Zeitung Heute : „Ich sehe wie ein Depp aus!“

06.11.2006 00:00 UhrVon -

Woody Allen ist meist entsetzt, wenn er sich im Film sieht, und schneidet sich raus. Immerhin: Drei seiner Filme findet er richtig gut – und verrät auch, welche.

Woody Allen, 70, hat Klassiker wie „Manhattan“ und „Der Stadtneurotiker“ gedreht, er wurde für seine Arbeit mit drei Oscars geehrt. Insgesamt machte Allen 38 Filme als Drehbuchautor und Regisseur, er lebt mit Familie in New York. Am 16. November kommt sein „Scoop“ in die Kinos, u. a. mit Scarlett Johansson.

Interview: Bruno Lester Jedes Jahr kommt ein neuer Woody Allen heraus. Sie sind unglaublich produktiv.

Ich habe wirklich eine Menge freie Zeit, das halbe Jahr über gibt es für mich nichts zu tun. Wenn ich einen Film vollendet habe, stehe ich in meiner Wohnung herum, laufe durch die Straßen, und dann kommt mir plötzlich eine Idee, und ich denke: „Mein Gott, das wird ein neuer ,Citizen Cane‘!“ Ich fange an zu schreiben, und ehe ich mich versehe, ist ein Manuskript fertig.

Das Drehbuch dauert ein paar Monate, dann drehe ich und schneide ein paar Monate. Klar, wenn dann das Ergebnis vorliegt, ist es kein „Citizen Kane“.

Sie sind für 21 Oscars nominiert worden – als Schauspieler, Autor und Regisseur – und haben drei gewonnen: für Drehbuch und Regie in „Der Stadtneurotiker“ sowie für das Drehbuch von „Hannah und ihre Schwestern“ . Können Sie nicht aufhören?

Solange ich Filme machen kann, sehe ich keinen Grund, keine Filme zu machen. Was sollte ich denn sonst tun? Ich arbeite gern, ich stehe gern morgens auf und schreibe, es ist mein Hobby.

Und Sie sind immer noch gesund?

Ich bin noch nie im Krankenhaus gewesen, ich bin noch rege. Ich habe gute Gene. Meine Mutter wurde 98, mein Vater schaffte die 100. Aber alt werden ist eine furchtbare Sache. Mein Augenlicht ist nicht mehr, wie es mal war, mein Gehör lässt nach, das Essen schmeckt nicht mehr wie früher. Ich habe nicht einmal an Weisheit gewonnen. Es gibt nichts Gutes am Altwerden. Man verkümmert einfach und stirbt.

Im vergangenen Jahr haben Sie für „Match Point“ die besten Kritiken seit zehn Jahren bekommen.

Ich habe da nichts anders gemacht als sonst auch. Man macht viele Filme, ein paar davon werden ganz gut, einige sogar ein bisschen mehr als das. Bei diesem einen schien alles zu stimmen.

In „Match Point“ spielte Scarlett Johansson die Hauptrolle, auch in „Scoop“ ist sie nun wieder zu sehen. Was ist so besonders an dieser Schauspielerin?

Sie hat alles. Sie ist schön, sexy, klug, unterhaltsam, witzig und angenehm in der Zusammenarbeit. Ich mag alles an ihr. Außerdem ist sie eine sehr talentierte Komödiantin. Wenn sie in diesem verrückten Geschäft sie selbst bleibt, wenn sie den Kopf nicht verliert, dann gehört ihr die Zukunft.

Mit „Scoop“ kehren Sie zur Komödie zurück. Sind Komödien leichter zu schreiben als Dramen?

Ich weiß mehr über Komödien, das drängt sich einfach immer so auf. Aber natürlich denken Komödienschreiber ständig, alles Wesentliche dieser Welt stecke im ernsten Drama. Und Dramatiker würden nichts lieber tun, als Komödien schreiben.

Kann ein Autor in beidem gut sein?

Komödienschreiber sind ein bisschen besser, wenn Sie etwas Ernsthaftes versuchen, als Dramatiker, die lustig sein wollen. Das mit der Komik ist eine merkwürdige Geschichte. Jeder kann ein Drama schreiben, es muss nicht notwendigerweise ein gutes werden, aber jeder kann es tun. Doch Sie können keine Komödie schreiben, wenn Sie kein Talent dafür haben. Wie schreibt man einen Witz?

In „Scoop“ geben Sie ein Comeback als Schauspieler. Warum sieht man Sie nicht mehr so oft spielen?

Ich spiele nur, wenn ich spüre, dass ich der Richtige für diese Rolle bin. Ich bin nicht wirklich ein Schauspieler. Meine Fähigkeiten sind da sehr, sehr begrenzt. Kurze, witzige Szenen, das macht mir Spaß. Ich kann diese Sorte New Yorker Neurotiker spielen, die Ähnlichkeit mit mir hat. Ich kann einen Autor spielen, einen Musiker oder etwas in dieser Art. Ansonsten …

Vermissen Sie die Schauspielerei, wenn Sie länger nicht vor der Kamera gestanden haben?

Nein. Es würde mir nichts ausmachen, wenn ich nie mehr spielen würde. Das schert mich nicht. Vielmehr finde ich es schwierig, meine eigene Vorstellung im Schneideraum zu beurteilen. In der Regel hasse ich mich. Es ist so peinlich, sich auf der Riesen-Leinwand zu sehen, wie man sich wie ein Trottel aufführt. Ich neige dazu, viele Szenen von mir wegzuwerfen, von denen andere Leute sagen: „Oh, schneid das nicht raus, das ist witzig.“ Und ich sage, ich kann das nicht drinlassen, weil ich damit nicht leben kann, das ist mir zu peinlich. Ich hab so erbärmlich gespielt und sehe wie ein Depp aus! Ob Sie es glauben oder nicht, das, was Sie auf der Leinwand sehen, sind meine besten Momente. Da können Sie sich vorstellen, was in den Shredder geht.

Sie sind bekannt dafür, sehr schnell zu arbeiten.

Als ich damit anfing, Filme zu machen, habe ich viel zu viel Material verbraucht. Aber mit den Jahren bekam ich immer mehr Ahnung davon, was ich mache. Ich verstand meine Arbeit besser und deshalb drehe ich nicht mehr so viel Überflüssiges.

Filmen Sie jede Szene in den üblichen Einstellungen?

Nein, ich habe nicht genug Geduld, außer Totale und Halbtotale auch noch Nachaufnahmen zu machen. Ich könnte mir das auch gar nicht leisten, die Filme würden ewig dauern. Merkwürdigerweise schätzen die Schauspieler meine Art der Totalen. Sie spielen eine ganze Szene und sie mögen das mehr, als zwei Dialogzeilen zu spielen, zu unterbrechen und die beiden Zeilen aus einer anderen Perspektive aufzunehmen, wieder zu unterbrechen und noch einmal. Mag sein, dass solche Filme besser aussehen, aber es macht mehr Spaß, sich in eine Szene zu vertiefen und für drei, vier oder fünf Minuten zu arbeiten und das nicht wiederholen zu müssen. Wenn wir fertig sind, sind wir fertig.

Warum erlauben Sie Ihren Schauspielern nicht, das gesamte Drehbuch zu lesen?

Ich finde, wenn sie nicht wissen, wie es weitergeht, dann spielen sie auch nicht auf das Ende hin. Sie sind viel spontaner, wenn sie sich nicht darüber im Klaren sind, was los ist. Die Schauspieler sollten nicht wissen, wie ihre Rolle ausgeht.

Und niemand beschwert sich?

Nein, wenn jemand in einem Film auftritt und er hat 30 Seiten zu spielen, dann will er keine 130 Seiten lesen. Das kümmert ihn nicht. Er will wissen, was er zu tun hat, ob er es schafft und ob es lustig ist. Ich habe noch keinen Schauspieler erlebt, der sagt: „Oh, ich kann in diesem Film nicht mitspielen, bevor ich nicht das ganze Drehbuch gelesen habe.“ Sie sind froh, wenn sie ihre 20 Seiten kriegen und von dem Stoff der anderen verschont werden.

Sie sind bekannt dafür, nicht viele Regieanweisungen zu geben.

Ich mag es nicht, Schauspieler mit einem Haufen Diskussionen und Analysen zu belasten. Ich engagiere die besten Leute, und dann gehe ich ihnen aus dem Weg. Ich sage ihnen, wenn ihr das Drehbuch ändern wollt, ändert es. Wenn ihr diese Sätze sagen wollt, sagt sie. Wenn ihr das nicht wollt, solange es zu eurer Rolle passt, sprecht eure eigenen Dialoge. Wenn ihr improvisieren wollt, improvisiert. Ich gebe ihnen sehr viel Freiheit.

Und wie oft greifen Sie ein und korrigieren?

In 98 Prozent der Zeit läuft alles perfekt. Ich greife nur ein, wenn etwas vollkommen daneben ist.

Sie haben Ihre letzten drei Filme in London gedreht. Offensichtlich hat es Ihnen dort gefallen.

London ist jeden Tag kühl und grau, das ist ideal für mich. Außerdem, die wunderbaren Wolken und das Licht wirken auf der Leinwand großartig.

Warum filmen Sie nicht mehr in den USA?

In Europa ist es leichter, an das nötige Geld zu kommen. Ich habe mehr Freiheit, weil Künstler mit mehr Respekt behandelt werden als in Amerika. Wenn Hollywood meine Filme finanziert, mischen sich die Studios viel mehr ein. Sie lesen das Drehbuch, wollen etwas geändert haben, diskutieren über die Besetzung … Außerdem kann ich in Europa mit weniger Geld drehen, ohne dass die Filme wie Low-Budget-Produktionen aussehen.

Sie arbeiteten in all den Jahren mit vielen britischen Schauspielern, mit Michael Caine, Helena Bonham Carter, Colin Farrell oder Ewan McGregor.

Britische Schauspieler klingen immer großartig. Sie sprechen meine Dialoge in einer Weise, wie ich es mir nie vorgestellt hätte. Das ist beglückend.

Für den nächsten Film gehen Sie nach Barcelona.

Es war erfrischend, in London zu arbeiten. An neuen Drehorten findet man neue Gefühle, entdeckt neue Dinge. Ich habe mir Barcelona ausgesucht, weil es eine spektakuläre Stadt ist, sehr kosmopolitisch, kultiviert, künstlerisch, urban – ein Universum wie New York. Jedes Mal, wenn ich dort war, war ich von der Energie dieser Stadt mehr angetan. Meiner Familie geht es genauso.

Sind Sie bei der Arbeit nervös?

Beim Schreiben oder Regieführen nie. Doch während des Schneidens kommt Panik auf, wenn man all das sieht, was man aufgenommen hat. Das ist wie eine kalte Dusche.

In der Regel sind Sie mit dem Ergebnis unzufrieden?

Während der Dreharbeiten glaubt man immer, man schreibt gerade Geschichte, und am Ende sagt man: Mein Gott, was habe ich getan? Ich glaube, ich hatte immer ein bisschen Talent und viel Glück.

Auf welche Filme sind Sie am meisten stolz?

Auf drei der 38 Filme von mir: „Match Point“, „The Purple Rose of Cairo“ und „Ehemänner und Ehefrauen“. All die anderen würde ich gern noch einmal neu machen. „Zelig“ und „Bullets over Broadway“ sind okay, und gern denke ich auch an „Hollywood Ending“, der allerdings nicht so ankam.

Sehr erfolgreich war „Hannah und ihre Schwestern“, der Ihnen einen Oscar einbrachte. Warum mögen Sie den nicht?

Dem Publikum hat er sehr gefallen, aber ich hatte das Gefühl, er ist verkorkst. Ich habe so viele Fehler gemacht. Der Film ist nicht der, den ich mir vorgestellt hatte. Ich hatte grandiose Ideen, aber denen war ich bei den Dreharbeiten nicht gewachsen.

„Der Stadtneurotiker“ ist Ihr populärster Film, für ihn haben Sie zwei Oscars bekommen.

Es hat Spaß gemacht, ihn zu drehen. Es ist ein netter Film, nur die Tatsache, dass ein Film beim Publikum besser ankommt als ein anderer, bedeutet mir nichts. Entscheidend für mich ist, ob ich meine Vorstellungen umgesetzt habe. „What’s new Pussycat“, mein erster Film, war ein Riesenhit. Aber das war mir peinlich. Ich hatte keinen Spaß daran.

Waren Sie jemals so enttäuscht von einem Film, dass Sie ihn nicht herausbringen wollten?

Von „Manhattan“ war ich sehr enttäuscht. Ich versprach dem Studio, dass ich den nächsten Film umsonst machen würde, wenn sie ihn nicht in die Kinos brächten. Aber das haben sie abgelehnt, und er lief gut. Mit „September“ war es genauso. Ich erzählte den Produzenten, ich würde den kompletten Film gern noch einmal drehen wollen.

Lesen Sie die Kritiken zu Ihren Filmen?

Seit 30 Jahren nicht mehr. Sie helfen mir nicht. Ich schaue mir auch keine Porträts an und lese keine Artikel über mich, weil sie Bilder von mir entwerfen, in denen ich mich nicht wiedererkenne.

Zum Beispiel?

Die Leute glauben, ich sei ein Einsiedler und hätte einen fürchterlichen Charakter mit allen möglichen exzentrischen Gewohnheiten, all diese Dinge werden in der Presse konstruiert. Nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein. Ich führe mit meiner Familie ein ganz normales Mittelklasse-Dasein. Ich bin gern rechtzeitig zum Abendessen bei meiner Familie. Filmemachen hat in meinem Leben nicht die oberste Priorität. Die Familie geht vor oder dass ich pünktlich zu Hause bin. Oder pünktlich zu einem Basketballspiel der New York Knicks komme. Nachts arbeite ich nie. Ich bin überhaupt kein Perfektionist. Ich probe nicht gern, weil es mich langweilt. Wenn in einer Szene, die ich gerade drehe, ein Fehler ist, muss ich die nicht unbedingt wiederholen, dazu fehlt mir einfach die Geduld.

Sie sind als Intellektueller bekannt …

… und ich bin’s nicht. Ich lese nicht viel und bin nicht interessiert an komplizierten Büchern. Ich war nicht der gute Student, den die Leute in mir sehen. Ich habe vor meinem 18. Geburtstag überhaupt kein Buch gelesen, und dann auch nur, weil ich die Mädchen beeindrucken wollte. Ich habe Sport getrieben, aber die Leute gucken mich an und glauben nicht, dass ich sportlich gewesen bin.

Sind Sie neurotisch?

Ich bin ein bisschen klaustrophobisch und habe ein wenig Platzangst. Ich bin ein bisschen depressiv und pessimistisch. Ich fürchte mich vor Fahrstühlen und Flugzeugen. Bis in meine Vierziger habe ich zum Einschlafen das Licht angelassen. Und ich war 24 Jahre lang beim Psychologen.

Warum haben Sie mit der Therapie aufgehört?

Sie hat mir durch Zeiten geholfen, in denen ich unglücklich war und unsicher. Einfach mit jemandem zu sprechen, der an meinen Problemen interessiert war, hat mir gut getan. Jetzt bin ich sehr glücklich. Ich liebe es, verheiratet zu sein. Ich liebe es, Vater zu sein. Ich brauche die Therapie nicht mehr.

Früher haben Sie New York möglichst nie verlassen. Jetzt reisen Sie viel, touren mit Ihrer Jazzband und filmen in fremden Ländern.

Ich war nie sehr gesellig. Ich habe es immer vorgezogen, zu Hause zu arbeiten, zu schreiben und meine Klarinette zu spielen. Seit ich mit Soon-Yi zusammen bin, gehe ich gern aus. Ich gehe shoppen und reise, weil meine Frau das mag. Ich tue gern Dinge, die sie glücklich machen.

Wie ist das, mit einer Frau verheiratet zu sein, die 35 Jahre jünger ist als man selbst?

Ich hätte nie gedacht, dass es mal auf eine Frau hinausläuft, die so viel jünger ist, Koreanerin und überhaupt nicht am Showbusiness interessiert. Aber es funktioniert wie Zauberei. Es ist einer von diesen wirklichen Glücksfällen in meinem Leben.

Kennen Sie das Geheimnis einer glücklichen Ehe?

Das liegt außerhalb jeglicher Kontrolle. Es ist Schicksal. Ich kenne nur ein einziges Paar, das bis heute zusammengeblieben ist.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Zuerst mache ich meine Fitnessübungen, dann bringe ich die Kinder in die Schule. Ich gehe mit meiner Frau spazieren, schreibe – von Hand und bevorzugt auf dem Bett –, bis mir nichts mehr einfällt, übe Klarinette, spiele mit den Kindern, esse zu Abend, zu Hause oder in meinem New Yorker Lieblingsrestaurant Elaine’s und schau mir im Fernsehen ein Baseballspiel an.

Welche Rolle haben Filme in Ihrem Leben gespielt?

Filme anzuschauen, ist eines der großen Vergnügen meines Lebens. Aber es ist keine Leidenschaft für mich. Wenn ich keinen neuen Film mehr machen kann, ich wäre ebenso glücklich, für das Theater zu arbeiten oder Bücher zu schreiben. Obwohl ich das Kino lieber mag, es ist eine sehr unterhaltsame Art, seine Zeit zu verbringen.

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