkinsonkranke zu heilen. Aber es müsste bessere Wege geben. Vielleicht aus dem Blut Stammzellen gewinnen für den entscheidenden Fortschritt der Medizin, für die Heilung des, noch, Unheilbaren?

Markl hat sicher Recht, die Folgen der Wissenschaft heilt nur die Wissenschaft. Die manipulierte Schöpfung lässt sich nur retten, indem wir sie weiter manipulieren. Schräg gegenüber in der Oper hat die Abendvorstellung begonnen, letzter Nachklang aus der Welt des Werdens und Vergehens, der Schicksalshaftigkeit. Die Fenster der Max-Planck-Gesellschaft sind noch hell erleuchtet. Ein immerwährendes "Fiat lux!", sogar am Abend. Bislang wissen beide Welten wenig voneinander. Ihre Sprachen sind zu verschieden. Und in der Luft liegt der Frühling.

Auch der Fortschritt ist zuletzt eine Frage der Jahreszeit. Im Frühling glaubt noch jeder daran.

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