Zeitung Heute : IBG: Die Gerüchteküche brodelt

Ralf Schönball

Die Feiertage zwischen den Jahren sind eigentlich genau der richtige Zeitpunkt, um brisante Vorgänge mit einer lapidaren Meldung als "ganz normale" Veränderungen auszugeben. Diese Äußerung hört allenthalben, wer nach Meinungen fragt zum Einstieg "ausländischer Investoren" bei der gewinnträchtigen Immobilientochter der Bankgesellschaft Berlin: der IBG. Jeder Grundlage entbehren solche Stimmen nicht, hält die Bankgesellschaft die Identität der neuen Teilhaber doch streng geheim.

Dem harten Wettbewerb der Verlagshäuser in der Hauptstadt ist es wohl zu verdanken, dass die mutmaßlich hübsche Strategie häßlich durchkreuzt wurde, und die Gerüchteküche nun kocht: Die Berliner Morgenpost hält die "Geheimniskrämerei beim Ausstieg (der Bankgesellschaft bei ihrer Immobilientochter IBG; Anm d. Red) für ungewöhnlich". Das Blatt mutmaßt weiter, dass der Bauträger zum "Spielball von Finanzjongleuren werden" könnte. Die Berliner Zeitung führt den mehrheitlichen Verkauf der IBG nicht zuletzt auf eine "Sonderprüfung des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen" zurück. Die Behörde habe von der Bankgesellschaft Berlin verlangt, die Risikorückstellungen bei ihrer Tochter IBG zu erhöhen, um möglichen Einnahmeausfällen im Fall von Vermietungsproblemen vorzubeugen. Doch die dazu erforderlichen Mittel in dreistelliger Millionenhöhe habe das Kredithaus nicht aufbringen wollen.

Das führt in die richtige Richtung, wobei Sprecher des Konzerns versichern, dass der Börsengang der IBG ohnedies lange schon beschlossene Sache gewesen sei. In der Tat berichtete diese Zeitung darüber bereits 1999, nur: War ein Verkauf an Investoren vor dem Börsengang aber in Erwägung gezogen worden? Für Neuemissionen könnten die Zeiten kaum schlechter sein als heute. Ein Börsengang musste also aufgeschoben werden. Damit blieb ein Problem ungelöst: Die Bankgesellschaft hatte im November für das Geschäftsjahr 2000 ein um elf Prozent niedrigeres Betriebsergebnis als 1999 vorausgesagt, aber ihren Aktionären eine Dividende auf Höhe des Vorjahres von 0,60 Euro je Aktie versprochen. Woher sollte das Geld aber kommen, wenn die Risikovorsorge in den ersten drei Quartalen unerwartet viel Kapital (328 Millionen Euro) bindet und die Verwaltungskosten konstant bleiben? Dessen ungeachtet versprach Vorstandschef Wolfgang Rupf damals, die Dividende zu erwirtschaften, ohne an die Substanz zu gehen. Musste er, um seine Zusage einzuhalten, also die IBG verkaufen, eine "Cash-Cow" des Konzerns und brachte er damit etwa kein Opfer?

Doch! So werden wohl die Städteplaner und Strukturpolitiker den Verkauf kommentieren, denn die IBG sei auch eine schlagkräftige Waffe im Kampf gegen den Niedergang des Berliner Immobilien-Marktes und ein Auffangbecken für notleidende Projekte gewesen. Immobilienprofis verunglimpften gar die Geschlossenen Fonds der IBG-Tochter IBV, weil sie "zu viel Schrott" in ihren Portfolios mitschleppten. Doch darüber schüttelte der einstige Denker und Lenker hinter der Expansionspolitik des Immobilien-Unternehmens der Bankgesellschaft, Manfred Schoeps, stets nur ruhig den Kopf: Das ganze Konzept sei es, rentierliche Kaufhäuser auf der grünen Wiese mit anspruchsvollen Immobilien in innestädtischen Lagen zusammen zu finanzieren; im Übrigen bekämen die Anleger alle erdenklichen Garantien über die ihnen zugesagte Renditen. Sogar die Rücknahme ihrer Anteilsscheine nach einigen Jahren - ungewöhnlich für Geschlossene Immobilienfonds - versprach die Bankentochter. Deshalb verkauften sich die Anteilsscheine auch so schnell: Das Risiko der Anleger war klein.

Um die Risiken zu decken, mussten die Rückstellungen für die 53 Fonds mit einem Investitionsvolumen von 8,6 Milliarden Euro (bis 1999 platziert) auch erhöht werden - auf Kosten des ehemaligen Hauptgesellschafters Bankgesellschaft, die sich das dazu nötige Kapital von den internationalen Investoren beschafft hat. Die Rückstellungen in der alten IBG für die bereits platzierten Fonds betragen nun fast eine Milliarden Mark: mit diesem Geld ausgestattet, bleibt die Bankgesellschaft über ihre Tochter Immobilien- und Baumanagement im Risiko. Die neue Gesellschaft IBAG dagegen ist frei von Altlasten, kann mit ihren operativen Töchtern Bavaria, Stern und andere angefangene Projekte zu Ende führen und hat mit einer knappen Milliarde Mark einen gewaltigen Spielraum für die Zukunft. Allerdings profitiert auch die Bankgesellschaft; sie kassiert nach Expertenmeinung eine knappe Milliarde Mark und poliert so ihre Bilanz auf. Im Falle eines Börsengangs soll sie sogar von Optionen auf Aktien der IBAG profitieren, so dass sie bei einem Kursfeuerwerk noch einmal verdienen könnte.

Sind also alle glücklich? Fast, nur sind die Folgen für die Töchter der neuen Gesellschaft nicht ganz abzusehen: Unternehmen wie die Stern, die sich Verdienste um behutsame Stadterneuerung und die Befriedung problematischer Kieze erwarb, steht nun unter der Kuratell unbekannter Eigentümer. Welche Ziele verfolgen diese? Welche Renditeerwartungen werden sie ihrer Beteilungsgesellschaft vorgeben? Da die IBAG offenbar den Börsengang plant, wird die IBG-Nachfolgerin mit guten Zahlen glänzen müssen. Ist der Stadt damit ein Instrument der Strukturpolitik aus der Hand geschlagen? Offene Fragen bleiben.

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