Zeitung Heute : „Ich werde überall auf der Welt gefragt, wie es Knut geht“

Im Nürnberger Zoo wird ein Eisbärbaby mit der Flasche aufgezogen. Spielen Zoos bei der Erhaltung seltener Tierarten eine Rolle, Herr Flasbarth?

Zoos haben in erster Linie einen Bildungsauftrag. Sie können über die exotische Artenvielfalt aufklären. Wer Kinder hat, weiß, wie erfolgreich diese praktische Anschauung sein kann. Inzwischen werden in Zoos auch nicht mehr einfach nur Tiere nebeneinander in viel zu kleinen Käfigen gehalten. Stattdessen wird versucht, über Lebensräume zu informieren und sie so gut wie möglich nachzubilden. Außerdem haben es sich viele Zoos zur Aufgabe gemacht, auch über die vielfältigen Bedrohungen von Tierarten zu informieren. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Millionen Menschen jedes Jahr die deutschen Zoos besuchen. Aber es sind bestimmt mehr, als ich in Naturschutzzentren geführt habe, als ich noch beim Nabu gearbeitet habe.

Haben Zoos nur einen Bildungsauftrag?

Nein. Die meisten Zoos beteiligen sich auch an sogenannten Erhaltungszuchtprogrammen. Damit soll sehr gefährdeten Arten geholfen werden, zu überleben. Die Zoos arbeiten dafür weltweit zusammen und tauschen beispielsweise Individuen aus, um solch sehr gefährdeten Populationen wieder auf die Beine zu helfen. Es gibt eine ganze Reihe von erfolgreichen Auswilderungsprogrammen, an denen Zoos aus aller Welt beteiligt waren und sind.

Aber Eisbären wird man kaum wieder auswildern können …

Das stimmt. Aber wenn Sie sich diesen Hype um Knut ansehen – und wir stehen ja wohl vor einer zweiten solche Welle in Nürnberg –, dann sehen Sie auch, dass die Haltung dieser Tiere in Zoos eine Emotionalität in das Thema bringt, die anders nicht zu erreichen ist. Ich werde überall auf der Welt gefragt, wie es Knut geht. Dieses Eisbärbaby war weltweit eine Nachricht wert. Nicht umsonst hat Umweltminister Sigmar Gabriel die Patenschaft für Knut übernommen. Denn er symbolisiert die Themen Bedrohung der Artenvielfalt und Klimawandel, weil sein eigentlicher Lebensraum in der Arktis sowohl von der globalen Erwärmung als auch von wirtschaftlichen Nutzungen bedroht wird. Knut ist deshalb unser Symboltier für die UN-Naturschutzkonferenz im Mai in Bonn geworden.

Knut ist also ein lebender Beweis für den Nutzen von Zoos geworden?

Die Zoos beziehen ihre Legitimität nicht nur daraus, dass sie einen Beitrag zur Arterhaltung leisten. Allerdings müssen dazu die Haltungsbedingungen stimmen. Daran arbeiten die meisten ernstzunehmenden Zoos. Sie zeigen weniger Tier, aber dafür auf größeren Arealen, die dem jeweiligen Lebensraum näher kommen. In Zukunft müssen Zoos aber auch dahin kommen, darauf zu verzichten, Tiere aus der Wildnis einzufangen, um sie in Gefangenschaft zu halten. Es gibt genügend Nachwuchs in den Zoos, die auch für andere Tiergärten herangezogen werden können.

So gesehen hat es dann ja doch einen Sinn, kleine Eisbären nicht sich selbst zu überlassen, sondern mit der Flasche aufzuziehen, oder?

Ja, genau.

Jochen Flasbarth (45) ist seit 2001 Abteilungsleiter Naturschutz im Bundesumweltministerium. Zuvor war er Präsident des Umweltverbands Nabu. Mit ihm sprach Dagmar Dehmer.

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