Zeitung Heute : "Ich halte die Welt in meinen Händen"

MARKO MARTIN

Oscar van den Boogaard, holländischer Schriftsteller aus BrüsselMARKO MARTINAn seinem 25.Geburtstag machte sich der ehemalige Jurastudent Oscar van den Boogaard selbst ein schönes Geschenk: er kündigte seine Arbeit in einer Brüsseler Anwaltskanzlei und begann, einen Roman zu schreiben."Dentz", 1990 veröffentlicht, erzählt die Geschichte einer Familie in Auflösung und wurde sofort in den Niederlanden, wo van den Boogaard 1964 zur Welt kam, ein großer Erfolg.Nur: sein Verlag war auf Klassiker spezialisiert.Da der Klappentext des Buches weder ein Foto des jungen Debütanten zeigte, noch etwas zur biographischen Erhellung beitrug, glaubten nicht wenige, daß auch Oscar van den Boogaard schon dahingeschieden sei. Dabei könnte der Mann, der mir jetzt mit Hawaiihemd und kurzen Hosen in der LCB-Villa am Wannsee gegenübersitzt, wohl kaum lebendiger sein.Große, stetig interessiert umherwandernde Augen, ein schlaksiger Körper, der wirkt, als wäre er beständig auf dem Absprung.Die Lebendigkeit ist keine Pose, die Erwähnung von Städten und Landschaften alles andere als eitles name dropping: Da der Vater beim Militär war, folgte ihm die Familie nach Surinam, später studierte der Sohn dann Französisch und Jura in Montpellier, Amsterdam und Brüssel.In Amsterdam hatte der damals 23jährige als Fremdenführer auf einem Grachtenboot gearbeitet, in dieser Funktion natürlich viele schöne Fremde abgeschleppt, aber auch Milva durch die Kanäle kutschiert; der junge Mann war der Sängerin bei einem Konzert durch seine offensichtliche Emphase aufgefallen. Milva, sei una divina per me! "Komisch, aber mir passieren laufend solche Geschichten." Van den Boogaard erzählt sie, ohne zu kokettieren.Ihm kann man deshalb wohl durchgehen lassen, wenn er sagt: "Ich habe Sehnsucht, ein heroisches Leben zu führen.Ich glaube, ich bin ein vitalistischer Schriftsteller.Ich mag Ernst Jünger." Aber weshalb mag man Oscar van den Boogaard auch noch nach solchen Sätzen, weshalb tun sie seiner sympathischen Aura keinen Abbruch? Vielleicht, weil seine Lebensfreude nicht die Schutzbehauptung eines verkniffenen Zivilisationskritikers ist, der als asketischer "Arbeiter" von reinigenden "Stahlgewittern" träumt.Weil van den Boogaard Zivilist ist - und weil er sich mit innerer Bewegung an eine schöne, schmerzliche Wannsee-Romanze erinnert, die ihm hier 1982 widerfuhr.Nichtsdestotrotz nimmt Autobiographisch-Anekdotisches in seinen Büchern - vier sind bisher erschienen - kaum einen Platz ein; auch die persönlichste Erfahrung muß erst gefiltert werden, ehe sie universell vermittelbar wird. Die Romane, in denen es um schwierige Familienverhältnsse, Bedrückungen und Ausbruchsträume geht, erzählen deshalb auch nur am Rande von schwulen Existenzen: "Die Unterscheidung Homo-Hetero ist zu grob, zu platt, die Welt ist feinmaschiger." In seinem soeben im Fischer Verlag auf deutsch erschienenen Roman "Julias Herrlichkeit" liefert van den Boogaard die Probe aufs Exempel für seine Feinfühligkeit.Erzählt wird die Geschichte einer Frau, die zwei Kinder hat und einen Mann, der sie zwar vergöttert, aber von Gott nicht mit allzuviel Phantasie - oder sagen wir ruhig: Vitalismus - bedacht worden ist.Folglich flieht Julia in erotische Träume, die bald überraschend real werden; ein alter 74jähriger Bauer wird von ihrem überbordendem Libesbedürfnis ebenso heimgesucht wie ein junger latin lover, den sie in Rio trifft.Tusch! Wenn Gustave Flaubert Emma Bovary war, ist dann Oskar van den Boogaard Madame Julie? "Absolut", ist die spontane Antwort, der ein jungenhaftes Lachen folgt.Womit wir auch schon bei der weitergehenden Überlegung wären, nämlich beim zugegebenermaßen nicht mehr sehr originellen Widerspruch zwischen Schreiben und Leben.Den aber läßt van den Boogaard nun gar nicht gelten."Ich halte die Welt in den Händen, wenn ich schreibe, ich will das Leben riechen und hasse jede Art von zelebraler Literatur, deren Autoren sich an der Realität zu rächen scheinen.Ich bin keiner dieser vertrockneten, verpulverten Schriftsteller, deren Lektüre einem immer so kraftlos zurück läßt.Ich möchte Freude spenden, Lust auf Entdeckungen machen." Hoffentlich vergeht ihm die nicht, gebe ich zu bedenken, wenn er beim Sommerfest auf seine Kollegen von der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur trifft.Er lacht, fragt nach Autoren, die etwas zu erzählen haben, schreibt sich die Namen Michael Kleeberg und Maxim Biller auf einen Zettel und erkundigt sich nach einer guten Buchhandlung.Nach gay bars fragt er, wie beruhigend, überhaupt nicht."Solche Orte sind überall gleich auf der Welt.Man trifft auf Menschenansammlungen, auf Gruppen, aber ich interessiere mich nun mal eher für die Geschichten von Individuen, und die findet man nicht in selbstgewählten Ghettos." Auch der mürbe Ästhetizismus und melancholische Jugendkult in der schwulen Literatur stößt Osacar van den Boogaard eher ab.Kunststück, er ist ja selbst noch jung, oder? "Nein, ich glaube nicht, daß das eine Frage des Alters ist.Natürlich ist das Leben teilweise absurd, tragisch; so etwas kommt ja auch immer wieder in meinen Büchern vor.Aber dem darf man nicht mit der großen Pose des Verzichts begegnen.Ich will das Erstaunen des Kindes, daß mein Leben jeden Tag neu beginnt, um keinen Preis aufgeben." Diese Gefahr scheint in der Tat ziemlich unwahrscheinlich zu sein; man bemerkt es nicht ohne Freude. Im Rahmen des Sommerfestes im LCB liest Oscar van den Boogaard heute, Sonnabend, 23.August, aus "Julias Herrlichkeit", Am Sandwerder 5; 14 Uhr 45 bis 21 Uhr 30.

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