Zeitung Heute : Hurz!

NINA PETERS

Streifzüge im Juli: ein Besuch bei den Literaten vom Café EsperanzaDieser Streifzug beginnt im Sitzen.Allein die Augen schweifen im Café Esperanza in der Nähe des Hackeschen Marktes umher.Das verwandelt sich langsam zu einer Melange aus Wiener Kaffeehaus, einem Treffen der Gruppe 47 und dem Literarischen Quartett.Einige Gäste sitzen schon in dem sonnendurchfluteten Raum, zünden sich aus Lässigkeit oder Langeweile Zigaretten an, lesen oder blättern in mitgebrachten Manuskripten.An unserem Nebentisch schreibt eine Frau Tagebuch.Wir sind zu kurzsichtig, um den Inhalt zu entziffern.Seelenergüsse, Impressionen? Wenn es ganz schlimm kommt, dann wird die Frau sie gleich vorlesen.Denn "jeder darf vortragen, was er geschrieben hat".Das steht schwarz auf weiß auf einem Zettel an der Tür. Eine Studie über die "Zusammenhänge zwischen der Gesellschaft und dem Leiden älterer Menschen" hat ein jüngerer Autor mitgebracht.Sie ist nicht wissenschaftlich, sondern witzig, und einen Verleger hat er dafür auch schon gefunden.Da hatte er Glück.Denn für die meisten Autoren bleibt dieser kleine Kreis von Zuhörern die einzige Öffentlichkeit.Rund 25 Literaturkritiker, sicherlich alle gleichsam Dramatiker und Poeten, sowie eine Walkmanhörerin (Boykotteurin!) haben sich zu dieser Lesung zusammengefunden.Und die hat einen Touch von "Sado-Maso" - entweder gibt es Streicheleinheiten oder Folter.Es ist ein Spiel mit verteilten Rollen.Die einen lesen, die anderen kritisieren, eine Verteidigung ist, anders als bei der Gruppe 47, erlaubt.Erster Literaturkritiker: "Deine wahllose Aneinanderreihung von Stimmungsbildern ist vielleicht im Tagebuch gut aufgehoben, aber hier ..." Harte Kritik für den Autor eines sehr komplexen Textes (Höhepunkt: "ein anderes Leben wäre auch nicht übel").Er läßt sie mit gesenktem Haupt über sich ergehen.Der nächste Kommentar kommt von einem langhaarigen Literaturkritiker und ist sehr affektiert gesprochen: "Also bei einem so bewußt konstruierten Text flippe ich aus!" Es ist ein Liebesgedicht, oder auch nicht, so sicher ist sich da niemand.Die Autorin löst das Problem: "Konkrete Aussagen gibt es nicht.Jeder meint, was er meint." Das Ganze ist besser als Eberhard Esche im Deutschen Theater, wenn die Zuhörer mit Reineke Fuchs bedient werden.Fuchs, Wolf, Lamm ...Hurz? Zugegeben, Hape Kerkeling spukt hier irgendwo im Raum.In Gedenken an seine "Hurz-Performance" warten wir auf den Auftritt dieser schwarzhaarigen Frau, die uns den Zusammenhang erklärt zwischen Lamm und Wolf.Einer der Großstadtpoeten prägt unfreiwillig den Wunsch des Abends: "Wo löst der Wahnsinn endlich sein Versprechen ein?" Hier und heute nirgendwo, vielleicht nächste Woche.NINA PETERS

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