Zeitung Heute : Ich und du und ein Schiff dazu

Ein Land kämpft um die Sonnenliegen: 1500 Deutsche auf einer Kreuzfahrt durchs Mittelmeer

Moritz Rinke

1500 Menschen stehen im Hafen von Heraklion, Kreta, und wollen sofort hinein in die vor ihnen liegende Aida-Aura. Sie ist eines der vier Kreuzfahrtschiffe, mit denen das Unternehmen „Seetours“ in Rostock seit Jahren Urlauber über die Weltmeere fahren lässt. Die Aida gilt als Traumschiff, gebucht von Deutschen als absolute Traumreise.

Auch ich habe gebucht und bekomme die Kabine 5172 auf Deck 5, steuerbord, also rechts. Die Kabine ist nett. Es gibt ein Bad mit Dusche, gelb-blau und ein bisschen gestylt wie der Parteitag der FDP. Es gibt eine Unterdrucktoilette, die, wenn man spült, ein Geräusch verursacht wie in einem Horrorfilm, wo ein bisher unbekanntes Tier einen Menschen einsaugt und weggurgelt. Als sensibler Mensch kann man diese Toilette nur benutzen, wenn man nach dem Drücken des Spülknopfes sofort mit einem Hechtsprung aus dem Bad ins Bett unter die Schlafdecke springt.

Ansonsten ist alles gut, so eine Toilette kann man verkraften, finde ich. Eine wunderbare Einrichtung ist der Kabinenfernseher mit Aida TV, fünf Clubprogramme, vielleicht zeigen die ja auch mal die „Meuterei auf der Bounty“ mit Marlon Brando.

Um 18 Uhr 30, lese ich in der Clubzeitung „Aida heute“, ist „Kennlerntreff“ in der Nightfly Bar, Deck 9, da geh ich hin. Ich nehme den Fahrstuhl, ja, auf der Aida gibt es gläserne Lifte. Ich steige aus auf Deck 11, herrlich: im Hintergrund die Berge Kretas, und ich mittlerweile 45 Meter hoch auf einem Schiff wie eine moderne Kathedrale mit Body&Soul-Station, Nightfly Bar und FKK-Bereich und 202,85 Meter Länge.

Ich denke gerade, der grün ausgelegte Weg, auf dem ich gehe, er schwingt, er federt wie ein Waldweg, gar kein Eisen, plötzlich rennen zehn Männer schweißgebadet vorbei. Ich rufe: „Sinken wir? Wir sind doch noch im Hafen!“ Keine Antwort. Ich laufe zur Infotafel und lese „Deck 11: Jogging Parcours“. Das ist ja interessant. Die rennenden Männer waren nicht in Seenot, die joggten bei 38 Grad um den Schornstein der Aida herum.

Beim „Kennlerntreff“ („Get-Together“) auf Deck 9 sind 21 Menschen, die dastehen und Ninette ansehen. Ninette ist Clubmanagerin. Sie hat ein sehr freundliches Gesicht, ein weißes Offiziershemd und verteilt Sekt. Die meisten beim „Kennlerntreff“ sind zwischen 30 und 40, und einer ist in der Pubertät. Die Frauen tragen Glitzerpullover, die Männer Shorts, die eine Hand in der Hose, die andere am Sektglas. Ninette sagt: „Und wo kommst du her?“ Jemand sagt: „Aus Osnabrück.“ Ninette sagt: „Und wie heißt du?“ „Olaf.“ Dann entsteht zwischen Ninette und Olaf ein kurzes Schweigen, das man nutzen könnte, um wieder zum Fahrstuhl zu laufen, es gibt ja viel zu sehen.

In der Hemingway-Lounge auf Deck 10 ist die Bibliothek, es gibt ungefähr 20 Bücher, ungewöhnliche Titel wie „Ein Ort namens Chicken“ oder „Pilot am Scheideweg“. Von hinten greift ein Arm und entleiht das Buch „Das Messer im Sumpf“, das ist bestimmt gut. Ich gehe weiter auf Deck 10, ein Kind läuft mit dieser Schwimmweste vorbei, die es für jeden auf der Kabine gibt.

Ninette mag ich. „Get-Together“ ist wohl schon zu Ende, sie moderiert jetzt den „Welcome-Drink“ am Pool und ist zu 1500 Menschen gleichzeitig nett. Sie sagt zu jedem „du“ und ist eine Meisterin darin, allen das Gefühl zu geben, an einem Strang zu ziehen, mit einem gemeinsamen Spirit, mit „one vision“, wie es auch „The Aida-Clubsong“ musikalisch untermauert. (Im Fahrstuhl sagen auch schon alle „hallo“, ich hab auch schon mindestens achtmal „hallo“ gesagt und „ich komm aus Charlottenburg“).

Kapitän Randolph A. E. Hess tritt auf, er heißt wirklich so. Lockiges Haar, federnder Gang, im Alter von Sascha Hehn in der Serie „Das Traumschiff“ vom ZDF, großartig. Ninette bietet eben auf dem Pooldeck eine öffentliche Probemassage an bei Nicole von Body&Soul mit dem Bräunungsöl von Roucou.

Ich gehe zum „Welcome Dinner“ ins Calypso Restaurant. Man muss sagen, es ist das Paradies. Angeblich werden für eine einwöchige Kreuzfahrt 8,5 Tonnen Fisch und zehn Tonnen Fleisch geladen, das haben die bei der Infostunde „Die Fettverbrennung“ auf Deck 9 gesagt. Zwölf Tonnen Kartoffeln, Käse und 22000 Eier. 22000, das ist ungefähr die Zuschauerzahl von Bayer Leverkusen oder Hansa Rostock in der Bundesliga, jetzt aber alles in Eiern! Ich finde, das ist eine wahnsinnige Vorstellung, und wo im Schiff liegen die denn alle? Dazu acht Tonnen Kiwis! Es gibt täglich mehrmals 50 verschiedene Torten, überhaupt kann man hier durchessen, wobei man sich immer fragen müsste, wer, bitte, kocht das alles?

Angeblich arbeiten 430 Menschen an Bord, ich schätze etwa zehn Prozent sind deutsche Offiziere und Animation, der Rest Filipinos, die unten im Rumpf irgendwie durchkochen und durchputzen.

Ich geselle mich zu einem einzelnen Herrn. Er sitzt ganz allein an einem dieser runden Tische, an denen man essen und sich kennen lernen soll, es sind Kennlerntische. Herr Käfer kommt aus Gelsenkirchen. Er war schon mal auf der Aida, als seine Frau noch lebte, da ging es nach Ägypten zu den Pyramiden. Käfer ist Betriebsrat bei Seppelfricke, Küchengeräte. Als ihm ein Filipino lächelnd Wein nachschenkt, berichte ich von den 22000 Eiern in der Küche, und wir malen uns gemeinsam die Zustände da unten aus.

„Wann, frage ich Sie“, sagt Käfer, im Mund ein Stück Stachelbeertorte und mit der flachen Hand auf den Kennlerntisch hauend, „wann schlafen die Filipinos, gibt es die tarifliche Teepause?“ Dann läuft schon wieder das Kind mit der Schwimmweste durch das Calypso Restaurant, und Käfer verspricht, in seiner Funktion als Betriebsrat bei Seppelfricke beim Kapitän Randolph A. E. Hess vorzusprechen.

Zum „Honeymoontreff“ gehe ich nicht, ich bin vielleicht noch nicht locker genug, das habe ich beim „Cocktail-Workshop“ in der Nightfly Bar gemerkt, ich konnte nicht so gut wie die anderen zum „The Aida-Clubsong“ schütteln.

Das Schiff ist mittlerweile mit drei gewaltigen Hornsignalen romantisch ausgelaufen und nimmt Kurs Richtung Dubrovnik.

Ich sehe mir noch die ebenfalls total romantische „Sail-away-Lasershow“ auf Deck 10 an, mich lässt aber der Gedanke nicht los: Wenn 80 Tonnen Fleisch, Fisch, Kartoffeln, Gemüse etc. geladen werden, dann wird das ja wohl auch alles verzehrt. Ich meine, die haben ja Erfahrungswerte, und demnach müssten sich ja die 80 Tonnen am Ende irgendwie auf die 1500 Aida-Menschen verteilen. Man weiß ja, dass die Deutschen essen, aber selbst wenn die Hälfe dank der Unterdrucktoilette an einen geheimen Platz des Schiffes weiß Gott wohin abgesaugt und katapultiert wird (also, nicht die Deutschen, sondern die Tonnen, obwohl ich das diesen Horrortoiletten auch zutrauen würde!) – dann bleibt ja immer noch laut Kopfrechnung das bizarre Verhältnis von 40 Tonnen in 1500 Deutschen.

Ich schaue in der Kabine Aida-TV. Auf Channel 13 sieht man das Heck und das weiß schäumende Wasser, das durch die Schiffsschrauben, die beiden fünf Meter großen Propeller mit 25000 PS, aufgewirbelt wird. 25000 PS! Im Prinzip für jedes Ei an Bord mehr als ein PS, beachtlich.

Man schläft eigentlich auch ganz gut. Nur, wenn die Toilette von Kabine 5171 ans Kopfende des Bettes in 5172 stößt, dann träumt man von schrecklichen Saugmonstern, die einen durch die Aidatoilette für immer wegsaugen.

Am nächsten Tag ist gutes Wetter. Seetag. Ich laufe sofort in die Hemingway-Bibliothek und denke, ich guck nicht richtig. Im Bücherschrank steht plötzlich das Buch „Der Text ist der Coyote“ – Heiner Müller. Also, wer hat das denn gelesen? Gestern gab’s hier „Der Text ist der Coyote“ definitiv noch nicht!

Auf Deck 9 in der Anytime Bar ist gerade Bingo, aber Bingo verstehe ich nicht, Bingo habe ich gestern schon nicht verstanden, ich geh Sonnenbaden.

Dafür stehen auf Deck Liegen bereit. Allerdings, es gibt zwar täglich 500 Torten, aber eindeutig zu wenig Liegen. Wie das dann aussieht, wenn sich 1500 Deutsche auf nur 1000 Liegen in einer Mischung aus Euphorie und Aggressivität zubewegen, kann man am besten mit einem Heuschreckenangriff vergleichen. Gut zu beobachten am Thema Liegen ist auch die Neigung der Deutschen, Besitztum anzumelden. Ich laufe immer den Jogging Parcours entlang und beobachte das Liegen-Reservieren durch das Aida-Clubhandtuch. Jede Liege ist durch ein Aida-Clubhandtuch reserviert, am liebsten wird tagelang an derselben Stelle reserviert und gelegen und, wenn möglich, das Clubhandtuch gleich an die Liege rangetackert!

Einmal frage ich: „Entschuldigen Sie, wir kennen uns doch vom Kennlerntisch, hallo, ist die Liege vielleicht vakant?“

„Nee, das ist Ilses Handtuch. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!“

Also, ein Reformland werden wir wohl nie wirklich werden. Wir Deutschen setzen uns gleich auf alles drauf. Wenn wir etwas haben, wo wir gut sitzen oder liegen, dann wollen wir uns da rantackern. Und wenn wir da auch noch zuerst waren, dann wollen wir da auch bis in alle Ewigkeit mahlen.

Die Italiener würden sich bestimmt zusammen auf die Liege legen. Auch die Engländer würden sich einigen, dass der eine Bier holt, der andere die Liege zum Trinken freihält. Sogar die Finnen würden aus ein paar Liegen eine Trinkhütte für alle bauen, nur wir Deutschen nehmen die Liege zum Bierholen quasi mit.

Ich warte eigentlich immer noch auf die Durchsage, dass jemand beim Gang auf eine Aidatoilette zuletzt gesehen wurde.

In der Hemingway-Lounge läuft der Song „Ich und du und ein Schiff dazu“, ich kaufe mir eine Dunhill-Zigarre Marke „Robusto“ mit meiner Clubschiffkarte, bezahlt wird auf der Aida mit der blauen Clubschiffkarte mit Magnetstreifen, mehr als diese Karte braucht man eigentlich nicht.

Am Nachmittag sind die meisten Deutschen schön rotbraun, vermutlich durch das Bräunungsöl von Roucou. Im FKK-Bereich prüfe ich, ob sich die Art der Lektüre bei den Nacktbadern unterscheidet von „Das Messer im Sumpf“ oder „Pilot am Scheideweg“ auf Deck 10.

Völlig fassungslos fällt mein Blick auf Peter Scholl-Latour, „Der Islam“, aber ich kann kaum darüber nachdenken, weil über das Hardcover hinaus seltsame Brüste hervorragen, die irgendwie aussehen wie nach Jules Verne und der Ballonfahrt. Solche Silikonbrüste in der prallen Sonne habe ich noch nie gesehen, wenn das Scholl-Latour wüsste.

Ich überlege, ob ich frage: „Entschuldigen Sie, kennen Sie auch das Buch ,Der Text ist der Coyote’?“ Ich entscheide mich aber dagegen und versuche es auch nicht mit dem Islam, sondern über die 22000 Eier. Ja, ich versuche jetzt immer, über die Eier ins Gespräch zu kommen, aber dann läuft plötzlich dieses Kind mit der Schwimmweste – das viel dicker geworden zu sein scheint – zur Silikonfrau und weint.

Auf Deck 9, „Aidafit“, sehe ich den Kapitän auf einem Laufband. Er joggt seit 17 Minuten bei 15 Prozent Steigung. Ich denke gerade, also, muss der nicht irgendwie auf der Brücke stehen und das Schiff steuern?, da animiert mich Lutz zum Golfen. Ich kann zwar gar nicht golfen, aber auf Deck 10 steht ein Golfanimator oder -simulator, ich will mich nun zum Golfen mit einem Golfanimator von Lutz animieren lassen. Man steht auf Kunstrasen vor einer Projektionswand mit grünen Flächen, und hinter der Projektion ist das Meer. Ich hab das Meer noch gar nicht gesehen. Ich stelle auf Long Drive, schlage ab, aber der Scheißball fliegt gerade sechs Meter in der Simulation, ich sehne mich so nach einem Nautikkurs, nach Fischkunde!

Später, in Venedig, als ich wie der Kapitän auch mit 15 Prozent Steigung auf dem Laufband laufe und dabei auf den Markusplatz gucke und in der Ferne meinen Seppelfricke sehe, da geht mir ganz kurz durch den Kopf, ob ich das nächste Mal nicht vielleicht mit einem Kutter in Richtung Spiekeroog fahren könnte und immer nur Fischfutter in die Nordsee werfe, mehr nicht.

Ich meine, die Aidawelt, mit all ihren wunderbaren Angeboten, saugt sie nicht die Umwelt ab wie diese Unterdrucktoiletten? Man steigt ein in das Traumschiff, und schwupp ist das Meer weg, die Fische, der Wind, eigentlich auch Venedig, die total tolle Romantik, obwohl tausendmal von der ewig lächelnden Ninette versprochen, und sogar der Kapitän ist weg. Kapitäne stehen in meiner kindlichen Erinnerung schweigend mit einem Fernglas auf der Brücke, aber nicht auf der Fullmoonparty. Ein Chinese, gebürtig aus Mülheim an der Ruhr, meinte sogar beim Essen, der Kapitän sei eine Attrappe, da hat der Chinese Recht, ich glaube, der ist von „Seetours“ gecastet, das Schiff fährt automatisch, aus Rostock gesteuert.

* * *

Was ist bloß aus unseren Abenteuern geworden?

* * *

In der Sauna kann ich nicht lange bleiben, jemand hat aufgrund des leichten Seegangs mitten ins Dampfbad gekotzt. Aber das stört mich gar nicht, ich freu mich so über den Seegang!

Ich gehe noch kurz in die Trockensauna und beobachte Männer beim Saunieren, darüber wollte ich immer schon mal schreiben: Dieses Abreiben der Bäuche vor allen Leuten, Abreiben mit Wegspritzen des Schweißes bei gleichzeitigem Ausstöhnen aus Mund und Nase, meistens mit so einem grunzenden und redlichen Unterton von „Ich leiste gerade was!“ oder „So, wie ich schwitze, schwitzt man!“, diesen Unterton bekommt man gerade in deutschen Saunen.

Heute Morgen hat mir jemand auf einer Liege ebenfalls in einem Ton voller Redlichkeit erklärt: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“, ohne Augenzwinkern, einfach so, das ist der Typ, der gestern schon am Kennlerntisch zwischen den abräumenden Filipinos völlig ungebrochen den Satz sagte: „Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt!“, am liebsten würd ich dem mein Clubhandtuch um die Ohren hauen. (Morgen bring ich aus meiner Kabine den kleinen eckigen Tisch mit zum Essen!)

Bei der Fullmoonparty klatscht ein Mann etwas unrhythmisch in die Hände, presst dabei seine Lippen auf die leicht vorgestreckte Zunge und guckt immer nach rechts und links, so als überwache er, ob die anderen genauso ausgelassen sind wie er.

Dieser Mann ist eigentlich für mich zum Symbol der Aida geworden; nicht der Kussmund, der riesengroß vorne aufs Schiff gemalt wurde, sondern diese demonstrativ gutgepresste Laune des Mannes bei gleichzeitiger Überwachung der anderen. Wie ein Scherge von Ninette, wie ein Bodyguard der Heiterkeit steht er da und klatscht.

Seppelfricke ist bei der Fullmoonparty gut in Form. Wir unterhalten uns mit einem Hamburger, der beruflich Küstenmotorboote verkauft, „Kümo“, heißt es, er sei dick im „Kümo-Geschäft“, und dann sagt er uns, wie viel PS die Aida hat. Ich sage, ich weiß, wie viel PS die Aida hat, aber er sagt es immer wieder, Seppelfricke ist auch schon ganz genervt, wir wenden uns einfach ab, und der „Kümo“-Typ quatscht gleich irgendeine Frau an und sagt ihr ungefragt, wie viel PS die Aida hat, Armleuchter.

Seppelfricke hält dem Barkeeper seine Clubschiffkarte hin, wir trinken jetzt zusammen in der Chill-out-Lounge einen Caipi, und Seppelfricke erzählt mir von seiner Gondelfahrt auf dem Canal Grande.

Die Einfahrt der Aida in Venedig kam mir übrigens vor wie eine Vergewaltigung, dieses riesige Schiff durch die schmale Kanaleinfahrt, dieses ohrenbetäubende Horn, da fallen ja gleich alle Tauben tot auf den Markusplatz, kann man denn nicht nur mit „The Aida-Clubsong“ einfahren?

Zurück zu meinem Freund: Wie er so erzählt, stelle ich mir vor, wie Seppelfricke eine Rede unten im Schiffsrumpf bei den Filipinos hält und kurze Zeit später so eine Art „Meuterei auf der Bounty“ stattfindet. Seppelfricke in der Rolle von Marlon Brando als Offizier Fletcher weist Kapitän Randolph A. E. Hess, die Attrappe, von Bord und setzt ihn und die Kollegen von der Animation in einer Barkasse mit ein paar Clubhandtüchern auf hoher See aus. Dann fährt Seppelfricke die Aida aus Versehen gegen einen Eisberg.

Ich seh uns noch im Aida-TV auf Channel 12 durch die Bugkamera genau auf den Eisberg zufahren, rufe aber nicht mehr auf der Brücke bei Seppelfricke an. Ich will sehen, wie gläserne Fahrstühle allmählich volllaufen, wie eine Trockensauna mit sich abreibenden Männern untergeht; wie der Golfsimulator in die Tiefe fällt.

Mit romantischer Musik versinken die Body&Soul-Station und das Calypso-Restaurant, einige joggen immer noch bis zuletzt auf dem Jogging Parcours um den Schornstein herum oder wollen ihre reservierten Liegen nicht freigeben wie unser ganzes unreformierbares Land kurz vor dem Untergang. Playstations treiben umher in Roucouöl neben Stachelbeertorten und Silikonbrüsten, am Ende schwimmen nur noch Clubschiffkarten mit Magnetstreifen oben.

Der Mensch hat eine geheime Lust an dem Aufeinandertreffen der Gegensätze, wenn die Welt des Hightech und der kalkulierten Freuden plötzlich auf die Urgewalt des alles herunterziehenden Wassers trifft; plötzlich hätte sich die geleugnete See zurückgemeldet, wäre die Natur wieder da, vielleicht sogar das Leben oder Gott.

Hinten am Heck lehne ich an der Reling, zwei Meter über den 25000-PS-Propellern. Etwas weiter weg steht eine Frau. Sie schaut bewegungslos in das aufschäumende Meer über den Propellern. Sie stand gestern auch schon hier, wie jetzt in einem Jeansanzug, an der Jacke ein kleiner Teddy befestigt, der im Wind hin und her schlägt. Vom vorderen Teil des Schiffes dröhnt die Musik von der Fullmoonparty herüber, ein Filipino der Frühschicht arbeitet abseits mit dem Turbostaubsauger, in der Ferne flimmern vereinzelt die Leuchttürme der Küste.

Hier würde es eigentlich keiner merken. Manchmal, wenn man sich einbildet, was in einem Menschen vorgehen könnte, traut man sich keinen Schritt mehr weg.

Ein Filipino erzählte mir am letzten Abend, dass auf der MS Europa, auf der er mal arbeitete, am Ende jemand fehlte. Wie man das rausbekomme bei so vielen Menschen, fragte ich. Erst einmal gar nicht, sagte er. Später, beim Checkout und der Abrechnung der Extras mit der Clubkarte, würde man es merken, wenn nämlich eine Karte nicht durch den Computer gezogen wird, fehlt auch Geld.

Meinen Recherchen zufolge ist die Frau mit dem Teddy auf Kreta wieder angekommen. Alle Extras wurden bezahlt. Die Reise mit der Aida haben alle überlebt.

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