Zeitung Heute : Ich bin ein Sommeranzug

ANJA KÜHNE

Friedrich Wolfs expressionistische "Elemente" im Theater Am UferVON ANJA KÜHNE"Ich habe mich so satt.Was habe ich getan?" Soeben hat der jugendliche Kriminelle namens Blut gemeinsam mit einer Ganovenbande ein Haus in Brand gesteckt und den Besitzer ermordet.Mit der tiefen Reue des jungen Mannes läßt der kommunistische Dramatiker und Arzt Friedrich Wolf seinen expressionistischen Zyklus "Elemente" von 1922 hoffnungsfroh beginnen: Die Utopie der Geburt eines "neuen Menschen", die Wolf unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges in drei Einaktern vorführt, wird im ersten Teil, dem "Fegfeuer", gleich vervielfältigt als kollektive Umkehr der jungen Generation.Die ganze Bande hat offenbar nur auf Bluts erlösendes Startzeichen gewartet, um sich gegen den brutalen Bandenchef zu verbrüdern, der schließlich seinen wohlverdienten Tod auf den Bahngleisen findet. Psychologisch ist diese recht plötzliche Wende der Ereignisse wenig glaubwürdig, dafür ist sie aber umso idealistischer: "Etwas Wahres bricht in uns auf, etwas Neues, etwas Helles!" Die mystische Verklärung gipfelt in Anja Dirks Inszenierung im Theater Am Ufer darin, daß die Akteure Schauspielstudenten der Hochschule Ernst Busch und Mitglieder des Ensembles Teatr Kreatur vor einer blonden Madonna mit Kind niederknien: "Seht das Kind, so waren wir alle.Irgendetwas davon muß doch noch sein." Mit den "Elementen" nimmt sich die neue Koproduktion eines wenig bekannten Werks von Friedrich Wolf an.Anders als in dem Agitationsstück "Cyankali" (1929) gegen den Abtreibungsparagraphen 218 und anders auch als in "Professor Mamlock" (1933) über die drohende Judenvernichtung, geht es in den "Elementen" weniger um die gesellschaftlichen Verhältnisse als um den Gegner im Ich und letztlich um die Erlösung durch sich selbst.Vielleicht eine zeitlose Sehnsucht.Doch Wolfs Dreiakter mit seinem expressionistisch-gehetzten Pathos, der sich oft in leidenschaftlichen Schreien Bahn bricht, mit den vielen religiösen Bezügen und den typenhaften Figuren wirkt heute vor allem altmodisch, nur noch Zeuge einer längst vergangenen literarischen Epoche. Zu selten lösen sich die drei Inszenierungen ironisch von ihrer Vorlage: Etwa, wenn im ersten Teil ein weißgeschminkter Kopf ohne Torso der Geist des erschlagenen Hausbesitzers vorüberschwebt, oder im Stück "Flut" (Regie: Britta Geister), wenn eine Puppenspielerin den Hosenanzug des umgebrachten Sohnes dem Vater im Traum erscheinen läßt ein Spiel mit dem im Expressionismus beliebten Vater-Sohn-Konflikt: "Ich bin ein Sommeranzug, ich habe Fragen." Treu expressionistisch sind die Bühnenbilder und Kostüme: ungebrochene Farben, blau und gelb, in großen Flächen.Auf einem Gerüst sitzt in "Flut" ein Matrose und ahmt den heulenden Sturm expressiv mit lautem "Uiii!" nach. In diesem Stück ist es der Deichhauptmann, der sich selbst auf recht schlichte Weise erlöst: Von seiner verhärmten Frau und seiner bigotten Schwägerin (überzeugend gespielt von Sylvie Rühl und Susanna Capurso), die hier mit bürgerlicher Enge identifiziert werden, flieht er in die Arme der Dienstmagd: "Du bist das Leben!" In "Äther" schließlich (Regie: Markus Joss) wird ein alternder Astronom gezeigt, der als Forscher von seiner Ehefrau und seinem Assitenten hintergangen wird.Wieder steht am Ende die überschwengliche Lebensbejahung: "Das Licht, es kommt zu uns allen." Die drei Inszenierungen nehmen all dies zu ernst.Das Premierenpublikum reagierte mit höflich-freundlichem Applaus. Theater Am Ufer, 19.Februar bis 9.März, Donnerstag bis Montag um 20 Uhr.

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