Humboldt-Universität : Von Palais und Pavillons

Die Wissenschaft gibt mit ihrer Architektur der Berliner Mitte ein Gesicht.

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Weitblick. Mit der Grimm-Bibliothek hat die HU in Berlins Mitte erneut ein architektonisches Zeichen gesetzt. -Foto: Kleist-Heinrich

Prachtvoller kann man in Berlin kaum residieren als die Humboldt-Universität. Das Prinz-Heinrich-Palais, Stammsitz der 1810 als Friedrich-Wilhelms-Universität begründeten Einrichtung, schaut rechts hinüber zum Opernhaus sowie zur ehemaligen Königlichen Bibliothek und links in Richtung Schloss, künftig also zum Humboldt-Forum. Von Humboldt zu Humboldt! 1753 vollendete der Barockbaumeister Johann Boumann das Palais des Prinzen Heinrich. Es ist bis heute äußerlich unverändert. Abgesehen von grundlegenden Umbauten im Inneren fügte Stadtbaurat Ludwig Hoffmann zwischen 1913 und 1920 jene charakteristische Vierflügelanlage an, die dem Haupthaus insbesondere den rückwärtigen Gartenhof schenkte. Die bauliche Geschichte der Berliner Wissenschaften beginnt indessen nicht erst im Jahr 1810.

Als Kleinod erwähnt sei das „Anatomische Theater“ der 1786 begründeten Tierarzneischule, 1790 errichtet von dem Erbauer des Brandenburger Tores, Carl Gotthard Langhans. Noch älter ist die Charité, das 1710 als Pest- und Pockenhaus gegründete Krankenhaus vor den damaligen Toren der Stadt, das Wilhelm von Humboldt als Lehrkrankenhaus in die Universität inkorporierte. Ihre Baugeschichte spiegelt den insbesondere im späten 19. Jahrhundert rasanten medizinischen Fortschritt und die damit einher gehenden Neuerungen in der Behandlung von Krankheiten, die die Weiternutzung älterer Gebäude unmöglich machte.

Kaum ein Bautyp, kaum eine Gebäudeform, die in der Berliner Wissenschaftsarchitektur nicht vertreten wäre. Ein Berliner Kennzeichen ist die Unterbringung wissenschaftlicher Einrichtungen in eigenen Neubauten; der Sitz der heutigen Humboldt-Universität bildet insofern die große Ausnahme. Darin spiegelt sich das Wachstum der beschaulichen Residenzstadt aus Barock und Rokoko zur klassizistisch geprägten Metropole: Die Stadt hatte schlichtweg keinerlei bauliche Reserven zu bieten, die neugegründete Institutionen hätten beziehen können.

Wie sehr die historische Mitte Berlins zugleich die geistig-kulturelle Mitte der Stadt war und ist, machen die großen Einrichtungen von Forschung und Wissenschaft deutlich. In Mitte haben sie seit jeher ihren Sitz, ihre Gebäude, ihre Archive und Bibliotheken. Was wären der Linden-Boulevard, der Gendarmenmarkt, aber auch der Nordosten des Bezirks ohne die ebenso repräsentativen wie – im preußischen Berlin selbstverständlich – funktionalen Bauten wissenschaftlicher Institutionen? Dies festzustellen, heißt nicht, die weiteren Hauptstandorte universitärer und forschender Einrichtungen in Berlin gering zu schätzen. Es bedeutet lediglich, den enormen Reichtum, der seit der Wiedervereinigung 1990 sichtbar geworden und sichtbar gemacht worden ist, durchaus staunend wahrzunehmen.

Das gilt auch für eine einstige Randlage der Stadt. Die bedeutendste Umgestaltung der großen Einrichtungen erfuhr im 19. Jahrhundert die Charité. Längst inmitten der neuerdings von Industrie dominierten Stadt gelegen, wurde sie im Jahrzehnt um die Jahrhundertwende komplett abgerissen und neu gebaut. Das in Berlin in vielen Krankenhäusern erprobte Pavillonsystem kam nur noch verändert zur Ausführung; die Entwicklung war schon wieder vorangeschritten.

Gleichwohl lässt sich der Grundgedanke an der Aufreihung der funktional getrennten Bauten entlang einer zentralen Erschließungsachse bis heute verfolgen. Besaß die alte Charité mit ihrem 1797 vollendeten Gebäude ein für damalige Verhältnisse enormes Haus, so gliedert sich ein Jahrhundert später der Komplex in diverse Einzelbauten, die stilistisch nicht zuletzt die märkisch-norddeutsche Backsteinbauweise aus Spätgotik und Renaissance in Erinnerung rufen – ein Motiv, das in Berlin gegen den Historismus der Gründerzeit besonders zur Geltung kam.

Einen vergleichbaren Neubeginn gab es nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Charité das führende Krankenhaus der DDR darstellte. Nach den Neubauten der fünfziger Jahre war es vor allem das Bettenhochhaus an der Luisenstraße, 1981 fertiggestellt, das das Erscheinungsbild des weit ausgreifenden Komplexes bis heute prägt. Dass sich die Ergänzungsbauten seit der Wiedervereinigung in das Grundraster der Charité einordnen, spricht für dessen Anpassungsfähigkeit, aber ebenso für die Notwendigkeit, ein zentral gelegenes Lehr- und Forschungskrankenhaus in Berlin zu bewahren.

Die Berliner Universität erfuhr demgegenüber im 19. Jahrhundert keinerlei Erweiterungen. Vielmehr wurde das Prinz- Heinrich-Palais im Zuge der Spezialisierung der Fakultäten im Inneren fortwährend umgebaut und aufgeteilt. Nach der Medizin drängten auch die Naturwissenschaften in eigene, funktional ausgestattete Bauten, wie sie etwa für die Physik zwischen Spree und Dorotheenstraße entstanden. Am dringlichsten war im späten 19. Jahrhundert das Problem einer eigenen Bibliothek. Ein erster Bau an der Dorotheenstraße war von Anfang an unzureichend. Die Königliche Bibliothek hingegen, die berühmte „Kommode“, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts vollständig zum Aula- und Hörsaalgebäude umgebaut. Es blieb nur die barocke Fassade. Als Dauerprovisorium erhielt die Universitätsbibliothek Wohnrecht im Neubau der Neuen Königlichen Bibliothek Unter den Linden, der eben noch vor Kriegsbeginn 1914 eingeweiht werden konnte.

Ihre große Zeit hatte die Institution als Preußische Staatsbibliothek in den zwanziger Jahren. Nur drei Jahrzehnte lang war das Gebäude mit seinem gewaltigen, an den Vorbildern europäischer Hauptstädte orientierten Kuppellesesaal in voller Benutzung, ehe nach 1945 ein mehr als doppelt so langes Provisorium begann.

Mit dem Jakob- und Wilhelm-Grimm- Zentrum erhielt die Universitätsbibliothek im vergangenen Jahr 2009 erstmals ein vollgültiges Gebäude. Nach mehreren, architektonisch bemerkenswerten Umbauten älterer Substanz im gesamten Quartier bildet die neue Bibliothek das Zeichen dafür, dass die erste Universität Berlins ihren zentralstädtischen Standort behaupten und weiterhin prägen will.

Und die Akademie der Wissenschaften? Sie hat durch ihre bewegte Geschichte den bevorzugten Platz Unter den Linden verloren, den sie seit 1752 innehatte. 150 Jahre lang residierte sie auf mittlerer Höhe des Linden-Boulevards in dem von Johann Boumann 1752 umgebauten Marstall, ehe sie Anfang des 20. Jahrhunderts der Staatsbibliothek weichen musste, in deren Gebäude sie fortan Unterschlupf fand. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel die Akademie als Institution an den Berliner Magistrat und damit unter sowjetische Aufsicht. Die Sowjetische Militäradministration war es, die der Akademie 1949 das Eckhaus am Gendarmenmarkt zur Verfügung stellte, in dem die – 1972 umbenannte – „Akademie der Wissenschaften der DDR“ bis zur Auflösung 1991 ihren Sitz hatte. Die im Jahr darauf begründete Berlin-Brandenburgische Akademie knüpft daran an. Vom Dachpavillon des mittlerweile sorgsam restaurierten Gebäudes entfaltet sich ein hinreißendes Panorama der Berliner Mitte, in der die Architektur für Forschung und Wissenschaften mehr denn je Akzente setzt.

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