Zeitung Heute : Hypothek für die Welt

In den USA wächst die Angst vor einer Rezession. Welche Folgen hat das für die weltweite Konjunktur?

Carsten Brönstrup
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Die Richtung ist klar: Seit Monaten kennt der Kurs von Europas Gemeinschaftswährung nur einen Weg – nach oben. Am Donnerstag markierte der Euro schon wieder einen neuen Rekord. Bis zu 1,4872 Dollar waren an den Devisenmärkten für einen Euro fällig. Auch der Ölpreis erreicht immer neue Höchststände. Fast 100 Dollar kostet ein Fass zurzeit, erstmals seit Tagen stabilisierte sich gestern der Preis bei gut 97 Dollar. Die Steigerungsraten sind dramatisch – und dürften die Weltkonjunktur nach Meinung von Wirtschaftsforschern in den nächsten Monaten spürbar bremsen. Deutschland wird dabei dennoch einigermaßen glimpflich wegkommen, glauben viele.

Dass es zurzeit noch recht gut um die deutsche Konjunktur bestellt ist, meldete am Donnerstag das Statistische Bundesamt. Zwischen Juli und Ende September hat demnach das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorquartal zugenommen, das ist die bislang höchste Rate in diesem Jahr. Erfreut registrierten die Ökonomen sogar eine Wachstumswende: Die stärkste Stütze war erstmals seit langer Zeit die Binnenkonjunktur, also die Nachfrage von Unternehmen und Verbrauchern. Der Export, in den vergangenen Jahren stets der stärkste Antreiber, schwächelte dagegen und trug gar nicht mehr zum Anstieg des Wohlstands bei. „Dies dürfte der Höhepunkt der Wachstumsraten gewesen sein“, prophezeit Jörg Lüschow, Ökonom bei der West LB. Auf Deutschland kämen nun „erhebliche Belastungen zu“.

So macht der teure Euro vielen Firmen zu schaffen, die ihre Produkte im Dollarraum verkaufen. „Wir verlieren an Wettbewerbsfähigkeit“, analysiert Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Das zeige bereits die zuletzt dürftige Exportentwicklung. Dies werde sich in den kommenden Monaten „spürbar“ auf das Wachstum auswirken. Immerhin lag der Kurs zum Dollar vor einem Jahr um ein Sechstel niedriger. Die Europäische Zentralbank (EZB) müsse deshalb handeln, fordert Horn. „Die EZB muss deutlich machen, dass sie einen weiteren Anstieg des Euro nicht hinnehmen und womöglich sogar intervenieren wird.“ Außerdem dürfe man keineswegs über Zinserhöhungen nachdenken.

Die für die Bundesrepublik wichtigen Branchen geben hingegen vor, die Lage noch im Griff zu haben. Deutsche Produkte seien aufgrund ihrer Qualität und Technik kaum zu ersetzen. „Das US-Geschäft ist zwar seit geraumer Zeit betroffen“, räumt Ralph Wiechers ein, der Chefökonom des Maschinenbauverbands VDMA. Zwar seien die Gewinnmargen unter Druck. „Wir sehen das Ganze aber nicht so dramatisch.“ Die Bedeutung des US-Marktes habe abgenommen, andere Länder sind in den Fokus der Hersteller gerückt – natürlich China, Indien, aber auch Brasilien oder Russland. Tatsächlich gehen nur neun Prozent der deutschen Ausfuhren in die Vereinigten Staaten.

Skeptischer ist in dieser Hinsicht die Bundeskanzlerin. Die starke Währung Europas schaffe „im Export natürlich auch Probleme“, sagte sie im Sender N24. Zu drastischen Warnungen griff Thomas Enders, Chef des Flugzeugbauers Airbus. Der Verfall des Dollars habe „die Schmerzgrenze überschritten“ und sei für sein Unternehmen „lebensbedrohlich“, klagte er.

Bei den Folgen des teuren Öls sind die meisten Fachleute gelassener. Denn die deutsche Wirtschaft holt heute wesentlich mehr aus einer Tonne des Rohstoffs als noch in den 70er Jahren. „Da schüren viele Panik“, sagt Gertrud Traut, Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen. „Die Mehrwertsteuererhöhung Anfang 2007 hat 20 Milliarden Euro Kaufkraft entzogen, die Hälfte aller Produkte war betroffen“, rechnet sie vor. „Die höheren Energiepreise verteuern jetzt nur vier bis fünf Prozent der Güter – wir haben es in erster Linie mit einem psychologischen Problem zu tun.“ Durch den Ölpreis und den hohen Euro-Wechselkurs werde das deutsche Wachstum im kommenden Jahr auf 2,2 Prozent gedrückt. In diesem Jahr dürften es mit rund 2,5 Prozent nicht viel mehr sein.

Bedrohlicher sehen die Zukunftsszenarien indes für die USA aus. Seit die Notenbank Federal Reserve ihre Wachstumsprognose für 2008 auf bis zu 1,8 Prozent nach unten gedrückt hat, geht die Furcht vor einer Rezession in der weltgrößten Volkswirtschaft um. Zwar spielt der schwache Dollar den Exporteuren in die Hände, aber neben dem Öl belasten vor allem die Folgen der Immobilien- und Finanzkrise das Land. Bis die Probleme ausgestanden sind, kann es nach Ansicht der Währungshüter noch einige Zeit dauern. Die Frage ist, wie stark sie auf andere Bereiche, etwa den Konsum, übergreifen. Die Deutsche Bank sieht sogar das Risiko einer Rezession für die gesamte Welt im Zuge der Finanzkrise. Das Risiko dafür beziffert sie immerhin auf fast 50 Prozent.

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