Zeitung Heute : Im Auge des Betrachters

Wo sich die Grenzen der Künste auflösen: Ein neuer geisteswissenschaftlicher Sonderforschungsbereich befasst sich mit dieser ästhetischen Erfahrung

Es gehört zur Dynamik der modernen Kunst, die Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst in Frage zu stellen und wieder neu zu ziehen. Auf diese Weise praktiziert sie ihre Freiheit, das Verhältnis zur außerkünstlerischen Wirklichkeit selbst zu bestimmen, und ihre Autonomie gegenüber außerkünstlerischen Ansprüchen. Seit einigen Jahren scheint das Interesse an dieser „Grenzperformanz“ der Kunst zu schwinden.

Beispielhaft zeigt sich dies am Konzept der vergangenen beiden „Documenta“-Ausstellungen 1997 und 2002. Deren Anliegen bestand darin, die Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst zu verflüssigen, um die Kunst dem vermeintlich leeren Spiel eines in sich kreisenden „Betriebssystems“ zu entreißen und ihr wieder eine größere gesellschaftliche Relevanz zu verleihen.

Zuweilen bis zur Ununterscheidbarkeit näherte sich die Kunst hier dem politischen oder soziologischen Diskurs an. Parallel dazu lässt sich, jenseits des Bereiches der Kunst, eine weitere Grenzverwischung beobachten: eine fortschreitende Ästhetisierung weiter Bereiche des Lebens, vom Umgang mit dem eigenen Körper bis zur Vermittlung politischer Inhalte. Die Wirklichkeit, die uns umgibt, erscheint zunehmend ästhetisch modelliert.

Eine zweite, sich in der jüngsten Vergangenheit beschleunigende Entgrenzungstendenz ereignet sich im Feld der Kunst selbst. Die meisten Kunstformen, die seit den 1960er Jahren entstanden – Konzeptkunst, Performance, Videokunst, Klanginstallation, neuerdings Computer- und Netzkunst –, zeichnen sich durch eine mehr oder minder ausgeprägte „Intermedialität“ aus und entziehen sich der Zuordnung zu den klassischen künstlerischen Disziplinen. Die Entwicklung scheint dahin zu gehen, den Plural der Künste durch den material und medial schwer zu definierenden Singular der Kunst zu ersetzen.

Diese unterschiedlichen Entgrenzungstendenzen bilden den Ausgangspunkt des Sonderforschungsbereichs „Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste“, den die Deutsche Forschungsgemeinschaft am 1. Januar 2003 an der Freien Universität Berlin einrichtete. Ganz bewusst wird der Begriff der Erfahrung in den Mittelpunkt gestellt. Denn angesichts der skizzierten Entgrenzungstendenzen muss die Frage nach dem Ästhetischen entschieden über den Bereich der Kunst hinaus erweitert werden. Offensichtlich sind in einer Vielzahl von Bereichen Erfahrungen zu machen, die sich mit den Erfahrungen an Kunstwerken sinnvoll vergleichen lassen – und gleichwohl nicht mit diesen identisch sind. So sind es drei Leitfragen, die am Anfang der nun begonnenen Arbeit stehen. Sie richten sich auf die Bestimmung der verschiedenen Erfahrungsformen und deren Verhältnis zueinander. Die erste lautet: Gibt es eine Eigenart ästhetischer Erfahrung? Die zweite: Lässt sich innerhalb des Ästhetischen eine Eigenart der Kunsterfahrung bestimmen? Und schließlich die dritte: Kann innerhalb der Kunst von einer besonderen Erfahrung der einzelnen Künste gesprochen werden?

Zugleich geht es dem Sonderforschungsbereich um eine Frage, die für das wissenschaftliche Tun immer drängender wird: Wie können die Kunstwissenschaften auf Entwicklungen reagieren, welche die Kunst der Zuordnung zu den verschiedenen Kunstwissenschaften zunehmend entziehen? Denn mit ihrer immer stärkeren medialen und konzeptuellen Vernetzung und ihrem Ausgreifen auf immer weitere, ehedem als nicht-künstlerisch begriffene Bereiche durchbricht sie den Fächerkanon, der bildende Kunst, Musik, Theater, Literatur oder Film noch deutlich voneinander scheidet.

Eine erste Antwort darauf stellt die interdisziplinäre Struktur des Sonderforschungsbereichs selbst dar. Er führt die in der wissenschaftlichen Praxis verstreut und oft ohne gegenseitige Kenntnis vorangetriebenen Forschungen unter einem gemeinsamen Dach zusammen. So wird der Austausch zwischen ihnen intensiviert, ja in manchen Fällen erst hergestellt. Indem der Begriff der ästhetischen Erfahrung in den Mittelpunkt gerückt wird, lassen sich zudem ältere, der Gegenwartskunst nicht mehr angemessene Definitionen des künstlerischen Gegenstandes überwinden.

Denn aus dieser Sicht meint „das Ästhetische“ oder „die Kunst“ weniger eine bestimmte materielle oder stilistische Eigenschaft von Objekten als vielmehr einen spezifischen Umgang mit ihnen. Dieser Umgang schließt sowohl das Subjekt, das die Erfahrung macht, als auch das Objekt, das erfahren wird, ein. Den Status und die Eigenart dieses Umgangs zu bestimmen: dieses Ziel haben sich die am Projekt beteiligten Forscherinnen und Forscher gesetzt. Über den Erfahrungsbegriff suchen sie einen Zugang zum künstlerischen Objekt, das auch in der Kunstpraxis der Gegenwart selbst immer stärker in den Vordergrund tritt. Man denke nur an die Tendenz der bildenden Kunst, den Betrachter nicht mit einem geschlossenen Objekt zu konfrontieren, sondern ihn ins Kunstwerk „eintauchen“ zu lassen. Dieses umschließt ihn als raumgreifende Installation oder als Videoprojektion, die gleichzeitig mehrere Bildschirme bespielt, und verwickelt ihn damit in einen Wahrnehmungsprozess, in dem Objekterfahrung und Selbsterfahrung ineinander fließen.

Am Sonderforschungsbereich, den der Kunsthistoriker Werner Busch als Sprecher leitet, arbeiten zur Zeit folgende Disziplinen zusammen: die Philosophie, die Kunstwissenschaften – also Literatur-, Kunst-, Musik-, Theater- und Filmwissenschaft –, die Klassische Philologie, die Indologie, die Wissenschaftsgeschichte sowie die Wahrnehmungs- und Kognitionspsychologie. Dreizehn Teilprojekte sind in drei Projektbereichen zusammengeschlossen. Der erste Bereich widmet sich den Transformationen der ästhetischen Erfahrung seit dem späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, der zweite der Spezifik der ästhetischen Erfahrung in den einzelnen Künsten, der dritte der Reichweite des Konzepts der ästhetischen Erfahrung in philosophischer, historischer, empirischer und kulturvergleichender Hinsicht.

Neben der FU beteiligen sich die Humboldt-Universität, die Universität Potsdam und das Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Projekt in der ersten Laufzeit – vier von maximal zwölf Jahren – mit rund vier Millionen Euro. In Nähe zum Botanischen Garten hat es so eben ein eigenes Haus beziehen können.

Der Autor ist Geschäftsführer des Sonderforschungsbereichs und Leiter des Teilprojekts „Mittelbarkeit und Unmittelbarkeit in der Kunst der Moderne“.

Weitere Informationen im Internet: www.sfb626.de

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