Zeitung Heute : "Ich mache Kino für die nächsten 40 Jahre"

DIETER OßWALD

Interview mit Quentin Tarantino über Gewalt, Moral und seinen neuen Film "Jackie Brown", der heute im Wettbewerb zu sehen istVON DIETER OßWALDEr ist der einflußreichste Regisseur der 90er Jahre.Mit "Reservoir Dogs" hat Quentin Tarantino in Cannes einst auf sich aufmerksam gemacht.Mit "Pulp Fiction" dort die "Goldene Palme" geholt - und danach weltweit für Furore gesorgt.Wegen seiner drastischen Gewaltdarstellung ist der einstige Videotheken-Kassierer freilich nicht unumstritten.In seinem neuen Krimi "Jackie Brown" gibt sich Tarantino moderater.Die clever konstruierte Geschichte handelt von einer Stewardeß (Pam Grier), die für das FBI einen Waffenhändler überführen soll.Mit Tarantino sprach Dieter Oßwald in London. TAGESSPIEGEL: Sind Sie genervt von dem Wirbel, der um Sie gemacht wird? Daß Sie Kult sind, eine Ikone? TARANTINO: Nein, das hat überhaupt keinen Einfluß auf mein Leben.Ich mache meine Arbeit, nur das ist wichtig.Auch wenn es angeberisch klingen mag, meine ganze Karriere basiert auf Mut.Ich mache nicht Filme für den Augenblick.Ich mache Kino für die nächsten 40 Jahre. TAGESSPIEGEL: Wie steht es um den Erwartungsdruck? Originalität und "tarantino-esker Stil"? TARANTINO: Ich bin wohl der einzige, der nicht weiß, was "tarantino-esk" bedeuten soll.Ich schreibe ganz normal meine Sachen - natürlich ist das dann alles "tarantino-esk", aber eben nur, weil es von mir stammt.Jede weitere Bedeutung des Worte wäre mir unklar.Es ist allerdings wundervoll, daß ich Fans habe, die sich auf neue Filme von mir freuen.So wie auch ich mich immer auf den nächsten Scorsese-Film freue.Oder das neue Werk von Brian de Palma.Oder den neuen Roman von Stephen King.Es ist schön, wenn das Publikum die Arbeit eines Künstlers mitverfolgt.Während "Reservoir Dogs" vor allem jüngere Leute ansprach, wird "Jackie Brown" auch ältere erreichen.Das ist cool. TAGESSPIEGEL: Ihre Filme sind voller Blut und Gewalt.Was halten Sie von Moral? TARANTINO: In der Kunst gibt es keine moralische Verpflichtung.Die einzige Verpflichtung der Kunst ist es, wahrhaftig zu sein.Ein Künstler muß sich selber gegenüber ehrlich sein.Egal ob Bildhauer, Maler, Autor oder Musiker. TAGESSPIEGEL: Gibt es überhaupt keine Limits? Dann können Sie letztlich alles machen, egal was das Publikum später aus Ihren Filmen mitnimmt? TARANTINO: Na gut, nehmen wir den extremsten denkbaren Fall: Ein Autor kann darüber schreiben, daß eine Zehnjährige mit ihrem Vater Geschlechtsverkehr hat.Ein Autor kann das schreiben, ein Filmemacher kann das jedoch nicht zeigen.Schon deshalb, weil es sich nicht inszenieren läßt.Allerdings kann ein Filmemacher durchaus diese Situation andeuten.Ich habe kein Bedürfnis, so etwas zu zeigen.Aber gegebenenfalls könnte ich als Regisseur diese Information vermitteln. TAGESSPIEGEL: Empfinden Sie die Verantwortlichkeit bei der Darstellung von Gewalt? Auch diesmal spritzt nach dem Schuß von Robert de Niro wieder reichlich Blut auf die Windschutzscheibe - aber vom Schmerz ist wenig zu spüren. TARANTINO: Ich glaube, meine Filme zeigen den Schmerz sehr genau.Ich zeige die Folgen der Gewalt mindestens ebenso deutlich wie jeder andere Filmemacher. TAGESSPIEGEL: Von Spike Lee kam der Vorwurf, daß Sie das Wort "Nigger" in "Jackie Brown" zu häufig verwenden.Stört Sie diese Kritik? TARANTINO: Mich hat gestört, daß er mit dieser Kritik nicht zu mir persönlich kam, sondern gleich eine öffentliche Sache daraus gemacht hat.Ich habe gesagt, was ich von seinen Vorwürfen halte.Damit ist das für mich erledigt.Ich möchte diese öffentliche Debatte nicht weiter anheizen, für mich ist das eine private Angelegenheit zwischen uns. TAGESSPIEGEL: Woher stammt Ihre Obsession für Krimis? TARANTINO: Der Weg in die Kriminalität ist für jeden Menschen denkbar.Die meisten gehen nicht in diese Richtung.Aber einige tun es eben doch.Diese Leute leben ein paralleles Leben zu uns.Sie leben in derselben Gesellschaft, in derselben Stadt, aber sie leben anders als wir.Das finde ich sehr faszinierend.Ich hätte auch in diese kriminelle Richtung gehen können.Wäre ich kein Künstler geworden, wäre ich wahrscheinlich kriminell geworden.Ich hätte mir nicht vorstellen können, sehr viel zu arbeiten, um nichts davon zu haben.Ich wollte nie eine Lebe-um-zu-arbeiten-Existenz.Ich will mehr vom Leben.Warum werden Menschen kriminell? Weil sie kein Ziel in ihrem Leben haben. TAGESSPIEGEL: "Jackie Brown" hat viel 70er Jahre-Musik - warum? TARANTINO: Die Figuren sind alle etwas älter.In den siebziger Jahren hatten diese Leute noch ihre Ziele.Alles lag vor ihnen und war erreichbar.Nun, in den Neunzigern, müssen sie erkennen, daß kein einziger von ihnen mit seinem Leben zufrieden ist.Jeder möchte etwas anderes tun als das, was er macht.Dieses Gefühl spiegelt der Film wider.Hinzu kommt: In den Filmen der 70er Jahre wurde mehr Gewicht auf die Figuren gelegt als im heutigen Kino.Damals waren die Geschichten viel wichtiger, da wußte man noch nicht nach zehn Minuten schon alles.Auch unser Film hat Geduld mit seinen Figuren und Geduld mit seiner Geschichte. TAGESSPIEGEL: Wieviel Geduld verlangen Sie vom Zuschauer? TARANTINO: Man lernt die Figuren kennen, als ob man mit ihnen gemeinsam Zeit verbringen würde.Sie werden nicht plakativ vorgestellt wie sonst üblich.Wenn wir nach diesem Interview noch ein Bier trinken gehen würden, würde sich das ähnlich entwickeln.Ich weiß nicht, was Sie vor zehn Jahren gemacht haben.Aber wenn wir einige Zeit verbrächten, bekäme ich davon einen Eindruck.Genauso soll man die Figuren im Film kennenlernen. TAGESSPIEGEL: Wie diszipliniert arbeiten Sie? Stehen Sie um acht Uhr auf wie Woody Allen und schreiben dann? Oder ist das eher alles Chaos? TARANTINO: Ich bin nicht chaotisch.Allen muß so arbeiten, weil er jedes Jahr einen Film macht.Zum Prozeß des Schreibens gehört das Nachdenken über das Schreiben.Also gibt es Zeiten, wo ich über das Schreiben nachdenke.Ich stehe nicht um neun Uhr auf und fange mit dem Schreiben an - das wäre ja wie ein richtiger Job.

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