Zeitung Heute : „Ich fühle das Crescendo nicht“

Heinrich Schiff und Kent Nagano geben Meisterkurse an der UdK

Katja Kollmann

Meisterkurse sind Sternstunden im studentischen Alltag der Universität der Künste. Weltstars wie Karajan, Simon Rattle oder Mariss Jansons haben schon im Konzertsaal an der Hardenbergstraße mit Studenten gearbeitet. Im Juni dieses Jahres kamen die Cellisten sowie das Symphonieorchester der Hochschule in den Genuss einer Lehrstunde mit dem österreichischen Cellovirtuosen Heinrich Schiff und mit Kent Nagano, der sich gerade als Dirigent des Deutschen Symphonieorchesters verabschiedet hat.

Heinrich Schiff probt Beethoven

Es ist zehn nach zwei. Tobias Bloos sitzt auf einem Holzstuhl. Das Violoncello schmiegt sich an seine Oberschenkel. Wartend streift sein Blick die Tür des Carl-Flesch-Saales im UdK-Gebäude an der Bundesallee.

Wenige Sekunden später durchzieht ein Luftzug den Raum und ein kräftiger Mann mit schwarzer Cordhose und gelb-roter Fliege über dem weißen Hemd stürmt herein. Tobias Bloos streckt seinen Oberkörper durch und spielt. Beethovens Sonate A-Dur Op. 69.

Heinrich Schiff beobachtet ihn.

Seine Hände sprechen und hören mit. Sobald die Musik ertönt, formt Schiff, der auch Dirigent ist, mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis und dirigiert. Wenn er das Spiel unterbricht, schnellt die rechte Hand wie eine Bahnschranke nach oben. Aber das gemütliche österreichische Deutsch nimmt der Kritik den Stachel. „Ein bisschen mehr, ein bisschen weniger, darüber kann man immer verhandeln“, ist die Ansicht des Cellovirtuosen, wenn es um ein forte geht. So entlockt er dem ernsten Jungmusiker sogar ein leises Lächeln. Dann holt sich Heinrich Schiff das Cello und fängt an zu spielen.

Tobias Bloos ist beeindruckt von der musikalischen Handschrift Heinrich Schiffs. Der Meister erklärt außerdem, wie man als Musiker bei Beethoven immer wieder eigene Wege der Interpretation gehen kann. „Das Unkonventionelle wagen“, gibt er dem jungen Musiker mit auf den Weg. Und er gibt praktische Ratschläge, die das Musikantenleben verlängern können: Beim Spielen den Nacken entspannen. Dann geht er eine rauchen.

Kent Nagano probt Brahms

Ein Sonntag im Juni. Es ist es heiß. Kent Nagano trägt trotzdem einen dunkelgrünen Pullunder über dem hellblauen Hemd. Einen Nachmittag lang wird der weltberühmte Dirigent mit dem Symphonieorchester der Universität der Künste Johannes Brahms’ Symphonie Nr. 4 in e-Moll proben.

Schulterfrei sitzen die Studenten hinter ihren Instrumenten im Konzertsaal der UdK. Als Kent Nagano seine Hände nach oben führt, wird es augenblicklich still. Einen kurzen Moment lang stehen diese Hände still. Jetzt arbeitet Naganos unsichtbarer Akku. Er braucht nur wenige Sekunden, um seinen Körper mit Energie aufzuladen.

Dann schnellen seine Arme nach oben und Brahms’ Vierte erorbert die Instrumente. Plötzlich schüttelt der Stardirigent den Kopf und unterbricht das crescendo. Leise, fast sanft spricht Kent Nagano zu den jungen Musikern. „Ich fühle das crescendo nicht. Ich spüre den Inhalt nicht.“

Dieser Nachmittag mit den Symphonikern der UdK ist für Kent Nagano Spaß, Anregung und Inspiration. Aber ebenso spürt er als Künstler eine besondere Verantwortung: „Wir müssen unsere Tradition in Sicherheit bringen, sie muss zur nächsten Generation kommen“, betont er. Die Studenten schätzen die Kollegialität seines Arbeitsstils.

Während der Probe lacht der Dirigent immer wieder laut und herzhaft. Auch das Orchester ist bester Laune. Ein letztes Aufbäumen der Instrumente. Noch einmal fliegen Kent Naganos Hände durch die Luft. Sekunden später spannt der Stardirigent einen roten UdK-Regenschirm auf und geht hinaus in die gleißende Sonne.

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