Zeitung Heute : Ich bin ein Politiker! Wählt mich hier rein!

Die Produzenten von „Big Brother“ planen eine Castingshow mit Abgeordneten

Christoph Amend/Ulf Lippitz

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat 2004 zum Jahr der Innovation ausgerufen, aber ob er damit auch die Idee der Fernseh-Produktionsfirma Endemol gemeint hat? Nur wenige Tage nach dem Start der Reality-Sendung „Ich bin ein Star! Holt mich hier raus“! plant Endemol den Schritt in die Politik. Nach dem Muster von Castingshows wie „Popstars“ oder „Deutschland sucht den Superstar“ sollen nun Politiker um die Gunst des Publikums werben. Endemol-Geschäftsführer Borris Brandt bestätigte dem Tagesspiegel: „Ja, diese Pläne gibt es – und ein deutliches Senderinteresse.“

Brandt, dessen Firma auch die Sendung „Big Brother“ erfunden hat, wollte über konkrete Inhalte noch nichts sagen, bestätigte aber, dass Endemol mit mehreren Politikern aus allen Parteien im Gespräch sei. Die Kandidaten sollen je zur Hälfte Laien- und Berufspolitiker sein. Zielgruppe sind vor allem jene jüngeren Zuschauer, die sich bisher nicht sonderlich für Politik interessieren. Auf die Frage, wie man sich in der Sendung vor Populismus schützen wolle, sagte Brandt: „Ich stehe der Umsetzung durchaus kritisch gegenüber. Viele Einzelfragen müssen noch geklärt werden. Aber wir werden uns mit Sachthemen auseinander setzen, die ausgewogen behandelt werden sollen.“

Start schon in diesem Jahr

Termin und Sender stehen offenbar noch nicht fest, die Show soll 2004 starten. Sprecher von RTL und RTL 2 teilten zwar mit, dass ein solches Format bei ihnen nicht geplant sei. Die Antwort von Sat1-Sprecherin Kristina Faßler klingt anders: „Wir haben von der Sendung gehört. Es ist alles völlig offen.“

Politiker als Casting-Kandidaten sind kein deutsches Phänomen. In Großbritannien plant die britische Tochterfirma von Endemol jetzt eine ähnliche Sendung. In den USA versuchte sich der Kanal FX/Cable Networks an einer Show mit dem Titel „American Candidate“, strahlte aber keine Folge aus – Werbekunden hatten zu wenig Interesse gezeigt. In Argentinien allerdings lief die Show „Der Kandidat des Volkes“ mit Erfolg. Aus mehr als 800 Bewerbern, berichtet die BBC, wurden 16 Kandidaten ausgewählt. Der Sieger durfte sich für die Wahlen zum Kongreß aufstellen lassen, tat es am Ende aber nicht: Kaum war die Sendereihe ausgelaufen, war dem Kandidaten die Politik nicht mehr aufregend genug.

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