Zeitung Heute : „Ich. Immer nur ich.“

Er ist einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit. Und manche halten ihn für einen Grobian. Georg Baselitz sagt: Ja, ich bin ein Egoist. Wie hält das seine Frau seit 40 Jahren aus?

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Der Maler, Grafiker und Bildhauer Georg Baselitz feiert am 23. Januar seinen 66. Geburtstag. Aufgewachsen in Sachsen, studierte er an den Kunstakademien in Ost und West-Berlin. Mit seiner ersten Ausstellung 1963 löste er einen Skandal aus, der internationale Durchbruch gelangt ihm zwei Jahrzehnte später. Baselitz gehört zu den höchstbezahlten deutschen Künstlern, wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und lebt heute mit seiner Frau in einem Schloss bei Hildesheim. Eine große Ausstellung seines Werks ist von April an in der Bonner Kunsthalle zu sehen.

Interview: Nicola Graef; Foto: Roland Weihrauch/dpa Herr Baselitz, Sie gelten als einer der wichtigsten deutschen Künstler…

…nun ja, viele stimmen mir vielleicht heute zu, weil sie mir wohlgesonnen sind, aber letztlich weiß ich, dass die meisten Leute null Interesse haben. Die interessieren sich dafür, was Künstler verdienen, wollen Teil am Ruhm haben, diese Stargeschichten. Sie haben kein Erlebnis beim Betrachten der Arbeiten.

Sie sind unzufrieden?

Normalerweise wird gesagt, ich sei ein Grobian, ein Rumpelstilzchen, ein Waldschrat, ein Rohling. Das bin ich nie gewesen. Ich habe eine große Ängstlichkeit, ich bin sensibel in meiner Arbeit. Wenn ich das Mittel der Aggression einsetze, dann nur strategisch. Sie müssen sich das vorstellen wie bei einem Autor, der einen Krimi schreibt und weiß, wie man Spannung erzeugt.

Also bearbeiten Sie zum Beispiel riesige Holzstücke mit einer Kettensäge.

Es geht um Formung, so ist das.

Was meinen Sie damit?

Es gibt in der Kunst zwei Vorgehensweisen, das Finden und das Machen. Wenn Sie etwas finden, sind Sie ein Voyeur, ein Sammler, ein Bewahrer, jemand der etwas erkennt. Das mag angenehm sein, aber für mich wäre es unbefriedigend. Wenn Sie etwas machen, formen, dann sind eben Sie es, der das tut. Sie gehen voller Unschuld vor. Das interessiert mich.

Sie wollten als kleiner Junge auch schon…

…ein großer Künstler werden, aber in der Musik. Da ich zu faul war, ein Instrument zu lernen, habe ich auf der Kunstakademie angefangen, obwohl es in der Kunstgeschichte nur unglückliche Existenzen gab, der verarmte Rembrandt etwa…

Ein solches Leben hat Sie trotzdem gereizt?

Diese Leidensgeschichte, ja, doch. Noch etwas: Es war interessant für einen Jungen, dass man ein Mädchen nackt sehen durfte, wenn man Maler werden wollte. Man musste nicht durchs Schlüsselloch gucken, die standen einfach im Aktsaal. Und als Kind interessiert man sich ja sehr dafür, wie es darunter aussieht.

Deshalb wollten Sie Künstler werden?

Außer mir wollte das niemand an meiner Schule. Ich weiß nicht, woher das Virus kam. Ich hatte einen Zeichenlehrer, der mir gezeigt hat, was Malerei bewirken kann. Er hat im Stil der neuen Sachlichkeit uralte Eichen, die zerfetzt waren, dramatisch und expressiv aussahen, auf Holzbrettchen gemalt. Was der alte glatzköpfige Lehrer da tat, fand ich so faszinierend, dass ich es selbst versucht habe: Etwas Teuflisches tun auf einem Brettchen, das mit dem, was man sonst sieht in der Welt, nichts zu tun hat. Dann begann das Spiel mit dem Künstlerdasein: Man wird zum Außenseiter, zum Sonderling, man macht sich interessant.

Also spielte auch Eitelkeit eine große Rolle.

Bestimmt. An den normalen Schuldingen, gemeinsamen Aktivitäten mit den anderen, habe ich von nun an nicht mehr teilgenommen. Ich bin zwar noch in den Unterricht gegangen, aber ich habe nur noch meine eigene Sache gemacht. Man hat mich in Ruhe gelassen.

1969 haben Sie das erste Mal Ihre Bilder umgedreht und auf dem Kopf stehend gemalt. Sie sind dabei geblieben. Damals war das eine Provokation. Und heute?

Das Merkwürdige ist: So lange ich das auch mache und darüber rede, habe ich dennoch nie Zustimmung erhalten. Die Leute, die sich meine Kunst ansehen, haben sich diesen Vorgang immer nur physikalisch und nicht inhaltlich erklärt. Dass ich Recht habe mit dem Perspektivwechsel, hat mir bis heute niemand bestätigt. Ich muss also weitermachen.

Was bringt das Umdrehen?

Wir sind ja immer ganz dicht an dem, was wir sehen. Das ist fixiert, unentwegt. Schon wenn Sie morgens die Augen aufmachen, selbst im Traum sind alle Bilder fixiert. Wir als Maler werden immer von der Außenwelt so verstanden, dass wir Kunst machen, weil wir die Welt korrigieren wollen. Das ist fatal! Und deshalb war es meine Idee, die Sache von vorneherein umzudrehen und das Bild auf den Kopf zu stellen.

Ihre erste Ausstellung 1963 löste einen Skandal aus. Bilder wurden beschlagnahmt, weil sie den Behörden zu obszön waren. Eins mit dem Titel „Die große Nacht im Eimer“ zeigte einen Jungen mit erigiertem Geschlechtsteil.

In der Presse war es ein Erfolg. Enttäuschend war nur: Es wurde nichts verkauft.

Warum haben Sie sich entschieden, in Ihrer ersten Ausstellung die Sexualität so zum Thema zu machen?

Es ging nicht um Sexualität. Es ging um Exhibitionismus. Es ging um dieses Hose-runterlassen. Ich hatte irgendwo gelesen, dass der englische Dichter Brendan Behan Gedichte vorgetragen und dabei seinen Hosenlatz aufgemacht hatte. Die Leute bei der Lesung waren empört. Diese Reaktion hat mich interessiert.

Würde so eine Provokation heute noch funktionieren?

Für mich ist die Provokation jedenfalls kein Thema mehr. Wenn mir etwas in der Richtung einfällt, finde ich es zu banal. Außerdem droht es unangenehm zu werden, genauso, wie wenn ein Exhibitionist nicht mehr 18, sondern 80 ist. Andererseits kann ich mir kaum einen Künstler vorstellen, der brave Bilder malen will und seine Ruhe haben möchte. Die Kunstwelt erlebt ja weiterhin unentwegt Skandale .

Auch hierzulande?

Bei uns in Deutschland ist es leicht zu provozieren: Fangen Sie mit der Nazizeit an, mit Rechtsradikalen, dann haben Sie sofort einen Skandal.

Sie haben von der Wirkung der Kunst gesprochen…

Erlebnisfähigkeit, in meinem Fall optischer Art, wirkt fundamental auf mein ganzes Leben ein. Kunsterlebnisse sind die größten Erlebnisse, die ich habe, und als ich als Kind das erste Kalenderbild sah, war ich erschüttert über diese hässliche Frau, Rembrandts nackte Saskia. Diese Abstraktion, etwas zu sehen und auf einem Papier darzustellen, ist doch unglaublich. Viele Naturvölker glauben immer noch, dass das Zauberei ist. Und wenn man selbst damit anfängt, denkt man wirklich, man ist ein Zauberer.

Herr Baselitz, wieso haben Sie Ihren Namen eigentlich von Georg Kern in Georg Baselitz geändert?

Ich war neu in West-Berlin, aber meine ganze Familie war im Osten geblieben. Man durfte nicht abhauen, aber ich war abgehauen, und meine Eltern waren Lehrer. Es war ohnehin nicht einfach für sie, sich zu verabschieden von ihrem Jungen. Dann stand die erste Ausstellung an, und ich dachte, wenn ich sie unter meinem Familiennamen mache, wird das schwierig für meine Eltern. Also habe ich mich nach dem Nest, aus dem ich komme, genannt.

Aber heißt das Dorf nicht Deutschbaselitz?

Deutsch war ich ohnehin.

Die erste Zeit im Westen…

…war schwierig. Für mich war das wie eine Emigration. Es war eine fremde Welt.

Dafür haben Sie recht schnell Ihre Frau Elke Kretzschmar kennen gelernt.

Meine Frau kam ein Jahr später aus dem Osten an die Akademie, und wir haben uns zusammengetan, das war wie vorgegeben. Ich hatte gehört, da kommt eine junge Frau aus Dresden. Ich hatte von ihr gehört, sie aber nie gesehen. Wir waren unter den gleichen Bedingungen in Berlin, das war ein gutes Pflaster für uns.

Wie haben Sie das Berlin der 60er Jahre erlebt?

Ich konnte die antiamerikanischen Demonstrationen überhaupt nicht verstehen. Ich habe nur den Kopf geschüttelt. Für mich war Dutschke ein faschistisches Gespenst, er ist es bis heute geblieben. Die Feinde saßen auf der anderen Seite der Mauer. Die dummen Studenten kamen mir vor, als hätten sie Drogen genommen.

Aus Sicht der Studenten waren Sie ein Konservativer.

Ich habe einfach nicht mitgemacht. Aber natürlich fühlte ich mich gespalten. Oder haben Sie jemals einen konservativen Künstler kennen gelernt? Künstler sind alle links.

Ihr Leben war früh eher bürgerlich geprägt: Sie haben geheiratet und ziemlich schnell zwei Kinder bekommen.

Ja. Mein Sohn ging sogar noch mit Hut und Krawatte in die Schule. Ich selbst habe auch nie Jeans getragen. Die meisten Fotos von früher zeigen mich mit weißem Hemd und Krawatte.

Das war Ihre Rebellion gegen die 68er?

Das war mein Widerstand. Gottfried Benn war da mein großes Vorbild. Er hat ja auch immer am bürgerlichen Fundament festgehalten. Ich habe mit den Insignien des Bürgerlichen gespielt. Ich fuhr zum Beispiel einen schwarzen Mercedes, aber den hatte ich gebraucht gekauft für gerade mal 200 Mark.

Wie haben die anderen Künstler auf Sie reagiert?

Die meinten, jetzt ist es vorbei mit ihm. Es gab eine Zeit in Berlin, Ende der 50er, da war ich sehr dünn, weil ich wenig zu essen hatte. Ich trug auch lange Haare. Da sind die Leute noch hinter mir her und haben mit dem Finger auf mich gezeigt, weil ich so elend aussah. Mich attackierten die Rentner! Ich habe lange dagegen Widerstand geleistet, bis ich irgendwann gesagt habe, jetzt ist Schluss. Da habe ich mir die Haare abgeschoren, habe mich kahl gemacht und einen Hut aufgesetzt. Ich war eine andere Nummer geworden.

Nach der Wende sind Sie in den Ort Ihrer Kindheit gefahren. Können Sie sich an Ihren ersten Eindruck erinnern?

Das war im Mai, es herrschte dichtes Schneetreiben. Alles wirkte anders, viel kleiner, war irgendwie geschrumpft. Das Pathos war weg, Träume zerplatzten. Ich war mit meiner Familie dort und wollte ihnen alles zeigen, aber wir sind nicht einmal ausgestiegen.

Sie haben sich mit den Stasi-Unterlagen über Sie befasst.

Es war nicht einmal furchtbar, sondern grotesk. Ich dachte, die werden Akten geführt haben über die Zeit, als ich in den Westen ging. Aber es betraf nur die Zeit im Osten, bis zu meinem 18. Lebensjahr. Da gab es den Verdacht der Westspionage.

Wie kam die Stasi darauf?

Als ich mit einem Fernglas aus dem Dachfenster unseres Miethauses geguckt habe, weil ich auf den Flugplatz für Schulflugzeuge sehen konnte. Das hat jemand gesehen. So fing das an! Die Akte ist die Sammlung der Aussagen meiner Umgebung. Ein Mitschüler, der gegenüber wohnte, hat denen Informationen geliefert. Ich war ja auch an der Volkshochschule, hatte einen Zeichenkurs belegt – der Lehrer dort war ein Ziel der Spionage. Also haben sie uns Aktmodelle reingesetzt, junge Mädchen, die IMs waren.

Was hat die Lektüre in Ihnen ausgelöst?

Das Ganze passierte vor zehn Jahren, ich war 55 Jahre alt und hatte ohnehin das Bedürfnis, einiges richtig zu stellen. Ich fing an, meine Geschwister und Eltern zu malen. Ich weiß nicht, ob die sich so gut porträtiert finden. Ich habe die alten Fotoalben geplündert und meine Verwandten gemalt, als sie jung waren. Das Bild meiner Mutter zitiert ein Foto, da war sie gerade 18. Ich bin mit dem Programm noch nicht ganz durch.

Sie haben oft Ihre Frau porträtiert. Ihre eigene Familie…

…ist ein wichtiges Fundament. Aber das ist doch für jeden so. Unsere dauerhafte Ehe ist ein großes Glück. Ich denke, man kann das schaffen, wenn man sich liebt, sich diszipliniert, sich achtet. Aber auch, wenn man dominierend etwas durchsetzt.

Wie meinen Sie das?

Was wollen Sie denn jetzt von mir wissen?

Wie eine Frau mit Ihnen leben kann.

Alles, was ich mache, was ich bin, was ich denke, ist Arbeit. Meine Arbeit und sonst nichts. Ich bin ein vollständiger Egoist meine Sache betreffend.

Wie kann man mit so jemandem verheiratet sein?

Ich denke, wenn man so extrem ist, wie ich, geht es gut. Es erfordert allerdings, wie man ahnen kann, ein großes Herz und viel Geduld von meiner Frau.

Ihre Frau, Ihre Familie hat sich darüber nie beklagt?

Natürlich. Indem man zu mir sagt: Immer nur du!

Und dann antworten Sie?

Ich. Immer nur ich.

Kann man mit Ihnen gar nicht streiten?

Nein, das kann man nicht. Ich bin Außenseiter, ich bin keine Partei. Ich empfinde mich mehr als Institution, wenn man das so sagen kann.

Sie haben zwei Söhne, und irgendwann haben alle Kinder Konflikte mit ihren Eltern.

Wenn die Pubertät kommt, wird von einem als Vater etwas verlangt, was man nicht liefern kann oder will. Erziehungsfähigkeit lernt man nicht.

Sie sagen, Sie sind ein Egoist. Aber wie reagieren Sie auf Ihr eigenes Kind, wenn es zu Ihnen kommt und…

Sie kennen das doch von Thomas Mann. Sie machen die Tür zu und sind einen ganzen Tag nicht da. So geht das.

Halten Sie sich für einen guten Vater?

Vielleicht bin ich ein fleißiger Vater.

Apropos Fleiß: Wird viel weggeschmissen?

Ja, ich schmeiße sehr viel weg. Heute viel mehr als früher. Früher habe ich länger an einem Bild gearbeitet, jetzt schmeiße ich es schneller weg und fange was Neues an. Nicht nur bei Aquarellen ist das so, auch bei Leinwänden, selbst bei Skulpturen, auch wenn ich monatelang daran gearbeitet habe.

Ist Ihnen das Alter lästig?

Ich finde es wunderbar. Man kann sentimental werden, und Sentimentalität ist etwas Wunderbares. Horowitz hat kurz vor seinem Tod eine Etüde von Chopin gespielt, acht Stunden etwa, und hat das für den Rundfunk aufnehmen lassen. Fantastisch. Es gibt ein bestimmtes Rot, Magenta, das durfte man als Maler nie benutzen, weil es als kitschig gilt. Ich habe es in den letzten Jahren kiloweise benutzt. Aber es gibt andere Sachen, die schwieriger werden, etwa Skulpturen zu machen, das ist ja eine physische Arbeit. Man könnte das umgehen, in dem man kleinere Modelle benutzt, aber ich will diese physische Arbeit, ich brauche sie.

Sind bei Ihnen im Alter andere Motive dazugekommen?

Heute zitiere ich mehr. Früher war mein Ehrgeiz, jedes Detail neu zu erfinden, viel größer.

Ihr Ehrgeiz lässt nach?

Nein, gar nicht. Der Neid nimmt ab, der Ehrgeiz bleibt. Manchmal denke ich, lass es auch mal gut sein, aber es geht nicht. Man sagt mir: Du hast es doch nicht mehr nötig. Da kann ich nur sagen: Ich habe es immer nötig.

Der Künstler und die Drogen: Auch wieder seit dem Fall Ihres Düsseldorfer Kollegen Immendorff wurde darüber diskutiert. Sind Künstler anfälliger?

Diese Gefahren gibt es. Nicht jeder kann damit umgehen. Ich denke, dass mich meine protestantische Erziehung oder meine DDR-Herkunft davor beschützt haben. Alkohol und Faulheit sind sicher große Gefahren.

Warum haben Sie sich nie gehen gelassen?

Bilder muss man hellwach machen, das ist Kopfarbeit. Meine besten Bilder sind reine Kopfbilder.

Sie sind nie unkontrolliert?

Stimmt. Ich habe die Sache immer in der Hand.

Dabei heißt es oft, Künstler arbeiteten intuitiv.

Ich kaum. Das Einzige, was sich bei mir verändert hat, ist die Regelmäßigkeit, mit der ich arbeite. Ich arbeite nur noch, wenn der Druck in mir stark geworden ist. Für die Skulptur, die ich gerade gemacht habe…

…ein drei Meter hoher Junge im Matrosenanzug, der einen Totenschädel hält…

…habe ich Druck angesammelt von zwei Jahren und es um drei Monate hinausgeschoben, und dann die Arbeit innerhalb eines Monats gemacht.

Herr Baselitz, gibt es etwas, was Sie heute können und früher nicht?

Ja. Bezahlen.

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