Zeitung Heute : Ich kaufe meinem Vater ein Flugzeug

Jens Mühling will ein besserer Mensch werden

Die Lage ist ausweglos. Ich stehe vor einer dieser Weggabelungen, deren Abzweigungen alle in die falsche Richtung führen: „Pest 0,5 km“ steht auf dem Wegweiser nach links, „Cholera 0,6 km“ auf dem rechten, dazwischen das Ausflugslokal „Zur Schweinegrippe“.

Es war ein Anruf meines Vaters, der mich an diese Gabelung des Grauens führte. „Ich brauche deine Hilfe“, sagte Papa. „Ich suche etwas für meine Vitrinen.“

Wenn mein Vater von „den Vitrinen“ spricht, meint er seine Modellflugzeuge. Er bewahrt sie in gläsernen Schaukästen auf, deren Anblick mir seit frühester Kindheit vertraut ist. Als ich noch sehr klein war, wurde meine Mutter einmal diskret von einer Kindergärtnerin beiseite genommen: Ob ihr bewusst sei, dass ihr Sohn in den Malstunden am liebsten Hakenkreuze zeichne? Meiner Mutter war das sehr peinlich – dabei hatte ich bloß Papas Flugzeuge gemalt. Mein Vater fand das auch nicht weiter schlimm. Als Mama ihm meine Kinderzeichnungen zeigte, wies er mich nur darauf hin, dass Flugzeuge keine Schornsteine haben.

Für die Vitrinen, sagte Papa nun am Telefon, sei er auf der Suche nach einem bestimmten Flugzeug, hergestellt von einer tschechischen Firma, die leider keinen internationalen Vertrieb habe. „Du bist doch gelegentlich in Osteuropa unterwegs“, sagte er. „Kannst du mir das Ding nicht besorgen?“

Ich versprach es: Papas Geburtstag näherte sich, und ich war froh, mir die Suche nach einem Geschenk zu ersparen. Am selben Tag kontaktierte ich Bara, eine tschechische Freundin. Sie antwortete: „Kann ich machen, mein deutscher Freund. Übrigens feiern wir in Prag heute den Tag der Freiheit – den einzigen tschechischen Feiertag, der mir etwas bedeutet.“ Ich bedankte mich überschwänglich und wünschte dem tschechischen Volk ein langes Leben in Freiheit.

Erst später beschlich mich ein ungutes Gefühl. Hatte Bara mir etwas sagen wollen? Ich googelte „Tag der Freiheit“ – und stellte fest, dass die Tschechen an diesem Tag ihren Widerstand gegen die deutsche Besatzung feiern. Gleichzeitig fiel mir nun auch wieder ein, dass Bara als Journalistin auf den Zweiten Weltkrieg spezialisiert ist, und plötzlich fühlte ich mich wieder wie der kleine Junge, der seine Hakenkreuzgemälde stolz der Kindergärtnerin zeigt: Ich teutonischer Trottel hatte meine tschechische Freundin genötigt, in Prag ein Flugzeug mit dem unverdächtigen Namen „Messerschmitt Bf-110 G4 Nachtjäger“ zu suchen. Ich sah Bara förmlich vor mir, wie sie gedemütigt durch Modellbauläden schlich und unter den missbilligenden Blicken tschechischer Veteranen nach Nazi-Flugzeugen fragte. Ich musste ihr das ersparen.

Andererseits: Wie sollte ich das meinem Vater erklären? Kein Modellbau nach Auschwitz? Am Ende würde er glauben, dass meine Freunde ihn für einen Nazi halten. Die Lage war ausweglos.

In der Nacht hatte ich schwere Träume. Ich saß an Bord eines Nachtjägers und bombardierte Prag mit großkalibrigen Geburtstagspäckchen. Auf dem Rücksitz sang Bara tschechische Widerstandslieder, als sich über Funk die aufgebrachte Stimme meines Vaters meldete: „Das stimmt doch gar nicht!“, rief er. „Die Bf-110 ist kein Bomber, und über Prag gab es nie einen Luftkrieg. Was lernt ihr eigentlich in der Schule?“ Beschämt brach ich den Angriff ab.

Es ging dann doch alles gut aus. Bara schrieb mir ein paar Tage später, sie habe das Flugzeug gefunden, und aus ihrer Mail war keinerlei Vorwurf herauszulesen. Mein Vater freute sich sehr über das Geburtstagsgeschenk. Ich aber fasste im Stillen den Vorsatz, dass ich meine Kinder mit meinen Hobbys verschonen würde.

Hier schreiben abwechselnd: Christine Lemke-Matwey, Jens Mühling, Moritz Rinke und Elena Senft.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben