Zeitung Heute : Hüter des Hauses

75 Jahre schon lebt Viktor Melnikow in diesem weltberühmten Gebäude. Sein Vater hat es erbaut. Aber nun verfällt es. Verzweifelt versucht er, sein Heim vor dem Abrisswahn in Moskau zu retten

Bernhard Schulz

Es war ihm ein wenig bange, dem alten Herrn, als er nach Berlin fuhr, um Hilfe zu erbitten. Viktor Melnikow hat immer Angst davor, sein Haus zu verlassen. Davor, was die Mächtigen, was die Spekulanten mit dem Haus tun, wenn er nicht da ist. Ob sie es einfach abreißen? Das kommt vor, im Moskau dieser Tage, wo gebaut und gebaut wird, wo die Immobilienpreise in die Höhe schießen und undurchsichtige Geschäfte gemacht werden, weil Baugrund fast überall noch in staatlicher Verfügungsgewalt ist. Über die ehrgeizigen Bau-Aktivitäten von Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow spricht man am besten hinter vorgehaltener Hand. Das Wort „Luschkow“ fällt oft im Gespräch mit Viktor Melnikow.

Das Haus des alten Herrn ist ein besonderes. Sein Vater hatte es Ende der 20er Jahre gebaut, der berühmte sowjetische Avantgarde-Architekt Konstantin Melnikow, 1890 geboren, 1974 gestorben. In allen Kompendien der modernen Architektur ist das Haus abgebildet. Zwei mehrstöckige Zylinder, hintereinander gesetzt und miteinander verschränkt, bilden den eigenwilligen Grundriss. Die Fassade ist voller rautenförmiger Fenster. Viktor Melnikow lebt seit 75 Jahren in dieserm Haus, seit 25 Jahren allein. Vor ein paar Tagen erst ist er 90 geworden. Sein Lebensinhalt ist mehr denn je die Bewahrung des väterlichen Erbes. Aber da gibt es Probleme.

Melnikows Haus steht nämlich mitten in der Stadt, in einer bevorzugten Gegend, wo auch Banken und Firmen ihre Repräsentanzen gebaut haben, voller Geschäfte und Spaziergänger. Die schmale Krivoarbatskij-Gasse bildet eine Parallelstraße zum Arbat, der durch zahllose Bücher und Lieder berühmt gewordenen Flaniermeile. Die Begehrlichkeiten sind groß, dort ein renditeträchtiges Bürohaus zu errichten. Und entsprechend groß ist die Furcht bei Viktor Melnikow.

Nur deshalb war er Mitte Dezember nach Berlin gereist – mit dem Zug, denn das Fliegen verträgt der alte Herr nicht mehr. Im Martin-Gropius-Bau, wo bis zum 10. Januar die Ausstellung „Russische Avantgarde“ zu sehen ist, trug er sein Anliegen vor: das Melnikow-Haus unter Schutz stellen, sanieren und zu einem Museum für das Lebenswerk seines Vaters umgestalten. Den Zuspruch der Berliner Architekturinteressierten gewann er leicht – die Umsetzung ist jedoch eine andere Sache. Als Melnikow wieder zurückfuhr, nahm er gute Wünsche und Sympathiebekundungen mit. Aber konkrete Pläne für sein Haus gibt es immer noch nicht.

Besuch bei Melnikow in Moskau wenige Tage später. Eine dünne Schneedecke verhüllt Haus und Grundstück. Hinter einem mannshohen Holzzaun erhebt sich die Fassade. Über dem großen Atelierfenster, das in den vorderen Zylinder geschnitten wurde, steht selbstbewusst „Konstantin Melnikow, Architekt“. Eine Jahreszahl steht da nicht, aber es war 1929, als Melnikows Vater und seine Familie dieses Haus bezogen. Es war jenes verhängnisvolle Jahr, da Stalin zum Generalsekretär der KPdSU gewählt wurde. Bald darauf war es vorbei mit der modernen Architektur, mit der gesamten Avantgarde in Kunst und Kultur. Die Wohnungsnot war unbeschreiblich. Hunderttausende lebten in so genannten Kommunalkas, durch Aufteilung früherer bürgerlicher Etagenwohnungen geschaffene Gemeinschaftswohnungen, in die die Mietparteien zwangseingewiesen wurden. Und genau in diesem Jahr entsteht das damals wohl einzige Privathaus Moskaus inmitten der Kollektivgesellschaft.

Viktor Melnikow hört nicht mehr gut. Es dauert ein Weilchen, ehe er an diesem grauen, nur vom Schnee erhellten Morgen die Tür öffnet, ein alter Herr in weißem Hemd und grauer Hose, mit schütterem Haar, aber sehr energischem Kinn. Er kommt selbst ans Tor, für den kleinen Weg hat er sich eine Pelzmütze aufgesetzt. Er bittet ins Haus und darum, die Straßenschuhe abzulegen. Linkerhand öffnet sich ein Wohnzimmer voller Möbel aus vergangenen Zeiten. Sessel mit hohen, gedrechselten Lehnen stehen um den Esstisch, auf dem sich Zeitschriftenstapel türmen, obenauf Berichte über seinen Berlinbesuch. Links prangt die altrussische „schöne Ecke“ mit einer Ikone. Wenn man denn „Ecke“ sagen kann, denn die Optik ist eigenwillig: Ecken und Kanten gibt es hier kaum, fast alles ist rund im Innern der Zylinder, auch Treppen und Wände. Die Räume fließen ineinander.

Jene Ikone stammt aus dem Jahr 1912, dem Hochzeitsjahr von Viktors Eltern, Konstantin und Anna Melnikow. Zwei Jahre später kam Viktor zur Welt. Als er 14 war, zog die Familie in das aus Backstein gemauerte, innen und außen verputzte Zylinder-Haus ein. Viktor Melnikow hat später Malerei studiert. 1943 machte er seinen Abschluss, um sogleich als Kriegsmaler eingesetzt zu werden. Seine Bilder fielen jedoch zu wenig heroisch aus – und er in Ungnade, wie der Vater. Als dieser für einige Jahre in die Provinz verbannt wurde, begann Viktor mit dem, was er noch heute tut: Er hütete das Haus und kämpfte für die Anerkennung des Vaters und seines Werkes.

Überraschend behende erklimmt er die gebogenen Treppen, um das Haus zu zeigen. Er muss sie tausende Male gestiegen sein. Unermüdlich ist sein Eifer, über das Werk des Vaters und das drängende Problem der Erhaltung des Gebäudes zu sprechen. Er lässt sich beim Erzählen nicht unterbrechen, die Dolmetscherin kommt kaum noch hinterher.

Ende der 20er Jahre stand Viktors Vater Konstantin Melnikow im Zenit seines Ruhms. Fünf seiner Entwürfe von Arbeiterklubhäusern waren gleichzeitig im Bau. Diese Klubs waren eine der bedeutendsten Bauaufgaben der jungen Sowjetunion: Alle Avantgarde-Architekten experimentierten damals mit der Anordnung von Lese- und Theatersälen für Bildung und Unterhaltung der in die Städte strömenden Industriearbeiter. Melnikows Moskauer Klubhäuser stehen noch, nur dass sie jetzt privat genutzt werden – wenn überhaupt. Der berühmte „Rusakow“- Klub mit seinen drei auskragenden Zuschauerräumen, einem überdimensionalen Zahnrad nachempfunden, rottet heute mit Frostschäden vor sich hin.

Vom Honorar für die Klubhäuser aber, erzählt der Sohn, hatte der Vater sich den Bau seines eigenen Hauses erlauben können. Das wurde allerdings nur deshalb offiziell bewilligt, weil der Architekt den Bürokraten ein Schnippchen schlug: Konstantin Melnikow gab das Haus als Experimentalbau aus, als Prototyp eines durch die Addition weiterer Zylinder vergrößerbaren Reihenhauses für die Arbeitermassen.

Daraus geworden ist nichts. 1932 wurde der Konstruktivismus, dem man Melnikow zurechnete, verboten. Als der Architekt 1933 gemeinsam mit den bedeutendsten Baumeistern der Moderne zu einer Gemeinschaftsausstellung nach Mailand eingeladen wurde, durfte er schon nicht mehr reisen. Zwei Mal nur hat er Russland überhaupt verlassen; das letzte Mal 1925, als er bei der Pariser Art-déco-Ausstellung den russischen Pavillon als glasverkleidete Tragstruktur entwarf. Das machte ihn auf einen Schlag weltberühmt. Im Moskauer Zylinderhaus hängen noch immer die Plakate von der Mailänder Triennale 1933, so, als wolle sich Viktor Melnikow tagtäglich der Bedeutung seines Vaters versichern, als wolle er die Ängste rechtfertigen, die er ausstehen muss um sein Privathaus in Moskaus teurer Mitte.

Jetzt ist das Haus, dieses Vermächtnis eines Individualisten inmitten einer Kollektivgesellschaft, in sichtbar schlechtem Zustand. Eine Teilerneuerung vor gut zehn Jahren war, gelinde gesagt, Pfusch. Das Dach ist undicht, und von unten drückt sich das Grundwasser hoch. Das Haus hatte sich gesenkt, als man unter Breschnew die Neubauriegel am Kalinin-Prospekt durch das Viertel schlug. Der Holzfußboden ist teilweise aufgebrochen. Eingekeilt steht der weiße Bau zwischen hohen, gleichgültigen Nachbarhäusern. Der Garten ist verwildert, Katzen streunen herum.

Für ein öffentlich zugängliches Museum ist das Haus zu empfindlich; das müsste in einem Nachbargebäude eingerichtet werden. Aber die Zeit drängt, denn es steht vor dem Verfall. Melnikows Zylinderbau ist ein Denkmal, ja – aber eines für die Visionen der 20er Jahre, und die frühsowjetische Avantgarde ist Geschichte für das heutige Russland. Für dergleichen haben Moskau und sein Bürgermeister nur geringes Verständnis.

Luschkows Name fällt wieder. Viktor Melnikow hat Tee bereitet; etwas umständlich, zeremoniell. Den serviert er in der Küche, die der Vater geschickt in ein gerundetes Abteil des Erdgeschosses eingefügt hatte. Es ist alles wie damals, im Jahr 1929.

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