Zeitung Heute : Ihre Exzellenz

Tilmann Warnecke

Die Entscheidung, welche Universitäten beim Exzellenzwettbewerb im Rennen bleiben, ist gefallen. Wie hat der Wettbewerb bisher die deutsche Hochschullandschaft verändert?


Wie prestigeträchtig der Titel „Eliteuniversität“ ist, merkten die drei Sieger der ersten Wettbewerbsrunde gleich nach der Entscheidung im vergangenen Oktober. Ein Mobilfunkunternehmen kündigte an, es wolle die neuen Eliteunis mit einer „zweistelligen Millionensumme“ unterstützen und ihre Standorte technisch hochrüsten. An der Technischen Universität München, die mit der benachbarten Münchner LudwigMaximilians-Uni und der Uni Karlsruhe zu den ersten Siegern gekürt wurde, war das das Startsignal für eine ganze Reihe von Sponsoren. Ein Automobilkonzern will zehn Millionen Euro für ein neues Forschungszentrum spenden. Eine Chemiefirma investiert sechs Millionen, eine Million kommt von einem privaten Stifter. Mit einem Luft- und Raumfahrtunternehmen verhandelt TUChef Wolfgang Herrmann derzeit. „Die Schlagzahl beim Fundraising hat sich seit der Eliteentscheidung deutlich erhöht“, sagt Herrmann.

Auf einen ähnlichen Imagegewinn können jetzt acht weitere Unis hoffen, darunter aus Berlin die Humboldt- und die Freie Universität. Sie wurden als Finalistinnen für die zweite Runde nominiert, die im Oktober entschieden wird. Für US-Verhältnisse mag es sich bei den Sponsorenerfolgen zwar um vernachlässigenswerte Beträge handeln. Für eine deutsche Hochschule , die laut einer Studie nur in Einzelfällen mit einer siebenstellige Summe pro Jahr an Sponsorengelder rechnen kann, sind die zusätzlichen Millionen ein Segen. Schließlich bekommen die Unis sie zusätzlich zu den 21 Millionen Euro, die sie pro Jahr für den Elitestatus ausgegeben dürfen. Und die höhere Attraktivität für Sponsoren ist nur ein Beispiel, welche Aufmerksamkeit der Wettbewerb auf die Sieger zieht – und wie er das homogene deutsche Hochschulsystem kräftig durcheinanderschüttelt.

So habe sich auch im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe das Standing seit der Elitekür stark verbessert, heißt es aus Karlsruhe und München. An der Ludwig-Maximilians-Uni sind die Anfragen von US-Nachwuchsforschern stark gestiegen. Die TU München habe zehn deutsche Topwissenschaftler zurückverpflichten können, die vorher im Ausland forschten, sagt Herrmann.

Die Chefs der Eliteunis fordern, für die staatlichen Zuschüsse müsse künftig noch stärker das Matthäus-Prinzip („Wer hat, dem wird gegeben“) gelten. Das Geld dürfe nicht mehr „mit der Streusandbüchse“ verteilt werden, sagt Horst Hippler, Rektor der Uni Karlsruhe. Hippler glaubt, dass sich die Hochschullandschaft „sehr schnell stark verändern“ werde. Wie in den USA werde es einige wenige Leuchttürme der Forschung geben, die in ihrer ganzen Breite spitze seien. Es folge eine kleine Zahl an Unis, die nur in einzelnen Fächern forschungsstark seien. Der große Rest konzentriere sich auf die Lehre. Dass der Wettbewerb „zur finanziellen Umschichtung zwischen den Unis führen wird, ist politisch so gewollt“, bekräftigte gestern Peter Strohschneider, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats.

Eine Entwicklung, die andere Hochschulen mit gemischten Gefühlen sehen. Sie befürchten eine neue Zweiklassengesellschaft. Der Politologe Herfried Münkler prognostiziert, dass Deutschland bald „eine Unterschichtendebatte“ um seine Unis führen werde. Kritiker wenden ein, Deutschland gebe ohne Not Stärken preis. Die Konzentration auf wenige Unis führe im Gegenzug zu einem massiven Abbau bestehender Exzellenz an anderen Hochschulen. Dieser sei womöglich viel zu groß, als dass er durch die Eliteunis ausgeglichen werden könne.

Zugleich führt der Wettbewerb innerhalb der Hochschulen zu einer Konzentration der Mittel. Seine Uni werde in den nächsten Jahren „tiefgreifend umgestaltet“, sagt Herrmann. Mehrere Millionen stecke die TU in neue Fächer, die sie als zukunftsträchtig identifiziert habe. Weniger erfolgversprechende Bereiche müssen zurückstecken. Insbesondere die Geisteswissenschaften fürchten, an den Rand gedrängt zu werden.

Könnten auch Studenten Leidtragende des Wettbewerbs sein? In München und Karlsruhe sollen Topprofessoren länger als bisher von Vorlesungen und Seminaren freigestellt werden, um sich ganz der Forschung zu widmen. Die Gefahr, dass die Lehre vernachlässigt werde, sei groß, gibt Herrmann zu. Die Eliteunis müssten sich bewusst machen, „dass die Lehre nicht zweite Wahl sein darf“ – und sie müssten die Angebote für Studenten entscheidend verbessern.

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