Zeitung Heute : Ich bin Samson aus der Sesamstraße

Die Kinder-Fernsehsendung wird in diesem Jahr 30. Und Klaus Esch ist ihr unbekanntester Hauptdarsteller.

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Wer steckt dahinter? Eine Serie von Nina Mallmann Samson sein ist Knochenarbeit, die Spaß macht. Ich muss es wissen, denn ich stecke seit zwölf Jahren in Samsons Haut. Und das kam so: Zuerst habe ich gelernt, wie man schauspielert und dann auch noch, wie man Opern singt. Das ist schon mal eine gute Kombination, fanden die vom Norddeutschen Rundfunk, die mich ausgesucht haben. Casting nennt man so etwas. Da erschienen ungefähr 20 Herren, die meisten waren so groß gewachsen und hatten eine so tiefe Stimme wie ich. Ich habe gewonnen, vielleicht, weil ich am größten war und die tiefste Stimme hatte? Ich bekam den Job und war sehr glücklich. Es ist schließlich eine große Ehre, der Samson aus der Sesamstraße zu sein. Der ist ziemlich bekannt. Er ist bekannter als alle Teletubbies zusammen. Und wenn man mich fragt, muss ich bei aller Bescheidenheit – sagen, dass ihn zu Recht so viele große und kleine Leute kennen und er von allen gemocht wird.

Warum Samson sein Knochenarbeit ist? Nun, Samson ist wahnsinnig schwer. Manche sagen: Mensch, da musst du doch glücklich sein, wenn du dich in der Hängematte ausruhen darfst. Von wegen: In der Hängematte liegen, das ist ganz besonders anstrengend. Ich mag es eigentlich gar nicht sagen, aber in Samsons Kopf steckt kein Samson-Gehirn, sondern ein Monitor. Auf den wird jeweils die aktuelle Kamera-Einstellung spiegelverkehrt projiziert, damit Samson und ich uns orientieren können. Es gibt natürlich auch ein Luftloch, damit ich atmen kann. Eine komplizierte Technik ist das, die niemand sieht.

Obwohl ich die Bücher nicht schreibe, habe ich manchmal Einfluss auf die Geschichten, die erzählt werden. Ich bin zwar schon 41, befinde mich aber als Samson auf dem Niveau eines Sechsjährigen. Oft fallen uns bei den Dreharbeiten Variationen ein, die wir proben. Dann kommt es vor, dass wir eine Pause machen müssen, weil der Kameramann und der Tonmann sich die Bäuche halten vor Lachen – Samson ist eben ein großer Tollpatsch. Wer sollte das wissen, wenn nicht ich? Wenn ich Kinder treffe und ihnen sage, dass ich der Samson bin, glauben die mir das nie. Kinder lieben den dicklichen Bären und sind unerschütterlich in ihrem Glauben daran, dass er wirklich lebt. Nur wenn ich dann anfange, so zu sprechen wie er: „Uiuiuiuiui!“ Dann sind sie für einen kurzen Moment verunsichert. Dieses „Uuiuiuiui“ bedeutet nichts anderes, als das Staunen über die Welt und die vielen Dinge, die sie für jeden bereithält. Allerdings muss man auch den Mut haben, sie zu entdecken. Der Mut fehlt dem Samson manchmal. Das macht ihn liebenswert.

Für mich ganz persönlich bedeutet der Job als Samson, dass ich noch genügend Zeit habe, andere Sachen zu machen. Ich spiele in Hamburg am Altonaer Theater eine Doppelrolle in „Von Mäusen und Menschen“, und ich trete als Opernsänger auf. Deswegen macht es mir auch nichts aus, dass mich niemand auf der Straße erkennt und schreit, „das ist doch der Samson aus der Sesamstraße!“ Ich stehe auf der Bühne und kriege dort Applaus. Und das Beste an dem Samson-Job ist, dass noch genügend Zeit bleibt, um bei meiner Familie zu sein. Mit meiner Frau und ihrem Sohn wohne ich in Flensburg.

Die wenigsten Zuschauer wissen, dass Samson sich über die Jahre verändert hat. Früher war sein Kopf kugelrund, jetzt ist er ein wenig eckig und man kann die Andeutung eines Kinns erkennen. Die Sesamstraße wird 2003 30. Leider muss ich sagen: Samson kommt immer weniger vor in der Sesamstraße. Warum? Das kann ich mir nicht erklären. Mir ist er ans Herz gewachsen, der alte Zausel.

Aufgezeichnet von Esther Kogelboom.

Mit dieser Folge endet unsere Reihe „Wer steckt dahinter?“ Vom nächsten Sonntag an erscheint an dieser Stelle die neue Kolumne von Hellmuth Karasek.

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