Zeitung Heute : "Ich wüßte gern, mit wem ich spreche"

GERWIN KLINGER

Robin Hirsch und Leo Glueckselig zum Auftakt der Lesungsreihe "Germany - seen with jewish eyes" in der Berliner KunstbibliothekGERWIN KLINGERDienstag, 18 Uhr, etwa 25 Personen haben sich in der Berliner Kunstbiliothek versammelt.Die 11.Jüdischen Kulturtage beginnen ihre Lesungsreihe "Germany - seen with jewish eyes".Sie ist gedacht als "Ergänzung und Kontrapunkt" (Andreas Nachama) zur Deutschlandbilder-Ausstellung.Deutschland - welches Bild machen sich Juden, welche Erfahrung nehmen sie mit, wenn sie heute dieses Land besuchen, das vielleicht einmal Heimat war? Der erste Abend gehört Robin Hirsch.Er ist ein Multitalent aus New York: Intendant einer Kleinkunstbühne, Betreiber eines Cafés in Greenwich Village, das ein Treffpunkt jüdischen Lebens ist, Autor des autobiographischen Romans "Last Dance at the Hotel Kempinski", der sein deutsch-jüdisches Schicksal verarbeitet.Er ist ein Kind des Exils, geboren in England, wohin seine Eltern 1938/39 flohen.Beide sagen sich in der Emigration von ihrer Heimat los, sprechen nur noch im Hause Deutsch und Schweigen über diesen Teil ihres Lebens.Ein Schweigen, als dessen Subtext der Junge beim Vater Verbitterung hört, bei der Mutter Angst. In der ersten Hälfte der 60er Jahre ist er für eineinhalb Jahre in Deutschland, als Anglist in Bochum und Münster.Die Kollegen sind nett, doch es gibt auch die Szenen, wo sich der Boden zu öffnen scheint.Etwa, wenn die Zimmerwirtin sich über den deutsch klingenden Namen des Engländers wundert."Sind Sie vielleicht Jude?" Dann bricht es aus ihr heraus: "Jude! Jude! - Scheiß-Jude! Ihr habt meinen Mann umgebracht!" "Sind Sie vielleicht Jude?" Diese Frage mobilisiert schlagartig die ganze Brutalität und Dummheit, mit der hierzulande das Wort Jude ausgesprochen werden kann.Wenig später die beinahe gleichlautende Frage von Hirsch an seine Zuhörer: "Ich wüßte gern, zu wem ich spreche.Wer ist Jude?" Drei Hände gehen nach oben."Wer Nicht-Jude?" Die übrigen melden sich.Die Worte machen kaum den Unterschied und doch ist er mit Händen greifbar.Eine wohlmeinend-interessierte Frage, zwanglos und ohne Peinlichkeit, dazu angetan, die Fremdheit im Raum aufzulösen, Autor und Publikum einander näher zu bringen. Am Mittwoch Abend begrüßt Andreas Nachama den Ehrengast der Jüdischen Kulturtage, Leo Glueckselig.Mit wachen Augen, sanfter Stimme und bezwingender Bescheidenheit trägt der alte Mann seine Bedenken gegenüber dem Titel der Reihe vor.Er glaubt nicht, daß es "jüdische Augen" gibt, sondern, daß es Augen gibt, die "sehr viel Leid" gesehen haben.Das Judentum sei sehr vielfältig und habe viele Nationalitäten."Wir alle waren die Opfer, wurden zur Gemeinschaft im Holocaust." Die Schwierigkeit sei es, mit dem Holocaust "wirklich leben zu können." Dann geht er, wie um diesen Punkt zu illustrieren, ins Erzählen über.Nach Schreckenserfahrungen im Gestapo-Keller floh er aus Wien in die USA.Zur Last wurde die Verbitterung in der Flüchtlingskolonie, wo viele sich von ihrem "deutschen background" lossagten.Er hat heilsamen Kontakt zu einem Literaten-Stammtisch deutscher Emigranten, dessen spiritus rector Oskar Maria Graf war, der sich sträubte, Englisch zu lernen, um das deutsche Schreiben nicht zu verlieren.Schließlich meldete sich der überzeugte Pazifist zur Armee, weil es ihm unerträglich ist, daß nur junge Briten und Amerikaner etwas gegen Hitler tun.Beim Transport von deutschen Kriegsgefangenen überkommen ihn Angst und Rachegefühle.Er gibt dem Impuls, sie zu erschießen, nicht nach und wird so sein Haß los."Sonst hätte Hitler schließlich doch gesiegt." Dann beantwortet er Fragen: Seine Reise nach Wien sei "Wallfahrt" gewesen.Die Stadt, die er vor 40 Jahren verließ, war vom Verfall gezeichnet, "arm und traurig".Jetzt sei Wien so "sauber und reich" wie eine Stadt in der Schweiz.An Wien denkt Glueckselig mit dem sentimentalen Wort "Heimat", das "Zuhause" aber sind ihm die USA geworden."In Wien leide ich.Es war meine Stadt und kann es nicht mehr sein.Ein abgebrochener Stamm." Die Reihe wird fortgesetzt mit Zalmen Mlotek (16.11), Karen Franklin (19.11), Marcia Prager (20.11.), jeweils 18 Uhr in der Kunstbibliothek auf dem Kulturforum.

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