Zeitung Heute : Hut tragen

Britta Wauer

Wie eine Ost-Berlinerin die Stadt erleben kann

Neulich hatten die Veranstalter einer Premierenparty den Winter vergessen. Der Stand für die Eintrittskarten, zu dem jeder Gast zuallererst musste, war draußen auf der Straße, ringsherum lag Schnee. Die Premierengäste und Glamoursternchen hüpften in Chiffon und Seide aus dem Auto und wollten nicht glauben, dass sie sich bei eisigen Temperaturen in eine lange Reihe einzuordnen hatten. Um die Damen vor dem Kältetod zu bewahren, wurde mancher Gentleman zum schlagwütigen Heroen und erledigte Vordrängler mit gekonnten K.o.-Schlägen. Es war wirklich sehr kalt an jenem Abend.

Einen gab es, der hat nicht gefroren. Er trug einen Rollkragenpullover, auch später, bei der Party. Fand der das cool, zwischen den leicht bekleideten Damen in dichtem Strick herumzulaufen? Wenn er seinen Kopf wendete und ein Glas von einem vorbei schwebenden Tablett griff, offenbarte sich der Grund für seine Kleiderwahl: Er hatte tiefrote Flecken am Hals, Spuren der Leidenschaft. Jung und etwas unsicher wie er war, bestritt er zunächst alles, aber sein Image nahm deshalb keinen Schaden. Als er begriff, dass ihn keiner verspottete, als selbst gesittete Damen gestanden, wie sie einst mit solchen Spuren umgingen, zog er seinen Pullover nicht mehr bis zu den Ohren hoch. Er verabschiedete sich früh mit den Worten: „Mein Rollkragengrund wartet“.

Das war herzergreifend, aber den besten Teil der Party hat er verpasst. Kaum war der glücklich Geschundene weg, übernahmen andere die Glamour-Position: die mit Kopfbedeckung. Zwei trugen Strohhüte, die dritte eine hübsche 20er-Jahre-Kreation. Die schimmerte zwischen den kahlen Köpfen der Männer und den einfallslos hängenden Haaren der barhäuptigen Frauen hindurch. Schon zu Beginn des Abends, an der Schlange zum Einlass hat ihr das Hütchen geholfen. Sie fror nicht, zumindest nicht am Kopf, und als sie vordrängelte, hat niemand gemeckert: Wer so einen Hut trägt, muss wohl Star sein (– war sie nicht). Unsereins kann das demnächst auch probieren: In einer Woche beginnt die Berlinale.

Unwiderstehliche Hutkreationen für Tag und Nacht und Hochzeit gibt es bei „Fiona Bennett“ in der Großen Hamburger Str. 25 in Mitte, www.fionabennett.com.

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