Zeitung Heute : Im Ball-Sechskampf unschlagbar

MARTIN HÄGELE

PARIS .Aleksandar Ristic wurde in Sarajevo im alten Jugoslawien geboren.Und er hat weder als Mensch, noch als Profi oder als Trainer irgendwann Probleme mit Kroaten gehabt.Der Experte aus der Bundesliga war einer der ganz wenigen, für den der kroatische Sieg im Viertelfinale keine Überraschung war.Daß solch ein kleines Land nun im Konzert mit vier Fußball-Großmächten um den Titel mitmischt, hängt für Ristic mit der Beziehung dieser Leute zum Ball zusammen: "Wenn es einen Sechskampf gäbe aus Fußball, Handball, Basketball, Wasserball, Tennis und Tischtennis, dann wäre Kroatien in dieser Disziplin der ewige Weltmeister".

Um zu begreifen, warum ein Land mit 4,5 Millionen Menschen so viele Ball-Stars besitzt, sollte man einmal nach Osijek fahren, der Heimat von Davor Suker, des derzeitigen Sporthelden.Schon der Blick auf die Straßen verrät eine außergewöhnlich sportliche Bevölkerung.In kaum einer anderen Stadt sieht man mehr Menschen in Sportkleidung.Scheinbar kommen in dieser Ecke des Balkans Kinder schon mit dem Trainingsanzug auf die Welt.Und bald darauf wachsen ihnen Turnschuhe oder Fußballstiefel unter die Sohlen ihrer Füße.

Das Faible für den Trainingsanzug, das offensichtlich auch ein nationales Bekenntnis einschließt, hält sich auch im Alter.Im Pressezentrum von Paris demonstrieren kroatische Journalisten den Zusammenhalt, indem sie in den "Hrvatska"-Anzügen die nächsten Heldensagen in ihre Laptops hacken.Jedesmal wenn er diese Anzüge sieht, fällt dem Schreiber ein Bild ein, das seit zwei Jahren in seinem Kopf sitzt.Es war der 10.April 1996, und einer der ganz wenigen Tage, an denen "Luko", der Platzwart des Stadions "Gradskivrt" von Osijek, einmal keinen Trainingsanzug trug.Es war das erste Länderspiel in der Stadt, durch deren Vororte eineinhalb Jahre zuvor noch die Front verlaufen war.Daß die kroatische Mannschaft mit Suker, Bilic und vielen Nachwuchskräften beim 4:1 gegen Ungarn mehr oder weniger Jojo gespielt hat, war weniger wichtig.Haften geblieben ist das feierliche Gesicht "Lukos", der sich staatstragend zurechtgemacht hatte mit Anzug und Krawatte.

So stand er da, den Spielball unter den linken Arm geklemmt, die Rechte am Herzen, allein im Mittelkreis, gut 20 Meter hinter den Mannschaften, während ein Blechorchester die Nationalhymnen schepperte.Später hat "Luko", der richtig Lukacevic heißt, seine Geschichte erzählt.Er war Mittelstürmer bei NK Osijek, für die "Plavi", die Blauen, wie die jugoslawische Nationalauswahl genannt wurde, war der Torjäger aus der Provinzstadt aber nicht in Frage gekommen.So zog er in die USA, kickte in der Soccer-League gegen Stars wie Beckenbauer, Pelé, Chinaglia, Cruyff und Gerd Müller.

Und an diesem modernen Legionärs-Leben der kroatischen Sportler hat sich nicht viel geändert.Nur, daß die Sukers, Bobans und Soldos heutzutage als Millionäre zurückkommen, wenn die Karriere vorbei ist.Am Sonntag haben sie alle im Wimbledon-Finale mit Goran Ivanisevic gezittert.Die Liste prominenter Kroaten liest sich wie ein "Who is Who" des Weltsports.Toni Kucoc wirft Körbe für die Chicago Bulls, die Wasserballer sind Europapokalsieger, die Handballer haben in Atlanta Gold gewonnen.Aber Weltmeister in der wichtigsten aller Sportarten? "Mit dem Halbfinale ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen", sagt Zvonimir Soldo vom VfB Stuttgart, "aber wieso soll der Traum nicht noch weiter gehen?"

Noch zu alten Ostblockzeiten haben auf dem Balkan vor allem Ballsportarten die Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg geboten.Mit dem Krieg kamen Patriotismus und Nationalismus als Kriterien fürs gesteigerte Prestige der Sport-Stars dazu.Interessant aber ist, wie natürlich die Bevölkerung mit ihren Helden umgeht.Auch umgekehrt verhält sich der Star normal.Er entzieht sich seinen Verehrern nicht in ungeahnte Dimensionen wie etwa Boris Becker/Steffi Graf oder wie deutsche Nationalspieler in die von Bodyguards abgeschottete Eigenwelt.

Es mache doch keinen Unterschied, daß er eine Rolex am Arm trage und der Junge, dem er gerade ein Autogramm schreibe, nur eine Swatch, hat Slaven Bilic (FC Everton) auf diese Frage mal geantwortet.Und noch dazu gesagt: "Wir sind vom gleichen Volk".Nicht nur, was den gepflegten Umgang mit dem Ball betrifft oder die gehobene Strategie und Taktik, auch im ganz normalen menschlichen Verhalten sind Soldo, Bilic und Kameraden echte Vorbilder.

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