Zeitung Heute : "Illegale": Touristen mit festen Absichten

Stephan Israel

Die Maschine aus Istanbul landet pünktlich um 13 Uhr. Der Air Bosna-Flug Nummer 103 ist wie immer gut besetzt. Die Passagiere verlassen den Terminal des Flughafens Sarajevo einzeln oder zu zweit. Jeder hat nicht mehr als eine kleine Sporttasche als Gepäck mit dabei. Der angenehmere Teil der Reise geht jetzt zu Ende, und auf dem weiteren Weg möchte niemand überflüssigen Ballast dabei haben. Am Ausgang, beim Taxistand, stehen die schnauzbärtigen Männer in langen Mänteln oder kurzen Lederjacken in kleinen Gruppen zusammen. Einige klauben einen Zettel aus der Hosentasche. Die Kommunikation mit den bosnischen Taxifahrern fällt nicht einfach, doch diese kennen ihre Kundschaft schon: Auf den zerknitterten Zetteln steht die Adresse der ersten Zwischenstation auf einer langen Reise. Die Maschine aus Istanbul bringt sechsmal wöchentlich Türken, Kurden, Iraner und neuerdings Tunesier nach Sarajevo, und immer wiederholen sich dieselben Szenen. Die Männer zwängen sich zu dritt oder zu viert in ein Taxi, und in der Regel verliert sich dann ihre Spur.

Im tristen Motel Sinovi Drini direkt beim Bahnhof oder in der einfachen Herberge Konac nahe der Altstadt kann man die Männer wieder finden. Und im Stadtteil Povalici, in den Einfamilienhäusern rund um das Hotel Palas, sind permanent Passagiere vom Flug 103 diskret untergebracht. Manchmal gehen zwei zusammen im kleinen Laden unten an der Humska Straße etwas Brot und eine Flasche Cola einkaufen. "Wir sind als Touristen hier", sagt einer wie auf Kommando in gebrochenem Deutsch. So auch der Tenor später in einem der Keller, in dem sich ein Dutzend Kurden um einen wärmenden Holzofen drängen.

Man zahlt zehn Mark für die Nacht auf den einfachen Matratzen. "Ich bleibe eine Woche und fliege dann wieder zurück", behauptet der Wortführer im verrauchten Keller. Andere aus der Gruppe, gesteht er später, hätten durchaus weitergehende Pläne. Man wartet ein paar Tage im Keller, bis man an der Reihe ist. Jeden Abend kommen Taxis und holen einige der Männer aus den Kellern an der Humska Straße.

Die Passagiere von Flugnummer 103 sind zwar als Touristen von Bord gegangen und haben alle ein Retourticket in der Tasche. Kaum einer interessiert sich jedoch für Sightseeing. Also sind die Maschinen auf dem Rückflug leer. Im vergangenen Jahr sind über diese "Luftbrücken" je rund 12 000 türkische und iranische Staatsbürger nach Bosnien-Herzegowina gelangt. Zum regelmäßigen Linienflug kommen manchmal noch zusätzliche Charterverbindungen. Die Bürger der "befreundeten" muslimischen Staaten brauchen für Bosnien kein Visum. In Sarajevo geht der legale Teil der Reise zu Ende. Die Passagiere werden von Schleppern in Empfang genommen und ans eigentliche Reiseziel in Westeuropa weiter geschleust. Bosnien ist nicht das einzige Tor Richtung Westen. Die Balkanstaaten sind generell zur Durchgangsstation für Emigranten aus Asien, Nahost und China geworden. Die Grenzen sind löcherig und die unterbezahlten Polizisten notorisch korrupt.

Das Belgrader Regime etwa pflegte zudem während der Ära von Milosevic gute Beziehungen mit Peking. Die jugoslawische Botschaft in der chinesischen Hauptstadt stellte bereitwillig Touristenvisa aus. Wöchentlich landeten zwei voll besetzte DC10 auf dem Belgrader Flughafen. Nach Schätzungen sollen mehrere zehntausend Chinesen auf diesem Weg nach Belgrad gelangt sein. Dort blüht in einem chinesisch dominierten Viertel inzwischen der Handel. Doch auch Belgrad ist meistens nur Zwischenstation. Albanien oder Montenegro gelten ebenfalls als Transitländer für Asylbewerber und Emigranten, die in kleinen Schnellbooten über die Adria nach Italien gebracht werden. Bosnien-Herzegowina ist in der Region derzeit jedoch die bevorzugte Drehscheibe. Schlepper haben im vergangenen Jahr 50 000 Menschen oder zehn Prozent aller illegalen Einwanderer über Bosnien nach Westeuropa gebracht. Davon landete die Hälfte zuerst einmal am Flughafen von Sarajevo.

Nur ein schmaler kroatischer Küstenstreifen trennt Bosnien von der Adria. Und wer erst einmal im Schengen-Land Italien angekommen ist, hat praktisch freie Fahrt. Andere versuchen den Weg über Kroatien und Slowenien nach Österreich. Die Reise ist allerdings nicht gefahrlos: Beim Versuch, die bosnisch-kroatischen Grenzflüsse Una und Sava zu überqueren, ist es im vergangenen Jahr zu drei tödlichen Unfällen gekommen: 30 Türken und Iraner starben. Es vergeht zudem kaum ein Tag, dass die kroatischen Behörden nicht die Festnahme illegaler Einwanderer melden. Kroatien hat im vergangenen Jahr über 20 000 "Illegale" auf dem Weg Richtung Westeuropa gestoppt.

In Bosnien-Herzegowina, dem eigentlichen Schlupfloch, werden Gegenmaßnahmen nur schleppend ergriffen. Der Zentralstaat im geteilten und kriegsversehrten Land ist besonders schwach. Zwischen der bosnischen Serbenrepublik und der muslimisch-kroatischen Föderation werden notwendige Informationen nicht ausgetauscht. Und manch einer kassiert mit im lukrativen Geschäft mit den Illegalen: Die bosnischen Mittelsmänner dürfen von den zweitausend bis 10 000 Mark pro "Passagier" auch etwas abbekommen. Im vergangenen Jahr musste deshalb die Protektoratsbehörde des Hohen Repräsentanten (OHR) Wolfgang Petritsch gegen den Willen der lokalen Politiker ein Gesetz verordnen, das den Aufbau einer einheitlichen Grenzpolizei für Bosnien-Herzegowina vorsieht. Der Aufbau der Truppe macht jedoch unter Anleitung der UN-Mission in Sarajevo nur langsame Fortschritte. Knapp ein Jahr nach dem Start des "State Border Service" (SBS) kontrolliert die neue, multiethnisch zusammengesetzte Einheit erst vier von insgesamt 41 offiziellen Übergängen an der 1616 Kilometer langen, oft unwegsamen Grenze.

Im Budget des bosnischen Zentralstaates fehlen die Mittel für einen schnelleren Aufbau einer effektiven Grenzpolizei. Doch auch die internationalen Geldgeber hätten den Ernst der Lage nicht erkannt, kritisiert ein westlicher Vertreter in Sarajevo. Auf Druck des Westens haben die bosnischen Behörden Ende vergangenen Jahres immerhin die Visumspflicht für iranische Staatsbürger eingeführt. Die sechs wöchentlichen Maschinen aus Istanbul bringen jedoch noch immer jeden Monat rund tausend Passagiere nach Sarajevo. Die Zahl der "Touristen" aus dem Iran sei zwar seit der Einführung der Visumspflicht stark geschrumpft. Die Schlepper hätten aber offenbar schnell umdisponiert, vermutetet Douglas Coffmann, Sprecher der UN-Behörde in Sarajevo: Den Platz der Iraner haben seit kurzem Transitreisende aus Tunesien eingenommen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar