Zeitung Heute : Ich kauf mir einen Flummi

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Als ich noch kein Kind hatte und dafür jede Menge (bezahlte) Arbeit, litt ich unter unregelmäßig wiederkehrenden Existenzkrisen. Wenn ich nach Redaktionsschluss nicht mit Kollegen ausging, kam ich in meine Kinderlose-Frauen-WG, in der niemand auf mich wartete, weil meine Mitbewohnerin ausgegangen oder noch bei der Arbeit war. Ich setzte mich erschöpft mit einer Portion Spaghetti vor den Fernseher oder ans Telefon, oder ich las die druckfrische Zeitung, manchmal auch alles gleichzeitig. Wenn es spät war, keiner mehr mit mir reden wollte (vielleicht hatte ich im Hintergrund zu laut mit der Zeitung geraschelt), und im Fernsehen „Big Brother“ lief, fragte ich mich, was das für ein Leben war und wer die Person, die es führte. Gegen diese Art von Krise gab es nur ein Mittel: Das Geld ausgeben, das ich den langen, langen Tag über verdiente.

Meine Freundin S. kaufte in solchen Lebenslagen immer feines Briefpapier, Federhalter und Tintenfässchen. Einen Brief hat sie mir nie geschrieben; sie hatte zu viel Arbeit. Ich selbst kaufte vor allem Klamotten, und zwar wahllos (ich musste die Gelegenheit nutzen, wenn ich es vor Geschäftsschluss in irgendeinen Laden geschafft hatte). Ich gab Geld aus für Hosen, die mir zu lang waren, und die ich nie trug, weil ich es nie in die Änderungsschneiderei schaffte; ich kaufte Oberteile, die in den Untiefen meines Kleiderschranks landeten und die ich erst jetzt, beim Umzugskistenpacken, wiedergefunden habe. Mit schlechtem Gewissen und leerem Portemonnaie, ging ich am nächsten Tag wieder Geld verdienen, für die nächste Existenzkrise.

Es ist übrigens eine Lüge, dass nur Frauen sich dem Kompensations-Kaufrausch hingeben; Männer machen es nicht anders, nur kaufen sie andere Dinge: Autos, Häuser, Boote. Der Unterschied hat vielleicht gar nicht so viel mit den Hormonen zu tun. Würden Frauen genauso viel verdienen wie Männer, vielleicht würden auch sie Autos, Häuser und Boote kaufen. Bei uns reicht es leider in der Regel nur für schlecht sitzende Hosen und Briefpapier.

Jetzt denken ja viele, ein Kind bringt Sinn ins Leben, Schluss mit den Existenzkrisen! Auch das ist eine Lüge. Nach einem Tag mit Kind und jeder Menge (bezahlter und unbezahlter) Arbeit sitze ich erschöpft mit einem Teller Spaghetti vor dem Fernseher, und es läuft „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“. Manchmal denke ich mir: Damals, bei „Big Brother“, war die Welt noch in Ordnung.

Ein Glück, dass ich ungeahnte neue Kompensationsmöglichkeiten entdeckt habe: Um den Glücksfaktor zu steigern, braucht eine Mutter bloß eine neue Baby-Mütze zu kaufen, einen Plüschhasen oder eine neue Breisorte. Kürzlich rief mich J. an und erzählte mit verzückter Stimme, als hätte sie gerade einen Dolce & Gabbana-Laden leergekauft, dass sie in unserem Lieblings-Spielzeugladen shoppen war und einen Flummi mit einer schwimmenden Ente drin erstanden hat.

Leider sind Spielzeughersteller genauso skrupellos wie Dolce & Gabbana. Die Kompensation des Mütter-Frusts ist mindestens so teuer wie die des Single-Großstadt-Frusts. Das Schöne jedoch ist: Die neue Art der Kompensation ist völlig nebenwirkungsfrei. Man braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, man tut’s ja nicht für sich. Das Problem: Wer ein Kind und einen Job hat, muss doppelt so viele Feierabend-Sinnkrisen kompensieren. Das kann erstens keiner bezahlen, jedenfalls keine Familie mit Kind. Und zweitens: Weder Dolce & Gabbana noch der Spielzeugladen haben um Mitternacht geöffnet.

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