Zeitung Heute : "Ich möchte nur von meinen Kunden abhängig sein"

CORINNA VISSER

BERLIN . Die Büroräume von Jörg Frühbrodt und seiner Partnerin Christine Falk in einem Hinterhof in Halensee sind klein und bescheiden.Die Räume spielten aber keine große Rolle, sagt Frühbrodt."Wir arbeiten in der Regel vorort, direkt beim Kunden." Immerhin hat ja auch Bill Gates in einer Garage angefangen.Aber wie der Chef des Software-Giganten Microsoft möchte Frühbrodt nicht werden: "Nicht, daß ich keinen Ehrgeiz hätte", sagt er, "aber eine Unternehmen sollte auch eine soziale Verantwortung haben und das läßt Microsoft vermissen." Frühbrodt und Falk haben ihre Firma Linuxhaus im vergangenen September gegründet."Wir beraten Unternehmen beim Einsatz von Linux und allem was dazu gehört, von der Internetanbindung bis zum Installieren von Intranets." Linux ist ein Betriebssystem, das im Internet entwickelt wurde und dort auch laufend von Programmierern auf der ganzen Welt weiterentwickelt wird."Linux ist durch einen kooperativen Entwicklungsstil entstanden und jeder der es nutzt muß auch selbst einen Beitrag leisten und etwas zurückgeben", sagt Falk.Neue Ideen oder Anwendungsprogramme zum Beispiel.Das widerspreche dem, was bei den meisten Unternehmen Firmenphilosophie sei, sagt Frühbrodt, "dort glaubt man nämlich, daß große Projekte nur durch strenge Organisation und Planung verwirklicht werden können.Das Gegenteil ist der Fall."

Insider schätzten bei Linux die hohe Stabilität und Zuverlässigkeit des Betriebssystems, seine Geschwindigkeit und Funktionstüchtigkeit, sagt Frühbrodt.Jeder kann sich Linux aus dem Internet kostenlos herunterladen und auf seinem Computer installieren.Und: "Es läßt sich genauso leicht bedienen, wie Windows oder Apple", sagt Falk.Da man für die Nutzung des Programms nichts zahlen muß, lebt Linuxhaus von der Beratung, der technischen Unterstützung und dem Verkauf der Hardware.Linuxhaus berät Firmen auch beim Gang ins Internet.

Frühbrodt ist vom Erfolg der Anzeigen, die er in Fachzeitschriften geschaltet hat, überrascht: "Das Geschäft ist gut angelaufen", sagt er.Vor allem Werbe-, Marketing- und Eventagenturen zählt er bereits zu seinen Kunden."Und es sind größere Unternehmen als erwartet.Wir waren wirklich überrascht." Alles was reinkommt wird gleich wieder investiert, der Großteil geht im Moment in die Werbung."Man muß sich von den Gedanken frei machen, daß man von heute auf morgen zum Millionär wird", sagt Frühbrodt.

Daß er mal beim Finanzamt gearbeitet hat, verrät er nur ungern."Eine Jugendsünde", sagt der 40jährige.Nach dem Finanzamt war er sieben Jahre bei der britischen Armee beschäftigt, zunächst als Programmierer, dann als Systemmanager.Bevor die Briten Berlin verließen ging er zu Sun Microsystems, dann zu CompuNet.Bei den großen Unternehmen, dauere es sehr lange, bis sich etwas Neues durchsetzt."Das liegt mir nicht", sagt er."Dort fällt es einem schwer sich zu entfalten und man kommt mit den eigenen Ideen nicht durch." Seine Bekannten hatten nicht viel Verständnis dafür, daß er sich deswegen entschieden hat, seine eigene Firma aufzubauen."Viele haben gesagt, ich sei verrückt, einen sechsstelligen Verdienst aufzugeben und dieses Risiko einzugehen." Aber seine Geschicke selbst bestimmen zu können, das war ihm wichtig.

Seine Partnerin Christine Falk ist in der Firma für das Marketing und die Kundenkontakte zuständig.Die 26jährige ist gerade dabei, das Studium der Erziehungswissenschaften abzuschließen."Ich hatte nie den Vorsatz, unbedingt das machen zu müssen, was ich studiert habe", sagt sie."Und es ist nicht schwer, sich in Linux zurechtzufinden.Es ist logisch und macht Spaß."

Mittlerweile haben sie schon zwei Praktikanten zur Unterstützung eingestellt - Arbeit ist genug da.Große Investitionen waren bisher nicht nötig, das Unternehmen soll aus sich selbst heraus wachsen.So spart sich Frühbrodt den Gang zur Bank: "Bankkredite würden wieder eine Abhängigkeit bedeuten und das wollte ich unbedingt vermeiden.Die einzige Abhängigkeit, die ich akzeptiere, ist die von meinen Kunden." Und Linuxhaus lebt von der Nähe zu seinen Kunden."Wir wollen Kundenwünsche möglich machen, das können oder wollen die großen Unternehmen nicht."

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