Zeitung Heute : ICC Raumschiff

Es ist bis heute das teuerste Gebäude Berlins. Es hat eine silbern schimmernde Außenhaut – und die Einrichtung war ihrer Zeit weit voraus. Nun droht die Abrissbirne. Ein Ortstermin mit den Architekten.

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Von Christian Schröder Er ist noch einmal die paar Stufen zur Bühne im Saal 1 hochgeklettert. Nun steht er ganz vorne an der Rampe, ein kleiner alter Mann in schwarzem Anzug, mit RayBan-Brille und Fliege, sein Blick schweift über die 5000 leeren Plätze. „Als wir das gesehen haben, haben wir gewusst: Wir haben es geschafft“, sagt Ralf Schüler. Der Stolz schwingt noch mit in seiner Stimme, die Gefühle von damals kehren zurück. Ergriffen schweigt der 74-Jährige mit der Fliege einen Augenblick, man hört nur das Surren der Neonlampen. Damals, das ist über ein Vierteljahrhundert her. Im Frühjahr 1979 standen die Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte, seine Frau, zum ersten Mal auf dieser Bühne, in diesem Saal, der gerade fertig geworden war. Es muss ein bewegender Moment gewesen sein: ein Triumph. Das ICC war das mit Abstand größte Projekt in ihrer Karriere, noch heute nennen sie es „unser Kind“.

Das Internationale Congress Centrum, das sich mit seiner silbrig schimmernden Aluminiumhaut wie ein gestrandetes Raumschiff auf einem schmalen Grundstück zwischen dem Messedamm und der Berliner Stadtautobahn erhebt, gleicht eher einer Maschine als einem Haus. Der Saal 1 ist das Zentrum dieser Hightech-Mehrzweckhalle, seine Gestaltung stellte die Entwerfer vor besondere Herausforderungen. Sie staffelten die Sitzreihen steil hintereinander, damit sich von jedem Platz aus eine optimale Sicht auf die Bühne bietet. Die Ränge lassen sich hydraulisch unter die Decke heben – damals eine bahnbrechende Erfindung –, so dass die Zahl der Plätze je nach Art der Nutzung variabel bleibt. Und obwohl der Raum so gigantisch ist, wirkt er keineswegs einschüchternd. „Wir haben das Auditorium so angeordnet, dass es die Bühne zu umarmen scheint“, sagt Schüler. „Von hier oben aus wirkt der Saal nicht weniger intim als die Philharmonie mit ihren 1300 Plätzen.“ Er ist noch immer hochzufrieden mit seinem Werk.

Die Planungsgeschichte des ICC reicht weit zurück in die 60er Jahre. Der Mauerbau hatte West-Berlin zu einer Insel gemacht, die Angst hatte, vergessen zu werden. Die Welt sollte weiter auf diese Stadt blicken, dafür brauchte West-Berlin Attraktionen. Das ICC sollte ein Signal setzen, es musste nicht nur groß, sondern vor allem auch supermodern werden. Für das 320 Meter lange, 80 Meter breite und 40 Meter hohe Gebäude wurden 350000 Quadratmeter Erdreich ausgehoben, 21000 Tonnen Bewehrungsstahl und 125000 Quadratmeter Stahlbeton verbaut. Am Ende hatte das Haus Baukosten in Höhe von einer Milliarde Mark verschlungen, ein bis heute unerreichter Berliner Rekord. Statt Zuneigung löste das mit allerneuesten Bühnen-, Klima- und Lüftungsanlagen ausgestattete „Superding“ – so die „Stuttgarter Zeitung“ 1977 – bei den Berlinern zunächst Bestürzung, allenfalls Staunen aus. Als die „B.Z.“ ihre Leser um Vorschläge für einen Spitznamen bat, reichte die Liste der eingesandten Antworten von „Panzerkreuzer Protzki“ über „Jubelwanne“, „Astronautenbahnhof“, „Wurstkessel“ und „Stahlroulade“ bis zu „MillionenSchlund“ und „Messe-Monster“.

Das ICC setzte Maßstäbe, technisch war es den Standards seiner Zeit weit voraus. Für die Akustik im Saal 1 wurde eine künstliche Nachhallzeit entwickelt, die dem Raumklang gotischer Kathedralen entspricht. „Sonst wäre Karajan nicht gekommen“, sagt Ralf Schüler. Karajan inspizierte den Raum und war beeindruckt, zur ICC-Eröffnung am 2. April 1979 kam er mit seinen Philharmonikern zurück und spielte ein Strauß-Präludium. Dietrich Stobbe, damals Regierender Bürgermeister, freute sich: „Wir wissen aus täglicher schmerzlicher Erfahrung, was Grenzen sind. Wir wollen helfen, sie zu überwinden durch Kommunikation und Austausch. Mit dem ICC hat Berlin einen mutigen Schritt in die Zukunft getan.“

Heute sieht es so aus, als ob das ICC seine Zukunft schon hinter sich haben könnte. Ausgerechnet ein Defekt in der Deckenhydraulik von Saal 1 brachte eine Diskussion über die Wirtschaftlichkeit des Hauses in Gang. Zwar konnte das Getriebe für 300000 Euro schnell ausgetauscht werden, doch Messechef Raimund Hosch nahm die Reparatur zum Anlass, die Kosten für eine Gesamtrenovierung berechnen zu lassen. Ein Gutachten des Hamburger Architektenbüros Gerkan, Marg und Partner (GMP) beziffert die Sanierung auf 212 Millionen Euro.

Ganz uneigennützig ist dieses Gutachten allerdings nicht: GMP lieferte gleich den Entwurf eines neuen Kongresszentrums mit, das für die erstaunlich niedrige Summe von 62 Millionen Euro am Standort der jetzigen Deutschlandhalle gebaut werden könne. Bürgermeister Klaus Wowereit ging bereits auf Distanz zum einstigen Renommee-Bau: „Wenn es keine vernünftigen Konzepte gibt, muss das ICC abgerissen werden.“ Im Oktober soll das Abgeordnetenhaus über das Schicksal des Gebäudes entscheiden.

Rundgang durch das ICC. Architekt Schüler marschiert vorneweg, seinen Schirm benutzt er, um im Vorübergehen auf Details hinzuweisen. Die Bodenplatten im Erdgeschoss aus Striegauer Granit. „Ganz Berlin ist aus diesem Granit gebaut, wir wollten damit die Straße in das Haus hineinholen.“ Wir passieren die Schaltzentrale, die sich im Eingangsbereich in den Boden duckt. Durch Rauchglasscheiben blickt man auf Monitore und Reglerpulte, an denen die Haustechnik gesteuert wird. „Transparenz gehört zur Philosophie dieses Hauses.“

Das Erdgeschoss ist ein schlauchartiger, durchgehender Raum, eine Art Boulevard, auf dem der Besucher zum Flaneur wird. Ein elektronisches Leitsystem aus Hinweistafeln und roten und blauen Neonschleifen weist den Weg, die lang gezogenen Tresen des Messe-Service verströmen den kühlen Charme einer Flughafen-Abfertigungshalle. „Flughafen, das wird als Schimpfwort benutzt. Dabei kommt es doch nur auf die Nützlichkeit an.“ Rolltreppen führen zu den Büros und Sälen der Obergeschosse.

Im Saal 1 zeigt Schüler mit seinem Regenschirm auf harfenförmige Metallgestelle unter der Decke, an denen Lautsprecher hängen. „Von jedem Platz aus ist exakt zu hören, wo ein Besucher sitzt, der in sein Mikrofon spricht. Die Rede ist ein demokratischer Vorgang zwischen Präsidium und Plenum.“ Der Architekt muss sich für ein paar Minuten hinsetzen, seine Beine schmerzen. „Und das alles soll jetzt abrisswürdig sein“, schimpft er. „ Die Bürger dieses Landes haben eine Milliarde für dieses Haus bezahlt, das will man jetzt vernichten.“ Verbitterung mischt sich in seinen Groll, Schüler spricht mit leiser Stimme. „Wir haben einfach zu viel hergegeben von unserem Leben für dieses Projekt“, sagt seine Frau, die neben ihm steht.

Die Schülers wollen für die Rettung des ICC kämpfen. Ihre Verbündeten: die Architektenkammer, die Grünen und das Denkmalamt. Vor kurzem haben sie das Land Berlin verklagt. Sie wollen Akteneinsicht und Schadenersatz, weil sie durch die GMP-Pläne ihr Urheberrecht verletzt sehen.

Besuch in der Atelierwohnung der Schülers in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms. Unter der Decke baumeln Flugzeug- und Schiffsmodelle, auch die Möbel sind selbst gebaut. In den Esstisch aus schwarzer Esche ist ein verglaster Setzkasten eingelassen, in dem Zahnräder, Winkel und Lochstangen aus einem Stabilbaukasten liegen. Mit dem Stabilbaukasten begann gewissermaßen Schülers Weg zur Architektur, die Technik-Begeisterung hat ihn seither nicht mehr losgelassen. Beim Bauen folgt er der „harten Wahrheit der Naturgesetze“. Vor jedem Entwurf „frage ich mich: Wie will das werden?“

Wer im ICC ein Manifest der Technikgläubigkeit der 60er und 70er Jahre sieht, erntet trotzdem sein Kopfschütteln. „Was heißt denn, an Technik zu glauben? Technik umgibt uns, sie ist eine unserer Lebensgrundlagen, sie braucht keinen Glauben.“

Ralf Schüler und seine drei Jahre jüngere Frau Ursulina Schüler-Witte lernten sich 1953 während ihres Architekturstudiums an der Berliner TU kennen. Ihr Büro gründeten sie 1967, ein Jahr zuvor hatten sie den Wettbewerb für die „Erweiterung der Messehallen“ gewonnen.

Ihr Entwurf bestand ursprünglich aus einem sechseckigen Zentralbau, bei dem sich um ein Plenum Foyers und Nebensäle gruppieren sollten. Als Standort war der Messedamm vorgesehen, doch dann entschied der damalige Bausenator Rolf Schwedler: „Die Kongresshalle gehört nicht aufs Land.“ Schließlich fand sich ein handtuchschmales Grundstück, eingekeilt zwischen S-Bahngleisen und mehrspurigen Straßen, das als Parkplatz diente und als unbebaubar galt.

Konsequenz: „Wir mussten hochstapeln, die Räume übereinander setzen. Dadurch wurden alle Wege kurz wie auf einem Schiff“, erzählt Schüler. Um die Geräusche und Vibrationen der Autobahn draußen zu halten, entwickelten die Architekten eine Haus-im-Haus-Konstruktion. Der Gebäudekern ruht auf 26 gewaltigen Stahlbetonstützen, darüber wurde die Aluminiumhülle gestülpt. Im Inneren herrscht tatsächlich Totenstille. Mit dem Vertragsabschluss begann 1969 die konkrete Planungsphase, der erste Spatenstich wurde 1973 gesetzt. Es sind Jahre, die die Architekten als eine einzige Strapaze in Erinnerung haben, „bis an den Rand der körperlichen Kräfte“, wie sich Schüler-Witte erinnert.

Zeitweilig beschäftigten sie bis zu 120 Mitarbeiter, die im Marshall-Haus auf dem Messegelände mit der Abwicklung des Projekts beschäftigt waren. Pro Monat fielen Kosten von 500000 Mark an, 200000 Pläne mussten – ohne die Hilfe von Computern – gezeichnet werden. Schüler war für die Entwürfe zuständig, Schüler-Witte kontrollierte die Finanzen. Und es gab ständig Kämpfe: mit dem Bauträger Neue Heimat und mit Politikern, die die Kosten künstlich runterrechnen wollten. Am Ende konnten sich die Architekten durchsetzen: Bei der Einweihung sah das Riesenhaus – bis auf wenige Abstriche – genau so aus, wie sie es gewollt hatten. Mit dem Selbstbewusstsein von damals wollen sie es nun vor dem Verschwinden retten. „Das ICC muss stehen bleiben“, sagt Ursulina Schüler-Witte. „Alles andere wäre absurd.“

In seiner Galerie in der Charlottenburger Mommsenstraße 64 zeigt der Bund Deutscher Architekten vom 23. August an eine Ausstellung „Das ICC weiterdenken“, mit Vorschlägen zur Zukunft des ICC.

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