Zeitung Heute : „Ich fuhr gegen eine Wand von Hass“ Quälender Hunger, rasende Abfahrten und der Befehl, das Tempo zu drosseln:

04.07.2005 00:00 UhrVon -

Jens Voigt erzählt von den Merkwürdigkeiten der Tour de France.

Jens Voigt, 33, ist in diesem Jahr der bislang erfolgreichste deutsche Radrennfahrer. Seine Kollegen nennen ihn „Krieger im Sattel“, denn keiner reißt so oft aus wie er und fährt dem Feld voraus. Bei der Tour de France, die gestern begonnen hat, startet der Mecklenburger für das dänische Team CSC.

Interview: Helmut Schümann und Axel Vornbäumen Foto: KaiUwe Heinrich Herr Voigt, haben Sie jemals zusammengerechnet, wie viele Stunden Sie bei der Tour de France alleine auf dem Rad der Meute vorneweg gerast sind?

Sie meinen, weil ich als permanenter Ausreißer gelte? Bei der Tour im Jahr 2002 war ich etwa 1000 Kilometer alleine unterwegs.

Und wenn man von einem Schnitt von 45 Stundenkilometern ausgeht…, na ja, ich bin die Tour jetzt acht Mal gefahren. Es ist schon einiges zusammengekommen.

Was macht Spaß daran, stundenlang alleine unter Höchstanstrengung vorneweg zu radeln?

Ich weiß, ich muss nur durchkommen: Dann habe ich gewonnen.

Schildern Sie uns mal einen Ausreißversuch.

Mein Arbeitstag sieht völlig anders aus als der eines Sprinters. Der versteckt sich den ganzen Tag im Feld mit dem Finger in der Nase und fährt im Idealfall nur die letzen 200 Meter im Wind. Ich muss mir das Streckenprofil anschauen, die Windverhältnisse prüfen. Und dann muss ich entscheiden, ob ich alleine losfahren will, oder ob ich mich mit einem anderen zusammentue.

Wie suchen Sie sich denn Ihren Mitstreiter aus?

Danach, ob ich ihm die Willensstärke ansehe. Ich kann ja keinen gebrauchen, der von vornherein sagt, ich glaube eh nicht an den Etappensieg.

Gibt es eine Idealsituation für den Fluchtversuch?

Es gibt Standardsituationen, ähnlich wie im Fußball. Bei uns sind das die Zwischensprints. Die Sprinter fahren alle bis zur Leistungsgrenze, das Feld ist lang gezogen. Und nach den Sprints pumpen die wie die Maikäfer und machen kurz Pause. Das ist der Moment zum Antritt.

Und dann geht es los.

So ein Fluchtversuch läuft in drei Phasen ab: In der ersten versuche ich vom Feld wegzukommen. Das Wichtigste dabei ist es, einen Abstand von einer Minute herauszufahren. Zumindest muss man außer Sichtweite fahren, Sehen wirkt wie ein Magnet. Dann springen hinten drei, vier Fahrer vom Feld weg und machen gemeinsam meinen kleinen Vorsprung wieder wett. Das ist die Phase, in der es nichts zu denken gibt, nur treten, treten, treten.

Und irgendwann schauen Sie sich um und wissen, es hat geklappt.

Bloß nicht. Zurückschauen ist ein Zeichen von mentaler Schwäche, ein Signal, dass man selber nicht daran glaubt. Man fährt nur geradeaus. Was man wissen muss, erfährt man vom Teamchef über Funk im Ohr. In dieser Phase fahre ich ein Tempo von bis zu 55 Stundenkilometern. In Phase zwei nehme ich ein wenig Tempo raus, so auf 45 bis 48 Stundenkilometer. Das ist die Marschphase. Für das Feld ist es die Rechenphase.

Die rechnen, wie weit man Sie wegfahren lässt.

Wenn die mir zehn Minuten Vorsprung lassen können, ohne Veränderung im Gesamtklassement befürchten zu müssen, dann lassen die mich. Fahre ich aber auf 12 Minuten davon, werden die sofort schneller. Normalerweise hat man als Einzelner gegen ein Feld von etwa 100 Fahrern keine Chance. Faustregel ist, dass das Feld pro zehn Kilometer eine Minute aufholen kann. Das Ganze ist eine Art Schachspiel.

Und Phase drei?

Die fängt etwa 100 bis 80 Kilometer vor dem Ziel an. Hinten wird schneller gefahren, also muss ich auch schneller fahren.

Ab wann wissen Sie, dass Sie den Etappensieg schaffen werden?

Wenn ich 20 Kilometer vor dem Ziel noch drei Minuten Vorsprung habe, kommen die nicht mehr ran. Sind es zwei Minuten, stehen die Chancen fünfzig zu fünfzig. Bei 1:30 muss hinten schon irgendetwas passieren, damit ich durchkomme.

Zum Sightseeing ist bei knapp 50 Stundenkilometern auf dem Rad keine Zeit?

Manchmal schon. Einen Ferrari am Straßenrand nehme ich schon wahr. Oder eine Burg auf einem Felsen. Die Tour führt ja durch wunderschöne Gebiete, im Südwesten, bei Carcassonne, da steht so eine gigantische Burg. Da saßen einst die Katharer, eine Religionsabspaltung von Rom. Die vertraten die recht vernünftige These, dass alle arm sein sollten. Und während der folgenden Glaubenskriege war das deren Hauptfestung. In der Marschphase kann man an so etwas denken.

So bei Tempo 45 ist das eine erholsame Fahrt?

Für Sie wahrscheinlich nicht! Für mich geht es hauptsächlich darum, immer so ein, zwei Pulsschläge unter dem anaeroben Bereich zu bleiben, also darauf zu achten, dass die Muskulatur keine Sauerstoffschuld eingeht. Ich fahre jetzt 24 Jahre Rad. Ich kenne meinen Körper. Ich weiß, wann ich mich dem roten Bereich nähere.

Da wird es auch mal stockdunkel.

Ja, dann fährt man in einen Tunnel. Man sieht nur noch das Hinterrad des Vordermannes, alles andere verschwimmt. Die Zuschauer nimmt man nur noch als Brandung wahr, Stimmen sind nicht mehr zu hören, und es gibt eigentlich nur noch einen Gedanken: dranbleiben, dranbleiben.

Was hält Sie in so einem Moment auf dem Rad?

Das Wissen, dass der vor einem auch nur ein Mensch ist, der kann auch nicht schneller. Am Berg ist das manchmal so: Da kommt noch eine Serpentine und noch eine, und du denkst, nach der nächsten wird er langsamer. Wird er aber nicht. Aber du denkst, eine schaffe ich noch, nur noch eine Serpentine, dann gibt er auf. Macht er aber nicht, also noch eine Kurve. Ich habe schon oft erlebt, dass es genau so kam: Dass der Vordermann sich gesagt hat: Schluss, aus, ich kann nicht mehr, und dann ruhiger geworden ist. Und ich war der Allerletzte, der drangeblieben ist, sozusagen mit dem Messer am Hals. Allerdings muss ich dann zwei, drei Tage später den Preis für meine Willensstärke bezahlen und kürzer treten.

Der Vordermann ist auch nur ein Mensch. Es sei denn, es ist Lance Armstrong.

Ach, ich habe Lance auch schon geschlagen, allerdings nur im Frühjahr. Wenn der in Topform ist, fährt er in seiner eigenen Liga.

Und Sie?

Radsport ist keine Atomphysik, Radsport ist ganz einfach. Ich kann am Berg nicht gegen Armstrong oder Ullrich gewinnen. Ich kann aber auch keinen Sprint gewinnen gegen Erik Zabel oder Andreas Klöden, und beim Zeitfahren tue ich mich gegen Armstrong auch schwer. Was bleibt noch übrig? Ich habe 90 Renntage pro Jahr, davon sind 45 Bergankünfte, Sprintertage, Zeitfahren. Die Hälfte ist weg. Vom Rest hat man noch etwa 20 Tage, in denen man schlecht in Form ist oder seinem Kapitän dienen muss. Von den restlichen 25 nehmen wir noch mal fünf weg, die wegen eines Reifenschadens ausfallen, oder weil man den Absprung mit der Gruppe verpasst hat. Es bleiben also nicht viele Tage, an denen ich um den Sieg fahren kann.

Man nennt Sie den „Krieger im Sattel“, allein auf weiter Pirsch, und hinten hilft niemand.

Wie sollte mir hinten im Feld jemand helfen?

Durch Störmanöver das Feld bremsen.

Niemals! Es gibt ungeschriebene Gesetze. Eins ist, dass niemals in der Verpflegungszone attackiert werden darf, jeder braucht eine Flasche, jeder braucht etwas zu essen. Eine andere Regel ist die, dass man ein Team, das Tempo macht, nicht stört. Es darf sich da niemand dazwischendrängeln.

Das klingt nach Ehrenkodex.

Schauen Sie, bei der Tour fahren die Besten der Besten, und unter denen gibt es durchaus so etwas wie Ritterlichkeit…

… mit Verlaub, Ritterlichkeit in einer Sportart, die als dopingverseucht gilt…

…doch die gibt es. Wir haben das Dopingproblem, lächerlich wäre es, das zu leugnen. Wenn es aber heißt, bei der Tour sind alle gedopt, sonst würden sie die Strapazen nicht überstehen, dann ist das das Gleiche, als ob ich sage: Alle Politiker lügen.

Erzählen Sie die Wahrheit von der Ritterlichkeit.

Danke. Es geht schon respektvoll zu im Feld. Wenn das Gelbe Trikot mal pinkeln muss, besteht Attackierverbot. Dann rollt das Feld mit 30, 35 Stundenkilometern weiter, und es ist für den Träger des Gelben Trikots und sein Team kein Problem, wieder ranzufahren. Oder die Wasserholer, die manchmal mit acht Flaschen um den Hals nach vorne fahren. Die rufen „Service“ und alle machen Platz. Das gleiche Recht auf eine Gasse hat die Mannschaft vom Gelben Trikot, und der Träger des Gelben Trikots darf ohnehin durchs Feld fahren wie ein heißes Messer durch die Butter. Weil es kein Glücksfall ist, in Gelb zu fahren. Wer in Gelb fährt, der kann was, dem gebührt Respekt.

Psychologie und Körpersprache spielen sicher eine Rolle. Oder fällt niemand mehr auf Mätzchen rein?

Mätzchen? Ich weiß nicht. Ich glaube 2002 war es, als Ullrich und Armstrong allein fuhren. Jan vorneweg. Er gab alles, mit offenem Mund. Und dann nahm Lance hinter ihm die Trinkflasche und Jan hörte die Gurgelgeräusche, die Armstrong machte, weil er das Wasser im Mund spülte. Das geht nur, wenn man dabei durch die Nase atmet. Jan sagte nachher, weißt du, ich schnappe vorne wie verrückt nach Luft, und der atmet durch die Nase. Vielleicht konnte Lance auch nicht mehr, aber in dem Moment, sagte Jan, habe er gemerkt, dass er geschlagen gewesen sei.

Es gab im vergangenen Jahr eine Szene, nach der Ihr Verhältnis zu Ullrich nicht so gut war.

Sie meinen, als ich am Berg gewartet habe, um Ullrich mit dem Feld zusammen einzufangen? Ich habe nur meinen Job gemacht.

Und der lautete an dem Tag: Ullrich aufhalten?

Es war so: Ich fuhr in einer Spitzengruppe vorweg, eigentlich auf Etappensieg. Ullrich hatte alleine unsere Verfolgung aufgenommen und war gut in Fahrt. Es war seine Attacke aufs Gelbe Trikot, möglicherweise wäre sie ihm sogar gelungen. Das war aber weder im Interesse von Armstrong noch von meinem Team. Ich bekam also Order, Ullrich vorbeiziehen zu lassen, aufs Feld zu warten und dann mitzuhelfen, Jan einzuholen.

Sie sind quasi stehen geblieben.

Ja, ich bin Schlangenlinien gefahren. Dann kam Jan angerauscht, oh, der war gut in Schuss. Den hätte ich alleine nicht halten können. Zusammen mit dem Feld ging es dann aber schon.

Ist es nicht furchtbar frustrierend, wenn man aussichtsreich zurückgepfiffen wird?

Das ist mein Job. Hätte ich mich widersetzt, hätte ich am anderen Tag nach Hause fliegen können.

Stattdessen wurden Sie am anderen Tag von deutschen Zuschauern angepöbelt.

Ja, in Alpe d’Huez. Ich bin noch nie gegen so eine Wand von Hass angefahren. Dass ein deutscher Fan es nicht lustig findet, dass ein Landsmann von Ullrich hilft, ihn einzufangen, kann ich ja noch nachvollziehen. Aber was da los war? Gigantische Spruchbänder, auf denen ich als Judas bezeichnet wurde. Dann die Beschimpfungen: „Arschloch! Verräter! Schwein! Ratte! Armstrong-Helfer!“ Die hätten mich am liebsten vom Rad geschlagen.

Wie hat Ullrich reagiert?

Als er von den Reaktionen der Leute hörte, hat er sich hingestellt und mich verteidigt. Ich wäre am liebsten in den Bus, hätte geheult und wäre nach Hause gefahren. Bis dahin habe ich immer geglaubt, dass ich zu den beliebteren Sportlern zähle. Ich habe ein vernünftiges Image, bin verheiratet, habe meine Kinder und versuche auch im Radsport niemandem auf die Füße zu treten. Dann das! Solche Pöbeleien kennen wir nicht im Radsport, Radsport hat ein sehr gutes Publikum.

Das Ihnen in guten Zeiten auch schon mal Wasser über den Kopf schüttet.

Oder in schlechten. Wenn man oben am Berg ankommt und kriegt eine volle Ladung Wasser ab, danke, dann geht man nämlich klatschnass in die Abfahrt. Ansonsten ist dieser Wechsel zur Abfahrt immer noch ein unglaublicher Moment.

Nach der Anstrengung die Erleichterung.

Es ist dieser Wechsel. Den gesamten Berg hinauf war diese gigantische Geräuschkulisse zu hören, Menschen, die neben einem herrennen, schreien, gestikulieren. Dann kommt die Bergwertung. Und dahinter: Nichts. Absolute Stille.

Bei Regen wird es doch unglaublich gefährlich.

Ja, man muss mehr aufpassen. Wenn man einen Alpenpass runterfährt, der nur so breit ist wie zwei Tische, und dann liegen da noch ein paar Kuhfladen rum, Schotter und Split, da ist das Vertrauen in den Untergrund schnell verflogen. Ich hatte drei Schlüsselbeinbrüche, ich habe Narben an den Hüften, den Knien, den Ellbogen, überall. Es gibt Fahrer, die fahren den Berg runter, als ob es kein Morgen gibt. Mein Geschäft ist das nicht mehr. Ich bin nicht der Stuntman.

Was ist schlimmer, Sturz oder Hunger?

Der Hunger. Man ist einfach nur leer. Kein Quatsch, man könnte das Gras von der Wiese fressen. Ich hab’s im Training erlebt, man klaut grüne, unreife Äpfel vom Baum, man fällt in die totale Hoffnungslosigkeit. Es geht nichts mehr, du weißt nicht mehr, wie du nach Hause kommen sollst, der Körper ist wie ausgeschaltet. Das erlebt man einmal und dann hat man seine Lektion gelernt.

Die Leidensfähigkeit der Fahrer ist Teil des Mythos. Im vergangenen Jahr fuhr Tyler Hamilton mit gebrochenem Schlüsselbein einen Etappensieg heraus.

Was die Leiden angeht, stimme ich zu. Was den Schlüsselbeinbruch von Tyler angeht – ich weiß nicht so recht. Auf dem Podest stand er schmerzverzerrt rum, aber im Ziel hatte er die Arme hochgerissen. Vielleicht hatte er ja einen Haarriss. Bei meinem Bruch waren die Knochenenden ineinander verschoben, wenn ich die Arme gehoben habe, piksten die Knochen ins pure Fleisch rein.

Heldensagen. Spüren Sie den Tour-Mythos?

Schon am Startort. Alle sind Tage früher da, die Nervosität baut sich langsam auf, wenn dieses gigantische Ereignis so langsam ins Rollen kommt. Und natürlich am Ende auf die Champs-Élysées: Du weißt, du hast es geschafft. All die Helden, nahezu jeder hat Verbände am Knie, am Ellbogen, der eine hat einen Sonnenbrand und der andere dies und das. Eine Million Menschen sind da, du fährst ganz langsam, Schritttempo, es tut nichts mehr weh. Die jubeln nur für dich. Du bist ein Held, weil du Unmögliches vollbracht hast, weil du die Tour durchgestanden hast. Das ist der Moment, in dem ich mir sage: Das ist das Größte auf der Welt. Hier will ich immer wieder hin.

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