Zeitung Heute : Ich kauf beim Star

Sie stehen vor der Kamera und dahinter, aber das ist ihnen nicht genug: Prominente Lieferanten und ihre Produkte.

Constanze von Bullion

Es sind die Kartoffeln, sagt Gérard Depardieu, die ihn am meisten an zu Hause erinnern. An dieses winzige Häuschen irgendwo in der französischen Provinz, in dem er mit fünf Geschwistern und seinen Eltern hauste, und in dem so viel getrunken und so wenig miteinander geredet wurde. „Meine Eltern kannten uns eigentlich gar nicht näher“, hat Depardieu einmal gesagt und von einer einsamen und bitter armen Kindheit erzählt, die ihm immerhin eines hinterlassen hat: die Liebe zur Kartoffel, die sein Vater Dédé immer wieder und mit viel Fantasie zu einer endlosen Serie von Resteessen verarbeitete.

Vielleicht muss man sich solche Geschichten auf der Zunge zergehen lassen wie die Eintöpfe aus Depardieus neuem Kochbuch, und vielleicht kann man dann verstehen, woher der ungebremste Lebenshunger stammt, der den 56-Jährigen nicht nur zum Großschauspieler der französischen Nation hat werden lassen, sondern auch zum unersättlichen Liebhaber und Koch, der junges Gemüse so leidenschaftlich befingert wie die Leiber schöner Frauen. „Kochen ist ein ausgesprochen sinnliches Vergnügen“, schreibt Depardieu, und wenn er in diesen Tagen mit Catherine Deneuve auf der Berlinale seinen neuen Film präsentiert, „Les temps qui changent“ von André Téchiné, sind die Organisatoren des Festivals gut beraten, angemessen für das leibliche Wohl des Lebemanns zu sorgen.

Kaum etwas nämlich soll den Star aus Frankreich so vergraulen wie lieblos zusammengerührtes Essen oder mittelmäßiger Wein. Gérard Depardieu hat sich im Laufe seines Lebens ungefähr 300 Kilo runtergehungert und wieder angefuttert, und er hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er weder willens noch in der Lage ist, etwas an diesem Zustand permanenten Exzesses zu ändern. Schlechtes Essen macht krank, erklärt er vergnügt und singt das Hohelied auf die einfache Küche, auf glückliche Tiere von stolzen Bauern und die „Seele“ des guten Weins, die er gern mal mit Freunden erforscht.

Dass Depardieu sich als Berufsbezeichnung nicht nur „Schauspieler“, sondern auch „Winzer“ in den Pass hat schreiben lassen, ist keine Koketterie. Er gehört zur wachsenden Schar von Film- und Popstars, die ihre Laufbahn mit dem Betrieb von Restaurants, Feinkostlabels und vor allem Weingütern adeln. Paul Newman zum Beispiel, 80 Jahre alt, vertreibt schon seit geraumer Zeit Salatsoßen unter dem Namen „Newman’s Own“ und spendet den Erlös schwer kranken Kinder in China oder Südafrika. „Wir haben das nur so aus Spaß angefangen“, sagt er, „aber inzwischen ist es ein ziemlich praktischer Spaß geworden und wir haben 150 Millionen Dollar auf den Weg gebracht.“

Andere sind da weniger selbstlos. Die Hollywoodstars Catherine Zeta-Jones und Michael Douglas haben sich ein Gut auf Mallorca zugelegt, aber die dazugehörigen Weinstöcke wollen sie nur so ein bisschen anschauen. Pop-Ikone Madonna sieht die Sache eher ökonomisch und hat 750 000 Dollar in „Ciccone Winery“ gesteckt, das Weingut ihres Vaters am Lake Michigan. Selbst ein ehrgeiziger Winzer ist der Schauspieler Sam Neill geworden, der den mutigen Versuch anstellt, Pinot-noir-Trauben in Neuseeland zu züchten. Es ist ihm gelungen, sagen Experten. Aber wer eine Flasche von seinem 70-Euro-Stoff trinken möchte, muss dafür nach London fahren.

Der französische Schauspieler Christopher Lambert macht es seinen deutschen Fans da etwas leichter. Seinen Domaine de la Grand Ribe, einen schweren Roten aus Südfrankreich, kann man auch in Berliner Restaurants trinken. Schmalzsänger Cliff Richards beglückt die Kunden britischer Supermärkte mit „Vida Nova“, einem Wein von umstrittener Qualität, den er an der Algarve anbaut. Auch Bob Dylan widmet sich jetzt den geistigen Getränken und lässt seine Liedtexte auf italienische Montepulcianoflaschen drucken. Ex-Police-Sänger Sting schließlich hat 40 Hektar Toskana gekauft, und wenn es stimmt, was man so hört, dann säuft er selbst, was er da keltert. So ein Weingut ist eben ein wunderbarer Ort, um alten Lastern ein ganz neues Zuhause zu geben. Auch Gérard Depardieu soll ja zu denen gehören, die ihre Nase gern mal etwas tiefer ins Glas stecken. Sein Sohn Guillaume jedenfalls, der auch mal ein guter Schauspieler werden möchte und arg unter seinem hünenhaften Vater leidet, sagt neuerdings ziemlich garstige Dinge über den Alten. Der sei ein hoffnungsloser Alkoholiker, der nicht wahrhaben wolle, dass er ohne professionelle Hilfe nicht loskomme vom Suff. Dabei leugnet der Senior gar nicht, dass er ohne Psychologen längst nicht mehr leben würde. Im Übrigen aber therapiert er sich selbst.

Ein Schloss nebst Ländereien an der Loire, Weingüter bei Bordeaux und in Marokko, das sind Attribute eines fürstlichen Lebens, das Gérard Depardieu lange nur durchs Schlüsselloch beobachten konnte. Als Kind ist er manchmal nachts weggerannt und hat fremden Leuten in die festlich erleuchteten Wohnzimmer geguckt, erzählt er gern. Später ist er dann ganz abgehauen aus seinem trostlosen Elternhaus, kroch bei Huren unter und hat in Jugendgangs Vergewaltigungen erlebt. Und wer ihn jetzt so sieht, wie er Körbe durch Weinberge schleppt und schippt und ackert, der könnte meinen, hier geißle einer seinen mächtigen Leib.

Depardieu interpretiert das alles etwas anders und vor allem natürlich wahnsinnig sinnlich. Er packe eben gern mit bloßen Händen zu, esse am liebsten mit den Fingern und stapfe barfuß durch den Matsch. „Eigentlich lebe ich wie ein Bauer“, sagt er. Nur eben mit einem bisschen mehr Geld.

Leinwandmillionäre in Gummistiefeln, das ist ein populäres Berufsbild, wenn auch kein ganz neues. Der erste Hollywoodstar, der sich zum Weinbauern erklärte, war der Regisseur Francis Ford Coppola, der sich mit seiner Frau Eleanor 1975 zwei Weinberge im Napa Valley zulegte. Napa, das ist eine alte Bergbaustadt in Kalifornien, in deren Umgebung sich Dutzende von Filmstars und Produzenten in exklusiven Landsitzen, gern auch mit Weinberg, niedergelassen haben. Coppola baute eine alte Pelzfarm zur Residenz um, und nach Jahren eher dilettantischer Panscherei hat er sich jetzt mit etwa 20 verschiedenen Weinen Respekt unter den Kritikern verschafft.

Weshalb so ein Tropfen echtes Hollywood durchaus auch mal etwas teurer werden kann. Für eine Flasche der Coppola-Marke „Rubicon“, Jahrgang 1997, muss der Weinfreund etwa 130 Euro hinlegen, Porto nicht eingeschlossen. Wem das zu teuer ist, der kann sich für rund 15 Euro an „2003 Sofia Rose“ berauschen, einem Wein, der nach der Nachwuchsregisseurin Sofia Coppola benannt ist. Noch günstiger kommen dann nur noch diese winzigen rosa Aludosen mit Sekt, auf denen „Sofia Mini Blanc de Blancs“ steht. Vier Döschen gibt es für 15 Euro, zu beziehen übers Internet. Oder in den hipperen Bars von New York.

Bleibt zu vermelden, dass sich natürlich auch unsere deutschen Stars alle Mühe geben, in Küche und Keller ihre Talente zu zeigen. Die Schauspielerin Esther Schweins presst Gemüsesäfte in Berlin, Iris Berben bewirtschaftet sieben Lokale in München, Konditor Heino lässt in seinem Heimatort Bad Münstereifel „Heino- Haselnusstorte“ servieren. Und Bayern-Manager Uli Hoeneß ist nicht nur Deutschlands wichtigster Hersteller von Nürnberger Rostbratwürstchen, sondern auch „Botschafter der deutschen Wurst“.

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