Zeitung Heute : "Ich schaue lieber fern als im Netz zu surfen"

Deutschlands erster Internet-Autor Norman Ohler kann mit dem Etikett "Cyber-Punk" nicht viel anfangenMit William Gibsons Roman "Newromancer" wurde Anfang der 80er Jahre der Mythos Cyberspace geboren.Seitdem grassiert die Rede von den Cyborgs, Datencowboys und Cyberpunks, die im autonomen Raum der Netzwelten umherstreunen.Der 26jährige in Berlin lebende Norman Ohler wird als erster Cyberpunk-Autor deutscher Sprache gehandelt.Sein unlängst erschienener Roman "Die Quotenmaschine" spielt in New York, wo das Buch vor zwei Jahren entstand.Der Inhalt: Protagonist Ray, dessen klinisch tote Mutter bis zu seiner Geburt künstlich am Leben gehalten wurde, ermordet den skrupellosen Arzt und Organhändler Dr.Kippler, dem er sein "kontrolliertes" Leben verdankt.Als stummer Detektiv Maxx Rutenberg macht sich Ray im Internet auf die Suche nach dem Mörder und somit auf die Suche nach der eigenen Identität.Nikolaus Till Stemmer und Tanjev Schultz haben mit Norman Ohler gesprochen.

TAGESSPIEGEL : Herr Ohler, sind Sie eigentlich zufrieden mit dem Etikett des Cyberpunk-Autoren?

OHLER : Nein, für mich ist es ein falsches Etikett, mit meinem realen Leben hat das überhaupt nichts zu tun.Für "Die Quotenmaschine" trifft es nur zu einem kleinen Teil zu."Cyberpunk" ist ein altmodischer Begriff, ein Begriff der 80er Jahre...

TAGESSPIEGEL : Das Credo Ihres Romanhelden Maxx Rutenberg alias Ray lautet: "Ich lasse nichts ausdrucken.Ich will nicht, daß Gedanken sterben! Ich verschwinde im Netz und mit mir meine Gedanken." Wie kam es, daß der Roman, der aus dem Internet entstanden und dort jetzt auszugsweise zu finden ist, in Buchform erschienen ist?

OHLER : Weil ich schon immer den Wunsch hatte, Bücher zu schreiben.Mir war klar, daß das Buch etwas Altmodisches ist.Ich habe mich deshalb gefragt, wie man neues Leben in dieses altmodische Medium bringen kann.So kam ich aufs Internet.Das war das Feld, wo ich mich gedanklich ausleben konnte.

TAGESSPIEGEL : Das steht ja in krassem Widerspruch zu Rutenberg..OHLER: Sicherlich wäre Maxx Rutenberg nicht immer mit mir einverstanden.

TAGESSPIEGEL : Fehlt der gedruckten Fassung der "Quotenmaschine" nicht etwas Entscheidendes, weil das Mausklick-Blättern wegfällt? Das Faszinierende an der "Hyperfiction" ist ja doch der Gedanke der unerschöpflichen Varianten, die je nach angeklickten Qeurverweisen entstehen...

OHLER : Ja, das fehlt dem Buch schon.Dafür hat das Buch andere Qualitäten: Man kann sich auf die Druckseite besser konzentrieren, mehr aus ihr herausholen, auch wenn man auf ihr nicht herumklicken kann.Beides hat Vor- und Nachteile, es geht darum, diese Vor- und Nachteile auszuloten.

TAGESSPIEGEL : Kommt das nichtlineare Lesen im Hypertext der veränderten Wahrnehmung des Großstadtmenschen näher als das konventionelle Vor- und Zurückblättern im Buch?

OHLER : Ja, ich glaube schon.Als ich nach New York gezogen bin, habe ich die Veränderung an mir gespürt.Ich habe dort ganz anders gelebt: die Stadt ist ein Raster, man ist sprunghafter.Das bringt einerseits eine größere Freiheit, aber auch Orientierungslosigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten mit sich.

TAGESSPIEGEL : In Anspielung auf das bläuliche Schimmern der Computerbildschirme sagten Sie, daß es Zeit sei, die Sonnenkultur zu verabschieden und eine Mondkultur zu begrüßen.Entsteht da eine neue Romantik?

OHLER : Es geht nicht darum, zum Mondmenschen zu werden.Die westliche Kultur ist stark geprägt vom Sonnenkult, vom Gang nach Westen, der Suche nach Gold.So wurde Amerika entdeckt.Dort ging man an die Westküste, schließlich in den Weltraum Das ist eine einzige forwärtsbewegende Suche.Es ist eine krampfhafte Suche.Wir leben in einer überhitzten, zielgerichteten Gesellschaft, in der vieles auf der Strecke bleibt.Als Ausgleich, als kühlendes Moment, sehe ich die Mondeinflüsse.Aber das ist mehr eine Metapher als reale Romantik.

TAGESSPIEGEL : Was hat das mit Computern und dem Internet zu tun?

OHLER : Wir müßen den Bildschirm so gebrauchen, daß er zu einer Meditationsfläche wird.Man kann sich nicht ständig von dem Ort, an dem man sich befindet, wegbewegen.Durch das Internet lernt die westliche Gesellschaft, kreishaft von einem Ort auszugehen.Das Internet bietet eine gute Extensionsbewegung.Sie ist eben nicht geradlinig.Es ist ein Netz.Und die Silikonchips von Computern sind silbern.Gold ist das Metall der Sonnenkultur.Das Silbrige ist eine Mondfarbe.

TAGESSPIEGEL : Das klingt alles sehr esoterisch...

OHLER : Was ich in "Die Quotenmaschine" entwickelt habe, ist eine Utopie des Internet.Ein Grund, warum ich mich jetzt für das Internet nicht mehr interessiere, ist, daß es sich in eine vollkommen andere Richtung entwickelt hat.Ich schaue lieber fern, als daß ich im Netz surfe.Ich bin leider nicht der Verfechter des Internet.

TAGESSPIEGEL : Daß die Online-Version der "Quotenmaschine" das Copyright-Zeichen Ihres Verlages trägt, ist für die Internet-Literatur die Ausnahme.Verhindert der fehlende Urheberschutz anspruchsvolle Texte im Netz?

OHLER : Wenn man im Internet etwas veröffentlicht, dann sollte man sich darüber im klaren sein, daß es kopiert werden kann und wird.über das Copyright sollte man erst gar nicht nachdenken.Wenn man mit dem Medium arbeiten will, tut man das ohne die Angst, daß dort irgendwas ohne Honorar geschieht.

TAGESSPIEGEL : Siegen mit der Buchveröffentlichung materielle überlegungen über die unkommerzielle Virtualität?

OHLER : Ich finde das Internet genauso kommerziell wie den Buchmarkt.Es ist so: Ich bin mit dem Kulturgut Buch aufgewachsen und habe es ins Herz geschlossen.Ich möchte mein Leben lang Bücher schreiben.Da ist es kein Kniefall vor dem Materiellen, wenn ich mir beim Schreiben überlege, wie man heute zeitgemäße Bücher schreibt, die auch das eigene Medium reflektieren.

TAGESSPIEGEL : Bücher haben also Zukunft?

OHLER : Ja klar.Bücher werden immer das Problem haben, daß sie starr sind.Daran hat Maxx Rutenberg etwas auszusetzen.Gleichzeitig aber haben sie dadurch auch Vorteile: man kann sich an etwas festhalten.Indem man sich festhält, ist man unfrei und hat gleichzeitig eine Stütze, die wiederum eine Freiheit bedeutet.

TAGESSPIEGEL : Sie arbeiten an einem neuen Buch, "Chemie".Das wird wohl kein Cyberpunk-Roman?

OHLER : Nein, es wird ein Berlin-Roman, der den übergang einer bestimmten Gruppe von Menschen in dieser Stadt ins nächste Jahrtausend beschreibt.Mehr will ich nicht verraten...

Wer online in Auszügen von Ohlers Roman aDie QuotenmaschineO blättern will, der wählt sich unter der Adresse

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