Zeitung Heute : Im Angesicht der Schrecken

Die Meldungen von Anschlägen und Toten im Irak nehmen auch ein Jahr nach dem Einmarsch noch kein Ende. Militante Islamisten halten das Land fest in ihrem Bann. Nicht nur die Amerikaner, ihre Verbündeten und die Iraker sind betroffen – der Terror ist Alltag geworden. Und das auf der ganzen Welt.

Frank Jansen

EIN JAHR DANACH – WIE DER IRAKKRIEG DIE WELT VERÄNDERTE

Die Schreckensmeldungen gehören fast schon zum Frühstück dazu. Schwere Explosion in Bagdad, US-Soldaten in Falludscha getötet, Selbstmordattentäter sprengt sich und Dutzende Iraker in die Luft, Hotel mit mehreren Raketen beschossen, zahlreiche Tote bei Anschlag auf schiitische Moschee, Autobombe detoniert vor jordanischer Botschaft – kaum ein Tag vergeht, an dem aus dem Irak keine Anschläge gemeldet werden. Und sich der body count, wie die Amerikaner einst in Vietnam das Zählen toter Partisanen nannten, nun zu Lasten der USA und ihrer Verbündeten verändert. Nach dem großen, rasch beendeten Krieg der Armeen ist der Terror des Kleinkriegs zu einem permanenten Begleiter mutiert. Mit weltweiter Ausstrahlung. Was im Irak passiert, müssen alle Staaten zur Kenntnis nehmen, ob sie nun die Amerikaner unterstützen oder abseits stehen, wie Deutschland und Frankreich. Der Terror ist jetzt Alltag. Das Synonym des Schreckens lautet schlicht „Irak“.

Diese Eskalation war absehbar. Vor dem Beginn des amerikanisch-britischen Angriffs am 20. März 2003 – vor exakt einem Jahr – hatten Experten gewarnt: Bei einem Krieg im Irak würden die alliierten Truppen nicht nur der Armee Saddam Husseins gegenüberstehen, sondern auch mit zahllosen Guerilleros konfrontiert. Es war hochwahrscheinlich, dass saddamtreue Fedajin einen Kleinkrieg vorbereiteten. Und dass Al Qaida und das internationale Netz des islamistischen Terrors nur darauf warteten, sich auf einem neuen Schlachtfeld den Ungläubigen entgegenzuwerfen. Am 10. Februar 2003 zeigte der katarische Fernsehsender Al Dschasira ein Tonband mit einem Aufruf Osama bin Ladens, der den folgenden Horror Punkt für Punkt prophezeit: „Im Namen Gottes des Gnädigen und Allmächtigen. Dies ist eine Botschaft an unsere muslimischen Brüder im Irak. Wir verfolgen mit äußerster Sorge die Vorbereitungen der Kreuzfahrer, die ehemalige Hauptstadt des Islam zu besetzen.“ Dann kündigt der Al-Qaida-Chef das Bündnis mit den Saddam-Kämpfern an: „Es ist unter solchen Umständen nicht schlimm, wenn die Interessen der Muslime und der Sozialisten zusammentreffen im Krieg gegen die Kreuzfahrer.“

Und bin Laden nannte die zu erwartenden Terrormethoden: „Wir betonen die Bedeutung von Märtyreroperationen, denn diese Angriffe haben die Amerikaner und Israelis geängstigt wie nichts zuvor in der Geschichte.“ Märtyreroperationen – das sind die Selbstmordattentate nach dem Modell der Angriffe radikaler Palästinenser und lebensmüder Al-Qaida-Anhänger.

Es ist alles eingetroffen. Militante Islamisten und irakische Nationalisten attackieren im Gleichklang, womöglich auch Hand in Hand, die Soldaten der Amerikaner und ihrer Verbündeten. Und Westler überhaupt und alle als westlich geltenden Symbole – auch die Vereinten Nationen – sind Zielscheiben der Terroristen. Im August 2003 starben 22 Menschen, darunter der brasilianische UN-Sonderbeauftragte Sergio Vieira de Mello, bei der Detonation einer Autobombe vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen in Bagdad. Selbst Techniker, die beim Wiederaufbau helfen, trifft der Hass. Vergangenen Dienstag wurden nahe Kerbela ein deutscher und ein niederländischer Ingenieur erschossen. Sie versuchten, südlich von Bagdad die Wasserversorgung zu verbessern. Deutschland und Europa insgesamt werden außerdem von den Terroristen als Basis missbraucht. Ein Beispiel: Der Algerier Abderrazak M. hat im Frühjahr 2003 versucht, von Hamburg aus mit einer Gruppe Islamisten in den Irak zu gelangen. Offenbar gehörte M. zu einem Schleuser-Connection, die auch in Italien aktiv ist. Dorthin hat die Hamburger Justiz den zwischenzeitlich festgenommenen Algerier am Freitag abgeschoben.

Zunehmend werden, wie es bin Laden in der Aufruf auch angedroht hat, Iraker Opfer des Terrors. Auf den Tag genau ein Jahr nach der Ausstrahlung der Botschaft des Al-Qaida-Anführers sprengte sich südlich von Bagdad ein Attentäter in einem präparierten Auto vor einer Polizeiwache in die Luft. Die meisten der 50 Toten waren Zivilisten, die vor dem Gebäude standen, um sich für einen Job bei der Polizei zu bewerben.

Die Terroristen, vor allem die Islamisten der Gruppe Ansar al Islam und des Netzwerks von Abu Mussab al Sarkawi, bomben strategisch. Sarkawi plant, Sunniten gegen Schiiten zu hetzen, um den Irak in das Chaos eines gewaltigen Bürgerkriegs zu stürzen. Und in einem Al-Qaida-Papier vom Dezember 2003 wird nach Informationen des Magazins „Spiegel“ beschrieben, wie Spanien aus seinem Irak-Einsatz herausgesprengt werden soll. Die Anschläge von Madrid scheinen Teil dieser Strategie zu sein. Der tägliche Terror im Irak greift offenbar nicht nur über die grausigen Bilder der Medien nach den Europäern. Er bombt sich auch in sie hinein.

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