Zeitung Heute : „Ich sage lieber Pro-Aging“

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Prof. Dr. med. Eberhard Nieschlag ist Internist und Hormonspezialist, er lehrt an der Uni Münster.

Warum sind Sie skeptisch gegenüber der „AntiAging-Medizin"?

Ich finde schon den Ausdruck unseriös. Er klingt so, als könne man etwas aufhalten oder gar verhindern, aber das können wir nicht. Der Mensch ist ein sterbliches Wesen. Ich halte es deshalb eher für unsere Aufgabe als Ärzte, Menschen auf gutes Altern vorzubereiten und ihnen zu helfen, ihr Alter zu akzeptieren, statt es zu verdrängen und nach ewiger Jugend zu streben. Aus diesem Grund setze ich bewusst den Ausdruck „Pro-Aging" dagegen: Er umfasst das, was medizinisch wirklich erreichbar ist: Beschwerden verhindern und Einfluss nehmen auf den immens wichtigen Lebensstil und die Lebensgewohnheiten.

Welchen Platz haben dabei die Hormontherapien?

Man darf sie auf keinen Fall undifferenziert einsetzen. In dieser Hinsicht lernen wir augenblicklich viel dazu: Auf zwei großen wissenschaftlichen Treffen, dem Weltkongress „The Aging Male" in Prag und dem Symposion der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie in Dresden, wurde immer wieder betont, dass Hormonspiegel im Blut allein wenig über die Wirkung aussagen. Und zwar unabhängig davon, ob diese Spiegel auf natürliche Weise oder durch Hormongaben zustande kommen. Wir wissen noch zu wenig über die individuelle Ausprägung der Andockstellen für die Hormone im Körper. Das fällt in das Gebiet, das wir heute Pharmakogenetik nennen, also die unterschiedliche genetische Ausstattung, die über die „Verarbeitung" von Stoffen im Organismus mitbestimmt.

Heißt das, dass wir in Zukunft mit Genchips testen können, welcher Mann oder welche Frau Hormone gegen Alterungsprozesse bekommen sollte?

Ja, das könnte es heißen. Wir sind allerdings noch ganz am Anfang dieser Entwicklung. In der Anti-Aging-Szene sind ein paar solcher Genchips im Angebot. Die Gene, die hier untersucht werden, sind für die Hormongabe aber wahrscheinlich gar nicht relevant. Solche Angebote können heute noch nicht ausgereift sein. Aber in ein paar Jahren werden Tests möglicherweise Auskunft darüber geben, wer wirklich etwas von einer Hormongabe hat, ob es sich nun um Geschlechtshormone oder Wachstumshormone handelt. Dann müssen Ärzte sich beim Rezeptschreiben nicht mehr auf Erfahrung oder das richtige „Gefühl" verlassen.

Was kann man denn heute schon tun, um möglichst langsam und möglichst gesund zu altern?

Zunächst natürlich auf Ernährung und Gewicht achten. Das Verhältnis von Muskel- und Fettmasse ist dabei besonders wichtig, daher die bedeutsame Rolle von Sport und Bewegung, gerade mit zunehmendem Alter. Dabei ziehen sich viele Menschen ab einem bestimmten Alter von solchen Aktivitäten gerade zurück. Bewegung und gute Ernährung ist auch für die Festigkeit der Knochen von großer Bedeutung. Außerdem sollten unbedingt normale Blutdruckwerte erreicht werden. Und beinahe hätte ich vergessen, auf eine der wichtigsten Maßnahmen zu sprechen zu kommen: nicht rauchen!

Spielt auch die zusätzliche Einnahme von Vitaminen eine Rolle?

Obst und Gemüse stellen uns die meisten von ihnen ganz nebenbei zur Verfügung. Aber Vitamin D, für dessen Herstellung der Körper das Sonnenlicht braucht und das für die Knochen wichtig ist, muss bei vielen älteren Menschen zusätzlich gegeben werden.

Und welche Fachgruppe der Ärzte ist für das „Pro-Aging" zuständig?

Eindeutig die Hausärzte, die ihre Patienten kennen und gut beraten müssen!

Die Fragen stellte Adelheid Müller-Lissner

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