Zeitung Heute : Humor?

GREGOR SCHMIDT-STEVENS

Die Staatskapelle mit Berio und Mahler im SchauspielhausGREGOR SCHMIDT-STEVENSTexte von Claude Lévi-Strauss, Martin Luther King, Samuel Beckett, James Joyce, Studentenparolen - wie paßt das alles zusammen? Luciano Berio hat 1968 aus ihnen eine Collage angefertigt und für seine "Sinfonia" verwendet, ein Werk für acht Stimmen und großes Orchester.Die Staatskapelle spielte es nun im Schauspielhaus, den Vokalpart hatten die Swingle Singers übernommen.Daß die Texte größtenteils unverständlich blieben, ist nicht ihnen anzulasten, sondern vom Komponisten beabsichtigt: Die Worte und Phoneme werden rein musikalisch, als Klangmaterial verwendet.Der Grad der Verständlichkeit ist Teil der Komposition, und in diesem Sinne differenzierten die Swingle Singers famos. Im Zentrum des Werkes steht der dritte Satz: zum Sprachgewirr tritt hier ein musikalisches Pasticcio.Den Hintergrund bildet das Scherzo aus Mahlers zweiter Sinfonie, vor dem Fragmente von Bach bis Boulez in Erscheinung treten.Der mit Berios Musik bestens vertraute kalifornische Dirigent David Robertson legte analytisch klar die Struktur der Montage bloß und verdeutlichte so den Humor der Partitur. Humor, wenngleich ganz anderer Natur, spielt auch eine Rolle in Gustav Mahlers vierter Sinfonie.Doch davon, daß Mahler in ihr eine Maske trägt, "die Euch manchmal wohl etwas sonderbar angrinst", war in David Robertsons Interpretation kaum etwas zu merken.Trocken, kontrastarm und langweilig zogen die Sätze vorüber; die Spannung zwischen Naivität und Gebrochenheit, die das Werk auszeichnet, vermochten Robertson und die Staatskapelle nicht darzustellen.Da konnte auch Dorothea Röschmann im letzten Satz nicht mehr viel retten, obwohl sie mit wunderbar nuancierter Altstimme ein farbenfrohes Bild des Paradieses malte.Aus dem dramaturgischen Potential der Vierten kann man weitaus mehr Funken schlagen.

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