Zeitung Heute : Ich habe kein Problem

Unser Autor hat Geldsorgen, Rückenschmerzen und Bindungsängste. Die Freunde sagen: Mach ’ne Therapie – wie wir. Er sagt: Nein! Und fragt sich: Bin ich noch normal?

Ich bin ein Außenseiter. 33 Jahre alt, Journalist – und noch nie beim Therapeuten gewesen. Ich bin, wenn man so will, eine Ausnahmeerscheinung in meinem Freundeskreis: Die meisten meiner Freunde machen die eine oder andere Therapie, manche sogar zwei. Warum? Weil sie Versagensängste haben oder ein Burnout befürchten, weil sie zu viel saufen oder auf diffuse Weise mit ihren Eltern nicht klar kommen. Dann imaginieren sie sich unter therapeutischer Begleitung in eine lila Lichtsäule oder gehen einmal im Monat in einen sogenannten Streicheltunnel, weil sie sonst den Stress und die Missachtung im Job nicht mehr aushalten würden.

Verdränge ich meine Probleme? Geht es mir gut?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht genau, aber ich denke mal: Ja. Sicher gibt es Tage, an denen ich mich schon beim Aufstehen frage, ob ich in den nächsten Stunden irgendetwas Sinnvolles machen oder doch nur ein paar Runden im Laufrad drehen werde; Abende, an denen ich schlecht einschlafe, weil ich weiß, dass der nächste Tag ziemlich stressig wird. Aber diese Tage und Abende sind selten, und ich versuche, nicht groß darüber nachzudenken. Ich bin überhaupt kein großer Nachdenker. Das habe ich von meinem Vater. Probleme, sagt der, macht man am besten mit sich selbst aus. Alleine. Beim Sport. Mein Vater besitzt ein Rennrad, das 6000 Euro gekostet hat, und er trainiert damit 15 000 Kilometer im Jahr. Alleine.

Mein Körper? Ist nicht in Rad-Marathon-Verfassung, aber ich bin zufrieden, immerhin bin ich 33 Jahre alt und rauche. Nur die Rückenschmerzen sind seit ein paar Jahren lästig. In einem fremden Bett zwickt der Rücken spätestens um drei Uhr morgens, im eigenen Bett geht es zumindest bis um sieben. Woher die Schmerzen kommen, weiß ich nicht, die Bandscheiben, sagt der Arzt, sind jedenfalls völlig in Ordnung. Ein Freund, der unter ähnlichen Symptomen leidet, war kürzlich beim Esoteriker. Der sagte ihm, Rückenschmerzen stammten von einem unaufgearbeiteten Vater-Sohn-Konflikt und empfahl ein Gespräch mit seinem Vater. Ich nehme Tabletten.

Aber worüber sollte ich mit meinem Vater auch reden? Ja, wir hatten mal Probleme. Als ich mich nach dem Abitur für Geschichte eingeschrieben habe und nicht etwa Jus oder BWL, hat er mir die finanziellen Zuwendungen gekürzt, so dass ich schon mit 18 neben dem Studium zu arbeiten beginnen musste. Deswegen steht auf meiner Visitenkarte kein Magister-Titel. Heute verstehen wir uns wieder bestens. Und dass die Auseinandersetzungen von damals heute Rückenschmerzen auslösen können, das kann ich mir einfach nicht vorstellen.

Ich arbeite zu viel und schramme latent am Burnout vorbei. Das liegt daran, dass ich insgesamt vier Jobs habe, die ich gleichzeitig abwickle. Warum? Weil ich, seit ich vor fünf Jahren mal aus einer Festanstellung wegrationalisiert wurde, eine berufliche Bindungsangst habe, und mich nicht mehr auf einen einzigen Arbeitgeber einlassen will.

Ansonsten? Ich saufe nicht, zumindest nicht übermäßig. Die kapitalen Abstürze halten sich in Grenzen und härtere Drogen nehme ich schon seit Jahren nicht mehr. Seit mittlerweile elf Jahren lebe ich mit derselben Frau zusammen, exakt ein Drittel meines bisherigen Lebens. Und ich habe ein Kind.

93 Zeilen hat dieser Text bisher, und ein paar Probleme habe ich aus Platzgründen ausgelassen: dass ich mich finanziell ständig am Abgrund bewege etwa, dass ich nicht fähig bin, Rücklagen zu bilden und deswegen bei jeder Zahlungsaufforderung der Krankenkasse faktisch pleite bin; dass ich Statussymbolen nachjage; und dass ich Momente habe, in denen ich mich frage, ob nicht ein paar Träume zuviel auf der Strecke geblieben sind. Aber im Wesentlichen ist es das: mein Leben, oder besser gesagt die Probleme meines Lebens, die ich selbst erkennen kann.

Warum ich sie aufschreibe? Weil ich eine Frage habe. Diese: Sollte ich, anstatt hier meine Probleme auszubreiten, nicht einfach einen Therapeuten aufsuchen?

Ich habe Freunde, die sagen, dass ich professionelle Hilfe brauche. Das wäre kein Drama, denn ich lebe in einer ziemlich austherapierten Welt mit umfassendem Angebot. Ich weiß, wie viele meiner Freunde zum Therapeuten gehen, denn im Jahr 2007 spricht man darüber, und man spricht darüber sogar gerne, beim Samstags-Vormittagsbrunch zum Beispiel.

Schon klar: Es ist gut, wenn sich eine Gesellschaft öffnet und psychische Probleme nicht länger stigmatisiert. Es ist gut, wenn Manisch-Depressive ihre Ansprechstationen haben, wenn Missbrauchsopfer professionelle Hilfe bekommen und Drogenabhängige ebenfalls. Aber ist unsere Gesellschaft wirklich schon so krank, dass wir uns alle therapieren lassen müssen?

Welche Probleme haben wir? Und vor allem: Mit welchen Problemen laufen wir schon zum Therapeuten? Wer heute über 30 ist und irgendwie kreativ arbeitet, der sollte dringendst Therapiekenntnisse aufweisen, sie sind, wie eine Freundin von mir kürzlich salopp festgestellt hat, „ein Teil der Allgemeinbildung“. Auf eine gewisse Weise gehört ein Therapeut genauso zum Leben wie eine Jahreskarte fürs Fitnessstudio.

Wenn Fußballer nur ordentlich kicken können, wenn sie von ihrem Mental-Trainer richtig eingestellt wurden und ein Skispringer nur noch dann weit springen kann, wenn er seinen Ödipus-Komplex richtig aufgearbeitet hat, dann braucht in unserer Gesellschaft definitiv jeder einen Therapeuten. Und dann hat der schöne Werbespruch der Hornbach-Baumärkte sogar gesamt-gesellschaftliche Bedeutung: „Es gibt immer was zu tun.“ Aber ich kann mir nicht helfen: Ich glaube einfach nicht, dass ein Therapeut meine Rückenschmerzen besser kurieren kann als ein ordentlicher Orthopäde.

Schon klar: Wenn man Mitte 30 ist, dann steht man mit einem Bein in der Midlife-Crisis. Die grundsätzlichen Entscheidungen sind gefallen: Wir haben einen Job, oder zumindest eine grobe Ahnung davon, welchen Job wir einmal ausüben werden. Wir haben eine Beziehung, die schon länger dauert, oder aber eben keine Beziehung, und beides kann einen schlauchen. Im Wesentlichen wissen wir also, wohin die Reise gehen wird und beginnen, uns Sinnfragen zu stellen, fragen uns, ob das, was wir bisher erreicht haben, alles sein kann – doch die wenigsten sind dabei in der Lage, in der Beantwortung dieser Frage so weit zu gehen wie mein ehemaliger Kollege Wolfgang, der aus seinem Leben auszog und kürzlich ins Priesterseminar übersiedelte.

Doch der Großteil von uns ändert sein Leben nicht, zumindest nicht so radikal, sondern beginnt mit Yoga, besucht, wie eine Freundin von mir, tatsächlich einen Volkshochschul-Malkurs oder geht zum Therapeuten. Schließlich sind wir doch alle Hobbypsychologen, versuchen, die tieferliegenden Motive der anderen zu ergründen – und darum wollen wir uns auch selbst besser verstehen lernen.

Aber tun wir das wirklich? Oder folgen wir damit nur einem neuerlichen Lifestyle, einer Mode, die per Definition mal keine Inhalte erfüllen muss, aber trotzdem eine Verwirrung sein kann – so wie damals, als plötzlich auch Menschen jenseits der 1 Meter 50 dachten, ein Tretroller wäre das ideale Fortbewegungsmittel für die Stadt? Ich weiß wovon ich spreche: Ich habe mich auf so einem Gerät selbst mehrere Monate lang lächerlich gemacht.

Die 68er haben es uns, wieder einmal, vorgemacht. Wer 68 in einer WG wohnte und was auf sich hielt, der machte eine Analyse. Sie war das Markenzeichen, das Adelsprädikat einer kleinen intellektuellen Elite. Und das passte auch ganz gut, denn wer damals die Welt verändern wollte, der musste zunächst einmal sich selbst verändern – oder zumindest mit sich selbst im Reinen sein.

Eine wirkliche Analyse macht heute genau einer meiner Freunde. Er muss sie machen, denn er will Analytiker werden. Der große Rest aber gibt sich mit einer Therapie zufrieden, der ungleich weniger aufwändigen und vor allem schnelleren Petting-Variante der Aufarbeitung. Keiner meiner Freunde will die Welt verändern, keiner will eine Revolution anzetteln. Aber jeder nimmt sich trotzdem sehr, sehr ernst.

Und das ist dann auch die gemeinsame Klammer über meine Generation, über diese Gruppe verschiedener Partikularinteressen, die kein Inaugurationsdatum und kein namengebendes verbindendes epochales Ereignis besitzt. Wir sind alle Kinder der späten 60er oder 70er, und wir sind aufgewachsen mit dem Gefühl, dass für uns alles möglich sein wird. Und es stimmt ja auch: Es gab und gibt für uns keine Schranken mehr. Wir konnten uns das Studium aussuchen, das wir wollten, wir können uns die Jobs aussuchen, die wir wollen, wir können leben, wo und wie wir wollen. Es gibt keine Grenzen mehr, außer jenen, die wir uns selbst setzen, weil wir zu dumm sind für eine Karriere als Quantenphysiker oder zu wenig trainiert haben, um ein passabler Kicker zu sein. Einerseits verschärft das natürlich unsere Midlife-Crisis, weil wir für unsere – realen oder eingebildeten – Versäumnisse, niemand anderen als uns selbst verantwortlich machen können. Und andererseits führt das auf direktem Weg zum Therapeuten.

Denn was war die Zusatzbotschaft, die wir durch unsere Chancenvielfalt aufgesogen haben wie einen Schwamm? Wir haben gelernt, dass wir etwas Besonderes sind. Die wenigsten von uns stammen aus Großfamilien, ich selbst bin, obwohl ich eine 14 Jahre jüngere Schwester habe, aufgezogen worden wie ein Einzelkind. Alles ging, alles war möglich. Wenn ich Konzertpianist werden wollte, haben mir meine Eltern ein Klavier besorgt, wenn ich an Skirennen teilnehmen wollte, dann hat mein Vater am Vorabend meine Ski gewachst und die Kanten geschliffen. Und so war es bei den meisten von uns.

Ach ja: Als wir zur Welt kamen,war die Pille bereits seit Jahren am Markt. Vielleicht wäre das ein passender Titel für meine Altersgruppe: Generation Wunschkind.

Menschen wie ich müssen davon ja eigentlich einen Hau abbekommen.

Wir, diese ersten vollkommenen Individuen der Geschichte, wir, die wir zu großen Teilen mit Egos ausgestattet sind, die eigentlich eine eigene Postleitzahl brauchen, können bei unserer Genese ja gar nicht einfach nur so Probleme haben.

Wir können nicht sagen: Verdammt, ich saufe, weil es mir entweder schmeckt oder ich mit meinem Leben nicht klar komme, aber ich will das nicht mehr und darum saufe ich einfach weniger oder gar nichts mehr. Wir müssen mit solchen Problemen ganz einfach einen Therapeuten beschäftigen. Denn wenn wir ein Problem haben, dann wird es allein schon durch die Tatsache, dass es ein Problem eines Super-Individuums ist, gleich zu etwas, das nur noch ein Profi lösen kann: Wir sind so wichtig, dass unser Problem einen Therapeuten braucht. Und das zeichnet uns noch mehr aus.

Ja, das ist eitel. Sehr sogar. Und, ja, ich weiß: Das, was ich hier auf mittlerweile 296 Zeilen gemacht habe, ist mindestens genauso eitel. Aber ich gehöre einfach auch zu dieser Generation. Selbst wenn ich nicht zum Therapeuten laufe.

Ich glaube übrigens jetzt zu wissen, wie es mir geht. Es geht mir gut. Jetzt schon. Danke.

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