Zeitung Heute : Identitätskrücken

STEFANIE DÖRRE

Hanno Loewy über Versöhnungsrituale der "zweiten Generation"STEFANIE DÖRREDie Diskussion um ein zentrales Holocaust-Denkmal war nicht das Thema des Vortrags von Hanno Loewy im Jüdischen Gemeindehaus, doch seine Argumentation spitzte sich darauf zu."Dieses deutsche nationale Denkmal versucht letztlich, so etwas wie eine Identitätsstiftung des neuen Deutschland nach der Vereinigung aus Auschwitz zu schöpfen." Der Direktor des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt (Main), das Geschichte und Wirkung der NS-Verbrechen erforscht, stellte diese These voran.Im Mittelpunkt stand die Unmöglichkeit, der "negativen Symbiose" (Dan Diner), die Auschwitz für Juden und Deutsche bedeute, nachträglich Sinn zu verleihen.Loewy referierte mit einer Zitatmontage die Utopie von der wesenhaften Verwandtschaft zwischen Juden und Deutschen.In der zweiten Generation von Opfern und Tätern des Holocaust grassiere ein Bedürfnis nach "versöhnender Erinnerung".Beide Seiten fänden in der Erfahrung zusammen, Opfer der Geschichte ihrer Eltern zu sein. Einer solchen Analogie der Erfahrungen widersprach Loewy."Zweite Generation" treffe nur auf die Nachkommen der Opfer zu; deren Eltern hatten als Überlebende das Gefühl, ein neues Geschlecht zu begründen.Eine vergleichbare Generationengrenze existiere für nicht-jüdische Deutsche keineswegs, deren Erfahrung könne nicht pauschalisiert werden, da sie Kinder von Tätern, Mitläufern, Zuschauern wie auch von Widerständlern sind.Solche Differenzen kaschiere man mit "Ritualen der Versöhnung".Sprachlosigkeit in der eigenen Familie lasse sich durch ein gemeinsames Sendungsbewußtseins der Nachgeborenen nicht überwinden.Trotzdem sei das Bedürfnis groß, die eigene zerrissene Identität am Ersatzobjekt zu heilen, also in der Versöhnung zwischen Deutschen und Juden statt zwischen Eltern und Kindern.An solchen Versöhnungstreffen nähmen vor allem junge Juden aus Israel und den USA teil, in Deutschland lebende Juden würden dabei häufig als Störfaktoren wahrgenommen. "Identitätskrücken" nannte Loewy solche Rituale.Die zugrundeliegende Verunsicherung habe damit zu tun, daß Israel auf dem Spannungsfeld Volk - Religion - Staat gegründet sei, und mit der Beunruhigung, die für Deutsche vom Holocaust ausgehe.Die deutsche Gesellschaft suche wieder ihre Mitte."Statt die Einwanderungsgesellschaft politisch zu gestalten, beziehen sich nun Versuche der Stiftung eines Gründungsmythos ausgerechnet auf die Vernichtung der Juden und die gemeinsame Schuld von Ost und West am Nationalsozialismus." So werde durch Auschwitz-Überlieferung auch "ethnische Identität zementiert" - siehe Holocaust-Mahnmal.

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