Zeitung Heute : Hunger in Masuren

Die Schulspeisung ist ihre einzige Mahlzeit: Jedes dritte polnische Kind ist unterernährt

Thomas Roser[Garbno]

Sie betritt den Saal – die Kantine ihrer Schule – und wird verlegen. Obwohl sie dort nichts anderes sieht als Tag für Tag. Gelbliche, blasse Kindergesichter, vor der Essensausgabe. Es sind ihre Kinder, sie ist Schuldirektorin, und für viele der Schüler ist dies der wichtigste Moment des ganzen Tages. Wenig später sitzen sie an den Kantinentischen und löffeln gierig ihre Suppe. Manche klemmen den Hähnchenschlegel des Hauptgerichts zwischen zwei Brotscheiben und stecken das Ganze dann in die Schultasche. „Für ihre kleineren Geschwister“, sagt die Schuldirektorin.

Stefania Siewruk-Welens ist 42 Jahre alt, sie ist hier in Garbno, in Polens Norden, geboren, und sie steht der Dorfschule vor – 350 Schüler, 50 Angestellte. Manche würden diese Direktorin vielleicht lebensfroh nennen, sie will sich jedenfalls nicht geschlagen geben. Ihr Beruf sei ihre Berufung, auch wenn sie oft nicht mehr weiter weiß. Sie hat rot gefärbte Haare und ist sorgfältig geschminkt, und sie sagt: „Für ein Viertel der Kinder ist das Schulessen die einzige Mahlzeit am Tag.“

Auf den Feldern hinter der Schule stehen die Wohnblocks der früheren Kolchos-Landarbeiter. Die Kirche, der Lebensmittelladen, die Dorfstraße – ein tristes Winterbild. Der Schnee auf den Dächern ist das Einzige, was dem 800-Einwohner-Dorf westlich von Ketrzyn (Rastenburg) etwas Beschaulichkeit verleiht. Es ist Vormittag. Mit leerem Blick taumelt ein Zecher durch die Hauptstraße.

Der Ort liegt nicht weit entfernt von den Seen und Wäldern Masurens, das mittlerweile zu einem beliebten Ziel für Urlauber, vor allem für deutsche, geworden ist. Die zwischen Hügeln und stillen Wäldern eingebettete Seenplatte lockt jährlich Hunderttausende ins einstige Ostpreußen. Aber nur wenige Kilometer abseits beginnt die vergessene Armut des Landes, das im Mai der EU beitreten wird.

Mehr als die Hälfte der Leute in Garbno ist arbeitslos. Jede vierte Familie ihrer Schulkinder habe kein Einkommen, sagt Siewruk-Welens – bis auf die 50 Zloty Sozialhilfe im Monat. Das sind 10 Euro 60. „Wie die Leute überleben, ist mir ein Rätsel.“ Einige Familien hätten wegen unbezahlter Mieten und Rechnungen keinen Strom und kein Wasser mehr. Sie haben in diesem dunklen Winter also noch nicht einmal elektrisches Licht.

Bis zur Wende von 1989 war die Kolchose von Garbno eine der ertragreichsten des Landes, mehr als 1000 Landarbeiter waren dort beschäftigt. Anfang der 90er Jahre wurde die Kolchose geschlossen. Damit begann der Abstieg von Garbno, der bis heute anhält. Und nicht nur diesen Ort hat es getroffen, sondern die ganze Region. Auf dem Land und in den Schwerindustrie-Regionen Oberschlesiens leben immer mehr Arme.

Vom „hungrigen Polen“ schreibt die Zeitung „Zycie Warszawy“, sie beziffert die Zahl hungriger und unterernährter Menschen auf „mehrere Millionen“. In einer Studie des Wirtschaftsministeriums und des Wohlfahrtsverbands Polnische Humanitäre Aktion steht, dass rund 30 Prozent der polnischen Schüler mangelhaft ernährt sind. Am größten sei die Not in Gegenden wie der um Garbno, die einst von großen Landwirtschafts-Kolchosen geprägt waren.

Die Abfindungen für die Landarbeiter bei der Auflösung waren zu klein – davon konnten sie sich keine eigenen Äcker kaufen. Die Kolchose sei für sie „Mutter und Vater zugleich“ gewesen, habe alles für sie geregelt, sagt Stefania Siewruk – Eigeninitiative sei nicht nötig gewesen. „Kämpfen hatten die Leute nicht gelernt, sie waren auf dem freien Markt von Anfang an verloren.“ Investoren bleiben im strukturschwachen Masuren aus, wer konnte, wanderte ab. Anspruch auf Arbeitslosengeld hatten die Landarbeiter nur ein Jahr.

Einen Zloty – 90 - 40 Cent –, das kostet täglich die Speisung eines der Kinder in Garbno. Trotzdem können Polens Rotes Kreuz und andere Wohltätigkeitsorganisationen längst nicht alle Bitten nach Schulmahlzeiten im Land erfüllen: Mehr als einige tausend Rationen pro Tag sind von ihnen kaum zu finanzieren. Zuschüsse für das Essen erhalten die Landschulen allenfalls noch aus dem Sozialfonds einer Privatisierungsagentur, der sich aus den Verkaufserlösen der alten Kolchosen-Ländereien speist.

Zum Beginn des Schuljahrs sei es ihr erstmals gelungen, Essensgeld für alle ihre Schüler aufzutreiben, sagt Stefania Siewruk-Welens. Doch seit Jahresbeginn zahlt die Privatisierungsagentur nur noch den bedürftigsten Kindern die Schulspeisung – die anderen zwei Drittel bleiben hungrig. „Furchtbar enttäuscht“ seien die gewesen, Mütter hätten weinend bei ihr angerufen, und die Lehrer klagten, die Schüler würden immer aggressiver.

„Und es gibt keine Aussicht auf Besserung“, sagt Stefania Siewruk. Die Region verarme und veralte immer mehr. „Vielleicht wird in zehn Jahren auch noch die Schule dicht gemacht.“ Viele der hungernden Kinder seien schon so apathisch und hoffnungslos wie ihre Eltern. Neulich habe sie einen Jungen nach seinem Berufswunsch gefragt. Er habe gesagt, dass er Arbeitslosengeld beziehen wolle.

Was soll nur aus Masuren werden?, fragt sich die Schulleiterin. Eigentlich sei sie „Lokalpatriotin“, aber ihrer eigenen Tochter hat sie geraten, von hier wegzuziehen und woanders ihr Glück zu versuchen.

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