Zeitung Heute : „Ich trage ein heißes Herz im alten Gesicht“ Er steht auf junge Frauen und ihre zarte Haut, doch sie anzusprechen, verbietet er sich.

12.10.2008 00:00 UhrVon Interview: Sylvie-Sophie Schindler

Franz Xaver Kroetz tröstet sich mit Yoga und einer liebenswürdigen Dame.

Herr Kroetz, Sie hassen es, Interviews zu geben. Ihr Zuhause war für Journalisten immer tabu. Und nun sitzen wir heute in München, in Ihrem Wohnzimmer.

Wenn Sie wüssten, wie es früher bei mir ausgesehen hat, da hätte ich mich doch zu Tode geschämt. Jeder Hartz-IV-Empfänger hat es hübscher daheim. Als ich noch geschrieben habe, war dieses Haus meine Werkstatt. Ich habe hier regelrecht gehaust, überall lagen Papiere herum. Ich hätte nicht gewollt, dass Menschen mich in meiner Abgeschiedenheit stören und in meinen Arbeiten herumschnüffeln. Auch wenn es ein Schmarrn ist, interessiert hätte es wohl keinen Deppen.

Inzwischen wohnt meine älteste Tochter Josephine wochenweise bei mir, und ich bin ein alter Mann, der nicht mehr schreibt. Ich habe viel freie Zeit. Da kommt die Ordnung ganz von selbst.

Ihnen ist doch nicht etwa langweilig?

Klar ist mir langweilig. Aber ich gehe sehr gerne Lebensmittel einkaufen. Nur preisgünstig müssen sie sein. Meine Tochter hat einen sehr gut sortierten Riesensupermarkt hier in der Nähe entdeckt, das ist mein absoluter Lieblingsladen. Da fährst du bequem mit dem Auto hin und kriegst den Lachs billiger als sonst wo.

Müssen Sie denn sparen?

Wer sehr viel weniger braucht, als er verdient, ist ein freier Mann. Seit Jahrzehnten lebt die Gesellschaft am Limit. Ob Auto, ob Fernseher, man nimmt das Größtmöglichste, das man sich gerade noch leisten kann, überzieht das Konto und lastet sich Schulden auf. Da mache ich nicht mit.

Verkochen Sie Ihre Einkäufe selbst?

Ich koche sehr gerne die Rezepte meiner Mutter nach, die eine begnadete Köchin gewesen ist. Kalbslüngerl beispielsweise. Neulich habe ich aus Thunfisch Sushi gemacht, zwei, drei Saucen dazu, fertig. Oder Stubenküken. Ich hatte Lust, einfach mal auszuprobieren, wie man das zubereitet. Und wie sich das mit den Semmelknödeln entwickelt hat, toll. Die kann man heutzutage ohne weiteres aus der Packung nehmen und mit dem Plastiksackerl in den Topf hängen. Und: Sie schmecken!

Alleine essen macht doch keinen Spaß.

Ich bin darauf angewiesen, selbst zu kochen. Wenn ich im Gasthaus esse, fühle ich mich danach immer hundeelend. Zu viel Fett. Außerdem sind die Preise überteuert.

Sie haben Ihr Leben lang geschrieben, rund 60 Theaterstücke, drängt sich da die Lust am Schreiben nicht wieder auf?

Ich kann nur staunen über Martin Walser und Peter Handke. Die schreiben und schreiben und schreiben. Dabei ist diese Arbeit tödlich. Du bist ein Getriebener. Am Schluss war das Schreiben für mich eine zwanghafte Handlung. Mir geht es besser, seit ich aufgehört habe. Ich bin 62 Jahre alt und habe ein Lebenswerk geschaffen. Warum soll ich das jetzt nicht genießen dürfen? Shakespeare hatte neun Jahre vor seinem Tod keine Lust mehr zu schreiben. Sartre hat gesagt, zum Stückeschreiben müsse man jung sein. Ich denke genauso.

Warum sollte ein Künstler im Alter aufhören, sich mitzuteilen? Sie haben eine ganz andere Lebenserfahrung.

Das ist ein Irrtum. Man wird nicht weiser mit dem Alter, sondern blöder. Wir lügen uns doch alle in die Tasche. Alt werden ist beschissen. Beschissener geht es nicht.

Das muss ja die Hölle sein für Sie.

Was denn sonst? Ich glaube, es war Harald Juhnke, der einmal gesagt hat, wenn du über 50 bist und du aufwachst und dir tut nichts weh, dann bist du tot. Insofern: Ich stehe auf und habe erst mal Schmerzen. Ohne Kortison gehe ich sowieso nicht mehr aus dem Haus. Wegen meines Infektasthmas. Ich musste natürlich das Rauchen aufgeben. Ein herber Verlust. Irgendwann sind die Zähne dran, die man verliert. Und so weiter. Jeder Tag ein neuer Verlust. Fassbinder ist mit 37 gestorben, da überlege ich, ob das nicht die bessere Idee gewesen ist.

Wenn Sie in den Spiegel gucken, wen sehen Sie da?

Neulich habe ich mich bei Probeaufnahmen für den Brandner Kaspar auf einem Fernsehbildschirm gesehen. Und ich war sehr erschrocken über diesen erschöpften alten Mann. Ich will mit so einem hässlichen Mann nicht zusammenleben. In Gedanken fühle ich mich viel jünger. Ich trage ein heißes Herz in einem alten Gesicht.

Ein heißes Herz – schlägt es noch für die Frauen?

Ich kann mich nicht wehren gegen das Klischee. Ich stehe nach wie vor auf Frauen, die 20, 30 und 40 Jahre jünger sind als ich. Die haben einfach die besseren Argumente, zum Beispiel schöne, glatte Haut. Wenn ich Frauen begegne, mit denen ich mal liiert war, dann weiß ich, so alt, wie die aussehen, könnte ich nicht mehr mit ihnen zusammen sein. Das ist ungerecht, und ich weise mich innerlich hart zurecht: Franzl, ja meinst du denn, dass du jünger ausschaust? Insofern kann ich die jungen Damen, die mir gefallen, nicht einfach ansprechen. Da bekäme ich nur die Antwort: Opa, schleich dich.

Sie leben also allein?

Sagen wir so, es gibt eine liebenswürdige Dame, die mich ab und an tröstet. Mehr geht niemanden etwas an. Was auf keinen Fall infrage kommt, dass so ein alter Dackel wie ich noch mal eine Familie gründet. Bitte, ich habe bereits fünf Kinder, zwei erwachsene und drei aus meiner Ehe mit Marie Theres. Und die fordern zwei Drittel meines Gefühlshaushalts. Eigentlich hätte ich sogar acht Kinder, wenn die Frauen nicht abgetrieben hätten. Damals waren wir gerade volljährig, die Pille war nicht selbstverständlich. Alles war zum Kotzen, das Leben eine ununterbrochene Katastrophe. Da setzt man kein Kind in die Welt.

Welcher Typ Vater sind Sie?

Ich bin kein Vater, ich bin Künstler. Ich habe kein Interesse daran, Regeln vorzugeben. Dass ich mich aus der Erziehung herausgehalten habe, hat den Kindern sicher gutgetan. Seit der Scheidung muss ich mehr Zeit und Kraft für die Familie aufwenden als je zuvor. Früher konnte ich zu meiner Frau sagen: Mach du doch. Jetzt bin ich gefragt bei Zahnweh, Impfungen, Führerschein und anderem Kram. Ich weiß erst jetzt, wie viel ich meiner Frau damals überlassen habe.

Haben Sie die klassische Rollenverteilung nie infrage gestellt?

Nein. Ich wollte nur schreiben und mich um sonst nichts kümmern müssen. Entweder man findet eine Frau, die einem den Rücken frei hält, oder man bleibt alleine. Was aber auch kein Beinbruch ist. Wer Schriftsteller sein will und nicht alleine sein kann, der braucht gar nicht erst anzutreten.

Wie haben Sie das Alleinsein gelernt?

Ich bin Einzelkind und war schon immer gerne alleine. Wer zu umtriebig ist und ständig in Gesellschaft, der kann nicht authentisch sein. Die ganze Scheiße der anderen färbt ab. Leider kann ich mir die Menschen nicht so fernhalten, wie ich es möchte. Ideal wäre, auf einem Anwesen zu wohnen, wo man erst mal drei Kilometer fahren muss bis zum Eingangstor, das von beißenden Hunden bewacht ist. Nur nach der Scheidung, da saß ich eine Zeit lang nicht gerne alleine zu Hause.

Eine neue Erfahrung.

Mich hat die Trennung sehr mitgenommen, ja. Ich war auch gesundheitlich sehr angeschlagen. Das hat sich inzwischen beruhigt. Mein Arzt hat mich neulich durchgecheckt und festgestellt, was mich sehr überrascht hat: Ich bin, das Asthma ausgenommen, kerngesund. Ich habe Leberwerte wie ein Säugling. Dabei habe ich extrem viel gesoffen.

Inwiefern ist Ihre Arbeit ein Versuch, sich unsterblich zu machen?

Ich glaube nicht, dass meine Theaterstücke dieses Potenzial haben. Meine Stücke sind Dokumente ihrer jeweiligen Zeit; kleinteilige Konstrukte. Für das Unsterbliche muss man hingegen großteilig arbeiten, also Themen ansprechen, die fortlaufend Gültigkeit haben. Aber eigentlich ist es Utopie, von Unsterblichkeit zu sprechen. In hundert Jahren wird von unseren Theaterstücken nichts mehr bleiben. Wedekind ist ein gutes Beispiel. Um jemanden zu finden, der den Inhalt eines seiner Stücke erzählen kann, müssten wir 14 Tage lang quer durch München fahren. Wenn wir Glück haben, treffen wir auf eine Studentin, die ihre Magisterarbeit über Wedekind schreibt.

Der ewige Frust der Theatermacher. Vielleicht braucht Theater mehr Sexappeal.

Theater ist seit jeher ein Minderheitenprogramm. Das soll aber nicht ablenken von der Tatsache, dass dem Theater viel fehlt. Wenn ich sehe, wie Hunderte von Menschen im Biergarten vor einer riesigen Leinwand hocken, um Fußball zu gucken, dann werde ich ganz neidisch. Warum schafft Theater das nicht? Ein Versuch wäre es sicher wert. Vielleicht kommen dann nicht 500 Leute, sondern 50, aber immerhin. Das Theater ist schließlich die letzte Zufluchtsstätte der deutschen Sprache, die sich längst begonnen hat aufzulösen in einer globalisierten Welt.

Sie könnten jetzt endlos jammern.

So ist es.

Nennen Sie Gründe, warum das Leben auch schön ist.

Mein Leben war immer dann schön, wenn es spannend war. Es gibt da diesen Spruch: Das Leben ist gefährlich, aber es übt kolossal. Wenn man das Leben richtig angeht, ist es eine atemberaubende Reise vom Nichts ins Nichts.

Wer gerne lebt, der würde sich freuen, wenn er wie der Brandner Kaspar die Chance hätte, mit dem Tod zu verhandeln, um ein paar weitere Lebensjahre herauszuschlagen. Würden Sie, wenn Sie könnten, einen ähnlichen Handel auch versuchen?

Mit dem Tod kommt man endlich zur Ruhe. Insofern ist er als Grenze akzeptabel. Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich möchte nur nicht dabei sein, wenn ich sterbe. Wir bilden uns alle so viel ein, wenn es um den Tod geht. Die Stimmen werden ernst und getragen. Ich glaube, dass der Tod etwas Lustiges ist. Er macht kein Aufhebens, sondern kommt einfach.

Wann war Ihre erste Begegnung mit dem Tod?

Mein Vater war 48 Jahre alt, als ich auf die Welt kam. Mit 63 Jahren starb er an Lymphdrüsenkrebs. Durch eine Trauerphase bin ich nie gegangen. Ich wollte unbedingt auf die Schauspielschule gehen, und das hätte ich mir in die Haare schmieren können, wenn mein Vater weitergelebt hätte. Insofern starb er genau zum richtigen Zeitpunkt. Eltern sind schließlich dazu da, um zu sterben, und um den Platz frei zu machen für die nächste Generation. Jetzt, da ich 62 Jahre alt bin, beschäftigt mich, ob ich älter werde als mein Vater. Das wäre nicht das Schlechteste, denn für 2010 habe ich schon die Inszenierung einer Operette in Dresden angenommen.

Michael „Bully“ Herbig ist im „Brandner Kaspar“ Ihr Gegenspieler, er verkörpert den Tod, den sogenannten Boandlkramer. Können Sie über Bullys Filme lachen?

Ich habe mir „Der Schuh des Manitu“ mit den Kindern angesehen und ein bisschen mitgelacht. Der Film ist gut gemacht, aber richtig interessiert hat er mich nicht.

Wer versteht Ihren Humor am besten?

Magdalena, meine Tochter. Auch mit der Schell Maria konnte ich viel lachen. Humor muss optimistisch bleiben, es muss eine gewisse Aufmunterung drinstecken. Sobald er zynisch wird und damit verächtlich, verliere ich das Interesse.

Macht es Sie misstrauisch, wenn Sie auf Personen treffen, die nicht über dasselbe lachen können wie Sie selbst?

Wenn ich mit einem Menschen nicht lachen kann, dann kann keine Nähe entstehen. Humor ist die intimste Form einer Berührung überhaupt. Beim Bumsen muss man lachen können, sonst bringt das nichts. Oder wenn einer weint und du bringst ihn mit einem Witz zum Lachen, dann ist das eine Begegnung, in der viel Verstehen steckt. Nähe wiederum gründet auf Verstehen.

Und was ist mit der legendären Kroetz-Wut? Was macht Sie heute noch wütend?

Wenn ich mir eine Jeans für 119 Euro gekauft habe und ich sehe die für 79 Euro in einem anderen Geschäft, packt mich die Wut. Ansonsten wüsste ich nicht, worüber ich mich aufregen sollte.

Das ist doch nicht Ihr Ernst!

Ich habe mich in meinem Leben doch schon genug aufgeregt. Ich weiß nicht, ob jemand je so viel Geschirr zusammengeschlagen hat wie ich. Den letzten Teller habe ich vor sieben Jahren an die Wand geschmissen.

Was war der Anlass?

Irgendeine Verzweiflung. Wut ist immer eine Spontanreaktion. Aber worauf sollte ich denn spontan reagieren? Mir kann doch keiner mehr etwas vormachen. Ich habe ein erfülltes Leben.

Was ist eigentlich dran an dem Gerücht, dass Sie die Anzüge auftragen, die Sie als Baby Schimmerlos in „Kir Royal“ trugen – das ist jetzt 26 Jahre her!

Ich besitze einen Anzug und zwei Mäntel aus dieser Zeit. Die werden regelmäßig getragen und passen tadellos.

Ihre Figur hat sich seitdem nicht verändert?

Ich behaupte, dass ich der erste Zwölfjährige des TSG Pasing gewesen bin, der einen Drehschwung stemmen konnte. Ich war ein sehr guter Turner und habe nie aufgehört, Sport zu machen. Wenn ich in München bin, laufe ich täglich bis zum Nymphenburger Park, der ist etwa sechs Kilometer weg von hier. Vorher mache ich Yoga, zwei Stunden lang.

Warum haben Sie sich eigentlich für das Kino entschieden und für den ganzen Rummel, der damit verbunden ist, wenn Sie eigentlich lieber alleine sind?

Weil ich Lust hatte auf die Rolle. Der Brandner Kaspar ist genauso schräg wie ich. Ein Gewohnheitstyp, der zurückgezogen auf einer Alm lebt. Wenn Sie wüssten, welcher Scheißdreck mir sonst angeboten wurde. Ich will nicht um jeden Preis im Fernsehen sein. Dann kennt mich jeder und haut mir auf die Schulter, als seien wir alte Schulfreunde, und hält mich für einen Alkoholiker, nur weil ich gerade eine Kiste Bier in der Hand halte. Die Rolle des Baby Schimmerlos brachte mir so viel Bekanntheit, dass ich nicht mehr in Ruhe S-Bahn fahren konnte.

Das könnte wieder auf Sie zukommen. Sie spielen nach 20 Jahren wieder den Baby Schimmerlos.

Ich mache das, weil ich gerne noch einen fiesen alten Sack spielen möchte. Dass ich so ein hässlicher alter Mann geworden bin, muss sich wenigstens einmal lohnen.

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