Zeitung Heute : Hyper-Text ade!

G,olf S.Freyermuth

Gundolf S.FreyermuthDer Reiz des Neuen scheint blind zu machen für neue Reize.Im Rückblick auf die Geschichte der Medien verblüffen die Torheiten und Absurditäten, mit denen die Zeitgenossen einst Neues begrüßten oder bekämpften.Ob Fotografie oder Radio, Film oder Fernsehen ­ in ihren Anfängen dominierten falsche Hoffnungen und Ängste. Wer allerdings garantiert, daß wir Nachgeborenen es wirklich besser wissen? Daß wir nicht genauso unfähig sind, zwischen revolutionären Innovationen und jenen temporären Merkmalen zu unterscheiden, die sich nur der technischen Unterentwicklung schulden ­ dem Mangel an Bandbreite? Nehmen wir zum Beispiel die Diskussion um den Stummfilm.Die Zeitgenossen schätzten die Montage als das ästhetische Mittel, das die neue von allen vorherigen Kunstformen unterschied ­ dem Film also seinen evolutionären Vorteil in der Medienentwicklung sicherte.Und sie rühmten als Errungenschaft die, im Gegensatz zum Theater, Stummheit der Filmkunst.Um Geschichten zu erzählen und Dialoge zu vermitteln, bedurfte es der Einfügung von Text.Und in diesen Zwischentiteln vermutete man eine Literarisierung.Béla Balázs etwa bezeichnete 1924 die Stummheit als "principium stilisationis", als das ästhetisch definitive Moment der neuen Kunst. Heute wissen wir: Die Montage ist eine grundlegende Filmtechnik, die Zwischentitel waren hingegen eine Notlösung.Die Filme waren nicht aus ästhetischen Gründen tonlos.Stummheit ist kein revolutionäres Stilmittel, mit dem sich Geschichten qua Form besser erzählen ließen.Das Gegenteil ist wahr, und mit der Erfindung der Tonspur endete der stumme Spuk. Jetzt erleben wir wieder die Geburt von Erzählformen, die sich ein neues Medium, die globalen Netze, zunutze machen.Und wenn wir die Fehler unserer Vorfahren vermeiden wollen, haben wir nur einen Vorteil: Daß wir uns mit ihnen vergleichen können.Wo also liegen die aktuellen Entsprechungen zur Stummfilmdiskussion? Sofort fällt einem die boomende Hypertext-Literatur ein.Ihr auffälligstes Kennzeichen ist der interaktive Link ­ eine ästhetische Basisinnovation.Ohne Zweifel spielt der Hyperlink für die digitalen Künste dieselbe Rolle wie die Montage für den Film: Er unterscheidet Cyberfiktionen von analogen Erzählungen, er stellt ihren evolutionären Vorteil dar. Was aber ist das aktuelle Äquivalent zum Zwischentitel? Wo phantasieren wir technischen Mangel zur ästhetischen Errungenschaft um? Nun, ich vermute, daß unsere kulturellen Vorurteile dieselbe Sorte Selbsttäuschung produzieren, der schon die Stummfilm-Apologeten zum Opfer fielen: Wir erhoffen einen Zuwachs an Literarizität, wo schlicht der Ton fehlt ­ und die Bilder. Die gehypte Hypertext-Bewegung werkelt an den stummen und bildlosen Experimentalstückchen der Cyberfiction.Die wird sich jedoch mit wachsender Bandbreite zu dem fortentwickeln, was sie sein will ­ eine multimediale Erzählform.Texte werden in ihr eine untergeordnete Rolle spielen, der angestrengt-hilflose Avantgardismus von heute gar keine. Hyper ­ ja.Texte ­ kaum.Der Autor Gundolf S.Freyermuth ist Journalist und lebt in den USA.

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