Zeitung Heute : Ich &

Neue Umfragen alarmieren: Die Deutschen leben immer häufiger ohne Partner – deshalb fehlen dem Land die Kinder. Na und? Eine Lobrede auf das Alleineleben.

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Von Iris Hanika

Wer allein ist, ist auch im Geheimnis

immer steht er in der Bilder Flut

ihrer Zeugung, ihrer Keimnis

selbst die Schatten tragen ihre Glut.

Trächtig ist er jeder Schichtung

denkerisch erfüllt und aufgespart

mächtig ist er der Vernichtung

allem Menschlichen, das nährt und paart.

Ohne Rührung sieht er, wie die Erde

eine andere ward, als ihm begann,

nicht mehr Stirb und nicht mehr Werde:

formstill sieht ihn die Vollendung an.

Gottfried Benn

In der ersten Strophe des Benn-Gedichts drängt sich der Eindruck auf, dass das nur einer allein verstehen kann, nämlich der Verfasser dieser Zeilen – was wiederum deutlich zeigt, wie allein so einer sein kann. Wer allein ist, den versteht keiner mehr. Wer allein ist, wäre kein Mensch mehr, weil das Menschliche sich paart und nährt, was es im Paaren erzeugte? Das ist eigentlich logisch, wird doch vom Menschen stets gesagt, dass er ein soziales Wesen sei. Wer aber allein ist, leugnet das, denn er ist unsozial. Aber dass er darum gleich in der Lage sein sollte, es zu vernichten, dieses Menschliche? Hart wird es allerdings in der dritten und letzten Strophe.

Womöglich muss man dieses Gedicht politisch lesen: Es entstand im Juli 1936, in einer Zeit, in der Gottfried Benn, der drei Jahre zuvor den jungen politischen Emigranten erklärt hatte, warum er nicht mit ihnen sein, sondern lieber bei den Nazis bleiben wolle, so alleine war, wie man sich nur denken kann. Am 2. Mai war er 50 Jahre alt geworden. Am 7. Mai war sein Band „Ausgewählte Gedichte“ in der SS-Zeitung „Schwarzes Korps“ so besprochen worden: „Gib es auf, Dichter Benn, die Zeiten für derartige Ferkeleien sind endgültig vorbei“, und der „Völkische Beobachter“ hatte am folgenden Tag eine zustimmende Zusammenfassung dieser klaren Ansprache gebracht. Formstill sieht den Dichter Benn die Vernichtung an. Doch ist diese Form von Alleinsein – so nah den Klippen, dass der Alleinseiende vor Wut die anderen vernichten könnte, weil er sich die eigene Vernichtung gegenwärtigen muss – in unserer sozialdemokratisch durchpflügten Demokratie wohl eher nicht mehr zu haben, zum Glück.

Heute ist allein, wer keinen so genannten Lebenspartner hat. Zur Strafe wird er „Single“ genannt. Einst bezeichnete man so die kleinen Schallplatten, mit denen ein einzelnes Lied unters Volk gebracht werden sollte. Zwar hatte auch so eine kleine Schallplatte zwei Seiten, aber nur, weil es nun einmal zum Wesen der Schallplatte gehört, zwei Seiten zu haben, denn es zählte doch immer nur die A-Seite. Die B-Seite hörte sich keiner an.

Wer allein ist, hat eine Vorderseite, die die Welt sieht, und was dahinter ist, weiß keiner und interessiert auch keinen. Das macht das Alleinsein schlimm und mit der Zeit immer schlimmer, bis es kein Zurück mehr gibt ins menschliche Getriebe. In meiner Chronik schrieb ich 2003: „Einsamkeit macht dumm, weil eine Überprüfung des eigenen Weltbildes so schwer möglich ist, wenn keiner ernsthaft mit einem redet. Daher kommen dann die Schrullen, aber mehr noch kommen die vom Ungeliebtsein. Wer ungeliebt ist, hat Schrullen statt liebenswerter Eigenheiten. Die heißen heutzutage allerdings Defekte oder Defizite, aber die Bezeichnung ist egal: Es wird in der Beziehung gemeinsam daran gearbeitet, sie zu überwinden. Wer allein ist, dem werden seine Defekte, Defizite oder Eigenheiten jedoch nicht durch Liebe abgefedert (denn wenn keiner da ist, der sie lieben will, dann sind sie auch nicht liebenswert), sondern als Schrullen vorgehalten, wodurch die Leute ferngehalten werden, denn Schrullen sind anstrengend. So bleibt man allein, wird immer schrulliger und am Ende unerträglich.“

Dieses Alleinsein, das in jeder Hinsicht unmenschlich ist, weil der, der es lebt, unmenschlich wird, und weil die anderen, die es von Ferne sehen, den Menschen auf der Rückseite nicht mehr zur Kenntnis nehmen, so dass er gar nicht mehr vorhanden ist, dieses Alleinsein nennen wir Einsamkeit, und vor der verschließen wir jetzt sofort die Augen, weil sie gar zu traurig ist. Von den Einsamen soll hier keine Rede sein, sondern von den Alleinlebenden.

Kürzlich fand das Allensbach-Institut heraus, dass in Deutschland ein Drittel der Frauen keine Kinder will. Warum können Sie sich im Moment nicht vorstellen, ein Kind zu bekommen? 44 Prozent der Befragten antworten, dass ihnen der geeignete Partner fehlt.

Wer alleine lebt, hat eine Wohnung ganz für sich, einen leeren Kühlschrank, eine selten benutzte Waschmaschine, einen im Grunde überdimensionierten Herd, ein kaltes Bett und all diese Dinge, doch bedeutet es keineswegs, dass man alleine wäre, wenn man alleine lebt. Vielmehr ist Alleineleben eine Möglichkeit, sein Leben zu gestalten, die es erst gibt, seit einigermaßen Wohlstand vorhanden ist. Darum ist sie relativ neu. Erst musste die Wohnungsnot überwunden werden, dann die Geldnot, bevor Alleineleben etwas wurde, wofür man sich entscheiden kann, auch wenn man nicht reich ist. Alleineleben und Alleinsein gehören also nicht notwendig zusammen. Und es gibt genug Leute, die mit einem anderen Menschen fest verbandelt sind und trotzdem nicht mit ihm zusammenleben. Das heißt, natürlich schon zusammenleben, weil sie ihre zwei Leben ja aufeinander beziehen und auf die Dauer auch miteinander gestalten, aber beide haben eine eigene Wohnung; manche sogar nach der Hochzeit noch.

Nicht alleine zu leben, bedeutet, umgekehrt, nicht, nicht alleine zu sein. Positiver, zumindest verständlich ausgedrückt, wenn auch mit finsterer Miene hervorgestoßen: „Nirgends ist man so alleine wie in der Ehe.“ So spricht die geschiedene Frau, die zwar gerne geschieden, aber dennoch nicht gerne alleine ist und darum gerade die Tür sucht, die aus ihrem Alleinsein hinaus und zu den Männern zurück führt.

Andere Leute leben gerne alleine, und zwar unabhängig davon, ob nun ein so genannter Lebenspartner vorhanden ist oder nicht, und sprechen darum auch anders, nämlich so:

Edelgard, 57, Malerin in Berlin, lebt mit ihrer 17-jährigen Tochter zusammen. Sie hat in ihrem Leben insgesamt vielleicht fünf oder sechs Jahre mit einem Mann zusammengelebt und macht schon Pläne für die Zeit, wenn ihre Tochter ausgezogen sein wird. „Ich lebe gerne alleine“, sagt Edelgard, „weil es dann keine fremde Unordnung gibt. Meine eigene Unordnung macht mir nichts aus, eine fremde aber schon.“ (Die Besucherin findet es bei Edelgard weder besonders unordentlich, noch übermäßig ordentlich; es geht wirklich nur um den Unterschied zwischen eigener und fremder Ordnung.) Edelgard findet es schön, in eine leere Wohnung nach Hause zu kommen. Auch gefalle ihr sehr gut, nicht sprechen zu müssen, „also nicht dauernd angesprochen und, vor allem, nicht dauernd kommentiert zu werden“.

Wenn ihre Tochter einmal nicht da ist, stelle sie einen sehr schnell einsetzenden Sittenverfall bei sich fest, vor allem beim Essen. „Wenn meine Tochter da ist, koche ich immer schön und decke den Tisch mit allem Drum und Dran. Wenn sie nicht da ist, mache ich das nicht unbedingt.“ (Zivilisiertes Benehmen findet nur mit anderen Menschen statt. Wer sich in der Familie unzivilisiert benimmt, also keine Tischmanieren hat und sich nicht ordentlich anzieht, bezeugt damit seine Respektlosigkeit vor den anderen. Familien sind Brutstätten der Respektlosigkeit. Aber das ist ein anderes Thema.) Als Problem des Alleinelebens empfindet es Edelgard, dass sie sich für Spaziergänge oder Ausflüge jedesmal verabreden muss, weil keiner da ist, der schnell mal mit um den Block geht. Das ständige Verabreden sei schon anstrengend.

Die 38-jährige Heidemarie ist Geschäftsführerin einer Großgärtnerei auf dem flachen Lande und lebt alleine in dem Haus, das sie sich hat bauen lassen: „Ich bin meistens schon gerne alleine“, sagt sie, „weil ich dann keine Rücksicht nehmen muss und unbeobachtet und unkommentiert so sein kann, wie ich will.“ Also auch hier der Abscheu vor dem Angesprochenwerden. „Am Mittwochabend fände ich es aber manchmal schon nett, wenn noch jemand da wäre.“ Heidemaries Freund arbeitet nämlich woanders, darum sehen sie sich in der Regel am Wochenende statt am Mittwoch. „Das Problem ist, dass ich mich immer selber aufraffen muss, um etwas zu unternehmen, dass mich keiner anschubst. Andererseits vergesse ich immer wieder, dass ich niemandem Rechenschaft schuldig bin und einfach so zur Tür hinausgehen könnte, ohne dass ich es ankündigen oder erklären oder rechtfertigen müsste.“

Zurück in Berlin, besuchen wir den Sachbuchautor Heinrich. Er ist 66 Jahre alt und lebt seit 36 Jahren, seit seiner Scheidung nach sieben Jahren Ehe, in derselben Wohnung alleine. Er hat weder einen Fernseher, noch ein Radio, noch eine Waschmaschine („Ich bringe meine Wäsche immer weg“), besitzt aber eine Stereoanlage und einen Computer ohne Internetanschluss. „Ich habe das damals nicht beschlossen, nicht wieder zu heiraten. Vielmehr hatte ich im Rahmen meiner großen Liebe durchaus Anwandlungen, wieder zusammenzuziehen, aber dann gab es immer so viel Streit und Wohnungstürschlagen, dass sich das erübrigt hat. Am Anfang empfand ich das Alleineleben durchaus als Defizit, weil ich dachte, es sei normal, mit jemandem zusammenzuleben, und ich wollte ja gerne normal sein. Aber so nach zehn Jahren, als ich 40 war, fand ich dann das Alleineleben normal. Ich finde, es hat keinerlei Nachteile, sondern vor allem den Vorteil, dass man nicht mit jemandem zusammenleben muss. Es ist die Abwesenheit eines störenden Faktors.“ Jean-Paul Sartres eingängigem Satz „L’enfer, c’est les autres – Die Hölle, das sind die anderen“ stimmt Heinrich durchaus zu. Allerdings möchte er nicht mehr alleine verreisen. Auf Reisen ist er also den ganzen Tag mit seiner Freundin zusammen, und wenn sie nach Berlin zurückkommen, freuen sich beide auf ihre eigene Wohnung. Außerhalb seiner Wohnung ist Heinrich keineswegs menschenscheu. „Ich habe gerne Gemeinschaftserlebnisse, in der Kneipe zum Beispiel; Gespräche finde ich herrlich. Wenn ich anschließend nach Hause gehe, empfinde ich keinerlei Kälte oder Einsamkeit, sondern freue mich auf meine Wohnung.“

Wer alleine lebt, hat einfach seine Ruhe, vielleicht kann man das so zusammenfassen. Er muss sich beim Frühstück weder seines eigenen verquollenen Gesichts schämen, noch ein solches ertragen, hat exakt den Grad an Ordnung oder Unordnung, der ihm passt, und muss sich vor allem keine Kommentare anhören. Darum sind Gespräche mit Alleinelebenden wirklich welche: Sie gehen nämlich nicht im permanenten Alltagsgequassel unter, sondern sind als Einzelereignisse wahrnehmbar.

Leute, die gerne alleine leben, sind welche, die sich auf einen konzentrieren. Die sich, wenn man sich mit ihnen verabredet hat, darauf freuen, mit einem zu sprechen, weil sich ihr Reden nicht abgenutzt hat in Fragen wie: „Hast du meinen Kalender gesehen? Ist denn keine Butter mehr da? Kannst du mal ans Telefon gehen?“ und ihr Hören nicht in Bemerkungen wie: „Dauernd suchst du deinen Kalender. Wenn du schon so viel Butter isst, dann kauf’ halt auch welche. Ich geh’ nicht ans Telefon, es ist ja eh für dich.“ In der Begegnung mit bewusst alleine lebenden Leuten ist zivilisiertes Benehmen gewiss, weil es ihnen leicht fällt, den anderen zu respektieren – gerade, weil sie nicht permanent mit ihm und von ihm konfrontiert sind.

So ist das Alleineleben die tägliche Weltflucht, die es ermöglicht, der Welt aufmerksam zu begegnen, weil man selbst bestimmen kann, wann und wie man ihr begegnet. Und dann sind die anderen dem Alleinelebenden nicht die Hölle, sondern eine Freude. Lasst alleinelebende Menschen um mich sein!

Iris Hanika, 42, lebt als freie Autorin in Berlin, und zwar alleine. Das Zitat stammt aus ihrem bei Suhrkamp erschienenen Band „Das Loch im Brot“. Im Mai erscheint dort „Musik für Flughäfen“.

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