Zeitung Heute : „Ich bin ein Egobraten“

Bis sie 16 war, teilte Annette Humpe ein Zimmer mit Oma und Schwester. Heute freut sie sich auf ihr leeres Bett – für Männer ist das nicht einfach.

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Annette Humpe, 54, war Songschreiberin und Sängerin von Ideal, einer der erfolgreichsten Bands der 80er. Danach trat sie mit ihrer Schwester Inga auf und arbeitete seit 1990 nur noch als Produzentin. Im Duo Ich+Ich singt sie nun zum ersten Mal wieder selbst. Am Donnerstag ist sie in der Waldbühne zu sehen.

Interview: Annabel Wahba Frau Humpe, Sie sind eine erfolgreiche Musikerin, leben mit Ihrem Sohn in einer schönen Charlottenburger Wohnung. Warum nur schreiben Sie solche Songtexte: „Du stehst am äußersten Rand, von niemandem gewollt, wie der letzte Dreck“?

Kennen Sie dieses Gefühl denn nicht? Es gibt so Tage, da kommt alles zusammen: Man hat am Abend vorher zu viel getrunken, dann ist noch irgendwas schief gelaufen und man guckt in den Spiegel und denkt, ey, das bin doch nicht ich, diese hässliche, traurige Person.

Nun ja. Klingt ein wenig depressiv.

Ich habe einen leichten Hang zur Melancholie. Und davon schreibe ich gerne in meinen Liedern. Künstlerisch interessieren mich die dunklen Seiten mehr, weil da die Widersprüche und Energien drin sind. Als ich 1990 mein Soloalbum herausbrachte und meine Mutter es sich anhörte, machte sie sich große Sorgen um mich. Am schrecklichsten fand sie „Wenn ich tot bin“ und sagte: Kind, du kannst doch nicht an solche Dinge denken.

Verständlich.

Mein Vater hingegen achtet weniger auf die Texte, sondern sieht die Musik als Ganzes und freut sich einfach über den Erfolg. Er legt großen Wert darauf, dass meine Schwester und ich auf Familienfesten daheim in Herdecke spielen, da sind wir für den Glanz zuständig.

Sie machen bis heute Hausmusik?

Das ist ein ungeschriebenes Gesetz: Außer bei Beerdigungen spielen wir immer, ich am Klavier, Inga singt, und manchmal nehmen wir dann noch einen Gitarristen mit. Wir sind eine große Familie, mein Vater hat zwölf Geschwister. Bei der letzten Feier, dem 60. Geburtstag unseres ältesten Cousins, konnte ich nicht kommen. Da ist dann brav meine Schwester hingefahren. Mittlerweile singt sie dort auch 2-Raumwohnung-Titel. Es war nicht immer einfach, auf irgendwelchen Silberhochzeiten „Codo – ich düse im Sauseschritt“ schnell wieder hinzukriegen.

Dürfen sich die Verwandten auch was wünschen?

Selbstverständlich. Die wollen dann zum Beispiel „Hit the Road Jack“ hören und sagen: Das habt ihr sonst auch immer gesungen, warum ist das jetzt nicht dabei? Früher, als ich Anfang 20 war, fand ich diese Familienzusammenkünfte immer sehr anstrengend. Das waren zwei extrem unterschiedliche Welten, mein Leben in West-Berlin und das Leben meiner Eltern im Ruhrgebiet.

Ihr Lebensgefühl von damals haben Sie in dem Song „Ich steh’ auf Berlin“ beschrieben, 1980 der erste große Hit für Ideal.

Den Text habe ich in der U-Bahn geschrieben. Das kam plötzlich so Schlag auf Schlag: „Bahnhof Zoo, mein Zug fährt ein. Ich steig aus, gut wieder da zu sein…“ Ich kam immer mit dem Zug aus Herdecke zurück, und bei der Einfahrt dachte ich mir, Gott sei Dank, ich kann wieder in meine WG, ich kann reden wie ich will, aussehen wie ich will. Ich habe mich nie mehr wieder so unabhängig gefühlt wie damals in der Oranienstraße. Wir hatten eine Fabriketage gegenüber vom SO36. Anfangs hatte ich zwar kein Geld, musste schwarzfahren. Aber dann fing ich an Geld zu verdienen und konnte frei über mein Leben verfügen.

Ihre Eltern waren in Herdecke vermutlich stadtbekannt, weil sie eine Konditorei hatten.

Ja, da war ein Café mit dabei, und der Laden war von morgens um sechs bis kurz nach dem Kirchenläuten um 18 Uhr geöffnet. Jeden Tag. Alle im Ort kannten uns. Als ich so um die fünf Jahre alt war, dachte ich, meine Mutter kann fliegen. Sie wusste schon immer alles, bevor ich nach Hause kam: dass ich barfuß durch den Bach gewatet oder in eine Pfütze gesprungen bin. Das hatten ihr die Kunden immer schon erzählt.

Warum sind Sie ausgerechnet nach Berlin gegangen?

Ich hatte 1974 in Köln ein Musikstudium abgebrochen. Meine Eltern hätten gerne gehabt, dass ich Lehrerin werde. Ich bin das erste Kind, und bekam natürlich mehr Druck ab. Die Ersten kämpfen mehr, sind ein bisschen verkniffener, oft auch zielstrebiger. Ich merkte aber, dass aus mir kein Horowitz mehr wird. Und dann die Aussicht, Klavierunterricht zu geben – das wollte ich nicht. Ich war gescheitert und wollte so weit wie möglich weg. Also nach Berlin. Die wenigsten aus dem Westen trauten sich damals, durch die DDR zu fahren, weil sie Angst vor den Kommunisten hatten. Und so habe ich mich da sehr beschützt gefühlt.

Die Mauer als Schutz?

Ja, klingt komisch. Aber für mich war die Mauer wie eine warme Decke, die sich um mich legt. Berlin war eine unendliche Spielwiese. Hamburg, wo ich später mal zehn Jahre gelebt habe, funktioniert nach ganz bestimmten Regeln. In Berlin kann jeder mal seine Karte ins Spiel bringen. Man lässt sich in Ruhe.

Es ist 25 Jahre her, da widmete sogar die ehrwürdige Tagesschau Ideal und dem Berlin-Song einen Beitrag. Wenn Sie heute wieder ein Lied über die Stadt schreiben würden, was käme da drin vor?

Ich würde ein Liebeslied daraus machen. Es würde von einer Beziehung handeln, die kaputtging, weil sie zu eng war. In der man sich sagt: Lass uns mal auseinander ziehen. Wenn ich in meine Stammkneipen ging, saßen da immer dieselben Leute und redeten dasselbe Zeug. Und ich dachte, wenn ich da bleibe, werde ich noch genauso. Aber dann habe ich überall, wo ich war, gemerkt: Das ist hier nicht schöner. Ich will wieder zurück, da gehöre ich hin.

Ihr Sohn hatte in Hamburg einen schweren Unfall. In der „Zeit“ beschrieben Sie, dass Sie den Anblick der Straßenecke, an der er angefahren wurde, nicht mehr ertragen konnten.

Ja, das war der Hauptgrund für den Umzug. Aber ehrlich gesagt will ich darüber nicht mehr reden. Ich habe gehofft, durch diesen Artikel einen Heiler für ihn zu finden, weil seine rechte Hand trotz langwieriger Behandlungen seit dem Unfall immer wieder zittert. Aber danach kamen so viele Anfragen von Zeitschriften und Fernsehsendern, dass ich dazu jetzt lieber schweige.

Der Unfall war ein Ereignis, das Ihr Leben verändert hat. Und dann haben Sie im vergangenen Winter auch noch den Tsunami in Sri Lanka miterlebt.

Ich habe mich nicht freiwillig gemeldet, als die Katastrophen verteilt wurden. In Sri Lanka haben wir einfach wahnsinniges Glück gehabt. Ich war mit meinem Sohn Anton und einem Freund von mir da. Drei Tage vor Weihnachten kamen wir an, und ich war traurig, dass wir keine Hütte mehr am Strand bekamen, sondern in einem Haus etwas weiter hinten im ersten Stock einquartiert wurden. Am Tag des Seebebens sind wir nach dem Frühstück noch mal kurz nach oben gegangen, um uns einzucremen. Und als wir den ersten Stock erreichten, kam diese Welle. Wir sahen, wie sie den Frühstücksraum überflutete, wie Eltern schrien und versuchten, nach ihren Kindern zu greifen, wie sich Autos drehten. Dann ging das Wasser zurück und man sah das Meer nicht mehr.

Ahnten Sie, in welcher Gefahr Sie waren?

Mir ging plötzlich ein Licht auf, weil ich Bücher gelesen hatte über Tsunamis, in denen japanische Fischer beschreiben, wie das Meer verschwindet und dann umso heftiger zurückkommt. Dann bekam ich Angst, weil mir klar war, dass das Hotel zusammenkrachen wird. Ich rief meinen Freund, nahm Anton an die Hand, und wir rannten auf einen Berg zwei Kilometer hinter dem Hotel. Die zweite Welle hat alles zerstört, da waren wir aber zum Glück schon auf dem Berg. Von allen Seiten kamen die Menschen, die das Unglück überlebt hatten. Wir waren dann so 40 Leute und haben da oben in einem buddhistischen Tempel übernachtet. Es waren viele Engländer dabei, die haben mit ihren Handys BBC angerufen, und wir erfuhren, dass es ein Seebeben gegeben hatte. Als am nächsten Morgen die Entwarnung kam, sind wir wieder runter und sahen eine Zerstörung, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Wie haben Sie Ihrem zwölfjährigen Kind erklärt, was da passiert ist?

Es war nicht so, wie Sie das vielleicht von Fotos kennen, die später erschienen sind: Wir haben keine Toten am Strand gesehen. Ich hatte das Gefühl, dass Anton einfach Vertrauen zu mir hatte. Als wir nach der ersten Welle so in T-Shirt und Badesachen zum Berg wateten, hat er zwar gefragt, Mama, ist das unser Ende? Aber ich sagte ihm: Auf keinen Fall, bevor das Meer zurückkommt, sind wir auf dem Berg. So war es auch. Als wir dann da oben das Wasser hörten, wie es alles krachend unter sich verbarg, fragte er noch mal, ob das Wasser zu uns hoch könne. Als ich ihn beruhigte, hat er sich entspannt und hat sich auf mich verlassen. Und ich verließ mich auf das, was ich sah und wusste. Eigentlich bestand für uns keine akute Lebensgefahr.

Das klingt sehr rational für eine derart existenzielle Erfahrung.

Man funktioniert dann einfach. In gefährlichen Situationen werde ich erst mal ruhig. Außerdem habe ich schon viele verschiedene Therapien gemacht: In meiner WG wohnten Psychologiestudenten, mit denen bin ich oft zu Selbsterfahrungs-Workshops gegangen. Da sollten wir herausfinden, wo unsere Ängste sitzen. So habe ich viel über mich gelernt. Nach dem Tsunami bin ich in Deutschland dann zu einem Traumatherapeuten gegangen. Den ersten Monat habe ich täglich von Wasser geträumt, zum Beispiel, dass ich im Aufzug fahre und von oben Wasser hineinkommt. Und irgendwann kamen die Träume eben nicht mehr.

Sie hatten in Ihrem Leben viele Wendepunkte…

…und der schönste war, als ich mit 41 plötzlich erfuhr, dass ich ein Kind erwarte.

Die Sängerin Madonna soll über ihre Tochter mal gesagt haben, sie sei das Beste, was sie jemals erschaffen hat.

So würde ich das nicht formulieren. Aber so ein Kind ist natürlich das Größte. Mein Sohn bestimmt meinen Tagesablauf und mein Leben. Bevor ich 35 war, habe ich mich nicht getraut, ein Kind zu bekommen. Ich wäre vielleicht nicht stabil und stetig genug gewesen. Andere Frauen wiederum wollen gar nicht Karriere machen oder verwenden ihren Ehrgeiz darauf, einen erfolgreichen Mann zu bekommen, dann müssen sie selber nicht erfolgreich sein.

So was wäre für Sie nie in Frage gekommen?

Naja, als ich zwölf war, da dachte ich mir, es wäre schon toll, wenn ich Udo Jürgens heiraten könnte. Dann schreibe ich für ihn die Lieder und bleibe ansonsten schön im Hintergrund. Das hat aber nicht geklappt.

Udo Jürgens war also Ihre erste große Enttäuschung. Glauben Sie trotzdem noch an die große Liebe?

Nein, das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand. Ich erinnere mich noch an die Hochzeit eines meiner vielen Cousins, ich war vielleicht 13. Als in der Kirche der Pfarrer sagte: „…bis dass der Tod euch scheidet“, dachte ich mir, nee, so einen Schwur kann doch keiner halten. Was sollen die sich denn das ganze Leben erzählen? Die werden sich verändern und dann trennen. So ist es auch gekommen.

So reden Leute, die sehr verletzt wurden.

Auf mich trifft das nicht zu. Um es mal knallhart zu sagen: Ich glaube, dass in meinen Beziehungen die Männer mehr unter mir gelitten haben, als ich unter ihnen. Ich bin nämlich ein ziemlicher Egobraten.

Wie äußert sich das?

Ich bin es gewohnt, dass ich der Bestimmer bin. Dass ich sage, links, rechts, geradeaus, so geht es. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Ich hatte drei Beziehungen, die über sieben Jahre gingen. Aber ich sitze nicht in meinem Schneckenhaus und warte bis der Prinz kommt: Ich bin Prinz und Prinzessin. Ich interessiere mich sehr für das Thema Geschwisterfolge und glaube, dass sie unseren Charakter prägt: Die ersten fünf Jahre meines Lebens war ich allein auf der Welt und konnte mich als Einzelkind auch mal zurückziehen. Da war ich die Königin. Dann kam meine Schwester.

Für die war das sicher auch nicht einfach. Sie haben viele Jahre zusammen gearbeitet.

Wahrscheinlich war das manchmal die Pest für Inga. Mittlerweile ist sie viel entspannter mir gegenüber, sie hat ja einen Riesenerfolg mit 2-Raumwohnung. Das freut mich sehr. Wir haben so einen kleinen sportlichen Ehrgeiz, ihr Erfolg hat mich angespornt, nach 15 Jahren als Produzentin selbst wieder auf die Bühne zu gehen. Aber das ist mehr so ein liebevoller Wettkampf. Als Kind war ich natürlich auch neidisch auf Inga, denn sie war von Geburt an ein Sonnenschein, alle Arme streckten sich nach ihr mit den blonden Löckchen. Ich hingegen hatte stramme Zöpfe. Da dachte ich mir dann aus Trotz: So, dann spiele ich halt Klavier. Wir beide haben uns bis ich 16 war sogar das Zimmer geteilt.

Wer hat entschieden, welche Poster an die Wand kommen?

Poster? Die gab es nicht. Meine Oma hat nämlich auch noch in dem Zimmer geschlafen. Ich mit ihr im früheren Ehebett der Großeltern und meine Schwester im Bett daneben. Mehr Platz war nicht in der Wohnung, weil wir ein Zimmer für Angestellte in unserer Konditorei brauchten. Erst 1966 konnten meine Eltern ein Haus bauen. Daher kommt es wohl, dass ich froh bin, wenn mal keiner in der Nähe ist. Ich finde es großartig, ein eigenes Bett zu haben, da freue ich mich noch heute drüber.

Das erklärt wohl einiges.

Wenn ich sehe, was für einen Preis eine Beziehung hat, dann verzichte ich lieber. Käme jetzt eine Fee, die zu mir sagt: Was willst du haben, noch mal die große Liebe, so richtig hollywoodmäßig, oder noch fünf, sechs richtig gute Lieder? – ich würde mich sofort für die Lieder entscheiden. Wenn ich am Klavier sitze und komponiere, kommt irgendwann der Moment, wo ich eine Gänsehaut bekomme. Dann weiß ich, der Song ist gut. Und ich habe etwas geschaffen, das unabhängig von mir ist.

Der Stararchitekt Peter Eisenman sagt, für ihn sei es ein erotisches Erlebnis, wenn er durch das von ihm entworfene Stadion in Arizona läuft. Haben Sie dieses Gefühl, wenn Sie Ihre Songs im Radio hören?

Ich finde es schöner, wenn mir Leute erzählen, was ein Song von mir mit ihnen gemacht hat. Vor einigen Jahren kam mal ein Mann auf mich zu und sagte: Wegen dir bin ich nicht zur Bundeswehr gegangen. Der hatte in den 80ern den Berlin-Song gehört und wollte daraufhin die Stadt kennen lernen. Er ist nie wieder weggefahren.

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