Zeitung Heute : Hürdenlauf der Helfer

32 Meter lang, zehn Meter breit – sieben solche Zeltungetüme haben die UN nach Sri Lanka gebracht. Start: Frachtflughafen Lüttich. Ziel: Kilinochchi. Ein Reisebericht

Ingrid Müller[Lüttich/Kilinochchi]

Der Riesenschlund der Frachtmaschine schwankt gewaltig, und Marc Clety, der Lademeister, legt seine Stirn in Falten. Es droht Sturm.

Vom verschlafenen Frachtflughafen in Lüttich-Bierset sollen an diesem Samstagmorgen sieben riesige Vorratszelte via Dubai nach Colombo auf Sri Lanka gehen, Wert: 150 000 Euro. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen schickt sie dorthin, in einer Maschine der belgischen Gesellschaft TNT, denn auf der vom Tsunami zerstörten Insel stehen auch die Lagerhäuser nicht mehr, um Lebensmittel trocken und Ratten fern zu halten, um Decken, Wasser, Medikamente zu lagern. 13 Mann schwitzen schon seit dem frühen Morgen, um 3500 Kilo Fracht zu verstauen. Aber jetzt ist das ganze Unternehmen in Gefahr: Ab 60 Knoten Windgeschwindigkeit darf die Ladeluke nicht mehr geöffnet werden. Viel stärker darf der Wind jetzt nicht mehr werden.

Er wird nicht stärker, der Wind. Es klappt haarscharf – so, wie es bei eiligen Unternehmen eben immer klappt, weil es klappen muss. Um elf Uhr hebt Flug 1449 in den grauen, wolkenverhangenen Himmel ab. Sieben Zelte sind auf ihrem Weg vom ruhigen spendenfreudigen Europa ins Land der Katastrophe.

Am Anfang verläuft die Reise von Hilfsgütern meist ruhig, spannend wird es erst später, dann, wenn die unvermeidlichen Pannen passieren, wenn es Ärger gibt an Checkpoints, mit Soldaten und mit schlammigen Straßen. Als der Flieger durch die Wolken bricht, setzen Kapitän Yves Jeanmotte und sein erster Offizier Bertrand Maymon erst einmal die Sonnenbrillen auf die Nase. Sie genießen es, tagsüber zu fliegen, sonst sind sie immer nachts unterwegs. Irgendwann am Nachmittag verdrücken sie Nudelsalat, Hühnchen und ein paar Brötchen. Warmes Essen gibt es im Frachtflieger nicht.

Als endlich Dubai auftaucht, empfangen die Lichter der Landebahn die Maschine, als landete sie zu Weihnachten auf dem Empire State Building. Die erste, die ruhigste Etappe ist geschafft. Ab jetzt erhöht sich das Tempo.

Parkposition E13, Dubai Airport, 17 Uhr 20, hier endet der Einsatz dieser Crew für heute. Mit drei Mann kommt der neue Kapitän an Bord. Viel Zeit hat er nicht, die Zelte sollen ans Ziel. Nach einer Stunde sind 45 092 Liter Kerosin im Tank. Um kurz vor 19 Uhr startet Flug 1449 wieder. Weit unten sind die Städte südlich von Bangalore zu sehen, voraus am Himmel Wetterleuchten. „In Europa sehen wir so etwas nie“, sagt Jonathan Smith, der Erste Offizier. Noch eine Stunde bis Colombo. Noch eine Stunde bis es richtig losgeht.

22 Uhr 45: „Hello 1449.“

Die Landung in Colombo ist hart – ein Riesenknall. Bordingenieur Noel Barnes reißt die Cockpittür auf. „Habt ihr ’ne Kuh überfahren?“ Und vom Tower die Frage: „Ist Ihnen ein Reifen geplatzt?“ Später wird klar: Ja, ein Reifen ist explodiert, der Riss misst mehr als einen halben Meter.

Über Funk gibt es nun eine umständliche Einweisung zum Parken. Neben der Maschine aus Sri Lanka, gegenüber den drei Iljuschins aus Russland, es ist allerhand los auf dem Flughafen. „Lächeln, immer lächeln“, sagt der Kapitän entnervt, als er endlich die Motoren abstellt. In Colombo ist es 4 Uhr 25. 40 Minuten später taucht schließlich die Hebebühne auf, um die Zelte zu entladen. Und dann beginnt der Papierkram.

Bis morgens um elf wird es dauern, ehe die Formalitäten für die Fracht am Flughafen erledigt sind. Für die Helfer aus aller Welt, die seit dem Tag der Welle, seit dem 26. Dezember, hierher kommen, hat die Regierung einen eigenen Einreiseschalter eingerichtet, sie sollen nicht Schlange stehen müssen. Auch die Fracht soll schnell abgefertigt werden: Schon am Sonntag verlassen die Zelte den Zoll. Aber: Jetzt müssen noch Trucks organisiert werden, und die sind rar in diesen Tagen. Alle brauchen sie, um Hilfe zu den Tsunami-Opfern zu bringen. Das alles wird mindestens 24 Stunden dauern.

Während zwei Logistiker des Welternährungsprogramms Stangen und Planen ihrer Vorratszelte nochmal überprüfen, wird im Lagerhaus von Welisara, einem Stadtteil von Colombo, bei über 30 Grad unermüdlich Reis aufgeladen. Zehn oder 20 Tonnen passen auf einen Laster, alle halbe Stunde etwa kann einer das Lagerhaus verlassen.

Den Ladehelfern, Männern wie Hari Haran, hat der Tsunami so etwas wie Glück gebracht. Der 31-Jährige und seine Kollegen waren vor dem Tsunami noch Tagelöhner – jetzt sind sie plötzlich gefragte Leute. Sonst verdient Hari Haran 300 Rupien am Tag, wenn er überhaupt Arbeit bekommt, dieser Tage kommt er auf 500. Etwa 3,70 Euro.

Man trifft viele Menschen in Colombo, die trotz der Katastrophe so etwas wie Zufriedenheit ausstrahlen. Zu ihnen gehört Mack Ramachandran, der Nothilfekoordinator des Welternährungsprogramms hier. Trotz aller Probleme hat die Organisation in zehn Tagen 750 000 Tonnen Lebensmittel im Land verteilt, sagt Mack stolz. „Eigentlich müssten wir eine Flasche Champagner aufmachen, aber für so was ist keine Zeit“, sagt er zwischen zwei Zügen an seiner Zigarette, bevor er wieder am Handy ist. Mack hat große Pläne. 60 Trucks voller Hilfsgüter will er jeden Tag auf die Reise schicken, 13 lässt das World-Food-Programm extra einfliegen. Aber noch immer geht es den Krisenmanagern zu langsam. „Wenn wir erst die Eisenbahn benutzen können…“ , sagt Ramachandran fast begeistert.

So weit ist es noch lange nicht. Und auch mit den Trucks klappt es an diesem Tag nicht mehr wie geplant. Erst am Dienstag um 13 Uhr können die ersten beiden Vorratszelte mit zwei Lastwagen endlich Richtung Norden, in die Bürgerkriegsregion aufbrechen. Eins soll nach Kilinochchi, Hauptstadt der Tamilentiger, eins nach Mullaitivu, eine der am schwersten geschädigten Regionen im Bürgerkriegsgebiet an der Nordostküste. Quer durchs Land werden die Laster fahren, vorbei an den Frauen, die am Straßenrand Cashewnüsse verkaufen. Sie werden sich durch das Verkehrschaos quälen, in dem alle so wild durcheinander fahren, dass die meisten UN-Mitarbeiter hier nicht selbst ans Steuer wollen, vorbei an riesigen Werbetafeln für Mercedes und Super Cream Cracker.

353 Kilometer sind es von Colombo nach Kilinochchi. Autobahnen oder wenigstens Schnellstraßen gibt es nicht. Seit dem Tsunami ist es zwar für die Hilfsorganisationen einfacher geworden, in die Zone der Rebellen zu kommen, aber ganz ohne Bürokratie geht es auch für sie nicht. Hinter Vavuniya warten die Checkpoints von Armee und Tamilentigern. Denn wer nach Norden will, muss angemeldet sein, eine „Clearance“ haben; nach 20 Jahren Bürgerkrieg fällt Vertrauen nicht leicht. Zwar sind die Kontrollen gelockert worden, trotzdem wird noch jedes Nummernschild, jeder Pass gecheckt. Ein bisschen erinnern die Kontrollen an die ehemaligen DDR-Grenzen auf dem Weg von und nach Berlin.

Die Lastwagen mit den Hilfsgütern der Vereinten Nationen werden in diesen Tagen normalerweise an den Kontrollstellen einfach durchgewinkt. Aber weil die Zelte nicht Eigentum der Tamilenhilfsorganisation TRO werden, muss verhandelt werden. Drei Stunden. Und noch eine Schwierigkeit: Die Lkw-Fahrer waren zum falschen Büro gefahren, um die Papiere zu holen, hatten niemanden angetroffen – und sich erst einmal schlafen gelegt. Die italienischen Experten für den Zeltaufbau, Francesco D’Abronzo und Nunzio Melacca, warten unterdessen bereits in Kilinochchi. Für sie gelten andere Einreisebedingungen. Ab Vavuniya durften sie sich im UN-Landcruiser mit Funk, Flagge und Blinklicht auf dem Dach durchs Katastrophengebiet schlagen. So gewinnen sie ein paar Stunden Vorsprung und können schon mal nachsehen, wie der Boden für die Lagerzelte vorbereitet ist.

Diese Vorbereitung ist Aufgabe des 64-jährigen Thanigasalam, der früher einmal Techniker bei der sri-lankischen Luftwaffe war. Jetzt ist er mit seinen Nerven beinahe am Ende. Längst wollte er mit dem Planieren des Bodens fertig sein, bis in die Nacht hat er in den vergangenen Tagen geschuftet. Eigentlich sind dafür auch nagelneue Maschinen da, aber: „Wir haben keine Leute, die sie bedienen können. Und Zement gibt es auch nicht.“ Nach 20 Jahren Bürgerkrieg gebe es keine Händler mehr in dieser Gegend, schimpft der hagere grauhaarige Mann. Viele haben die Region verlassen oder sich den Tigern für den Kampf angeschlossen. Thanigasalam hat drei Männer ausprobiert, bevor er einen Fahrer für die Planierraupe hatte. Irgendwie klappt es dann doch noch. Fast auf die Minute, als die Trucks ankommen – nach mehr als 27 Stunden Fahrt, mitten in der Nacht.

Am nächsten Morgen, es ist Donnerstag, sind Francesco und Nunzio schon um halb sieben auf den Beinen. Jetzt sehen sie, was sie bei ihrer Ankunft am Abend vorher in der Dunkelheit nur im Schein von ein paar Kerosinlampen haben erahnen können: gegenüber eine kleine Ladenzeile, im Lebensmittelladen gibt’s auch Diesel, den Liter für umgerechnet einen halben Dollar, und dort bügelt Gopalasingham mit seinem kokosholzkohlebetriebenen Bügeleisen Schuluniformen und Hemden. Jetzt endlich soll es ans Aufbauen gehen. Um neun liegt das Zeltskelett bereit. Eine halbe Stunde später wuchten 13 Mann mit Seilen und Hämmern den ersten Zeltrahmen in die Höhe.

„Hier brauchen die Leute die Hilfe dringend, noch dringender als anderswo auf der Insel“, sagen die Manager von der tamilischen Tsunami-Task-Force in Kilinochchi und Mullaitivu. „Was der Krieg nicht zerstört hat, hat der Tsunami genommen.“ Die Tiger haben sich viel vorgenommen. Schon in sechs Monaten wollen sie neue Häuser gebaut haben. Die Hälfte der Menschen konnte bereits zurückkehren, deren Häuser waren nicht so schwer beschädigt, sagt Miguthan, der 23-jährige Vizepräsident der Task Force. Er hofft, dass auch Handwerker aus dem Süden Sri Lankas kommen, um hier zu helfen.

Im nächsten halben Jahr werden die Menschen hier nichts anderes tun können, als ihre Häuser wieder aufzubauen. Dabei haben sie das gerade erst hinter sich. Viele hier haben sich in den vergangenen zwei Jahren nach dem Waffenstillstand mit der Regierung neu an der Küste eingerichtet. Vor kurzem waren die Schulen wieder fertig, die Kirchen restauriert.

300 bis 500 Meter vom Strand entfernt sollen nun die neuen Häuser stehen, sagt Miguthan. Nach der Welle wollen sie nichts mehr riskieren. Am Strand haben sie schon mächtig aufgeräumt. Bulldozer, Minenräumer, Trucks, auf einem breiten Streifen ist der Schutt schon verschwunden, den schütten sie am andern Ende der Landzunge ins Wasser.

Am Freitagabend, knapp eine Woche nach der Abfahrt in Lüttich, steht das erste Zelt in Kilinochchi. 32 Meter lang, zehn Meter breit. Jetzt ziehen Francesco und Nunzio weiter. Zuerst nach Mullaitivu, dort wird die nächste mobile Vorratskammer aufgestellt. Das Gelände ist schon gerodet, ein Zaun gezogen. Und danach geht es weiter. Nach Ampara, Batticaola, Trincomalee, Galle …

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