Zeitung Heute : Im Bett mit Busch (Kommentar)

Gregor Dotzauer

Der Weg in die journalistische Öffentlichkeit ist kurz. Man braucht sich nur bei einem Banküberfall erwischen zu lassen oder bei einem Rendezvous mit Verona Feldbusch - schon steht man in der Zeitung. Unter Umständen sogar mit Bild. Der Weg in die Literatur ist dagegen weit und kaum kalkulierbar. Ob man in eine Romangestalt verwandelt wird, in eine lyrisch angerufene Muse oder eine Bühnenfigur, liegt im Ermessen des Autors. Ein Stoff ist, wozu er sich entscheidet, und das Material, das er verwendet, behaut er so lange, bis es zur Kenntlichkeit entstellt ist. Das heißt dann Stil. Man kann diesen Prozess weder verhindern noch zuverlässig fördern, indem man als tyrannischer Vater den Sohn (Franz Kafka oder Heiner Müller) drangsaliert oder dem schreibenden Partner die Hölle heiß macht (Philip Roth und Claire Bloom). Es kommt alles raus, aber eben nur vielleicht und irgendwie. Und dann ganz anders, als man denkt. Das ist das Unheimliche. Und das Gute: Der Staat weiß schon, warum er der Freiheit der Presse engere Grenzen setzt als derjenigen der Kunst. Fiktive Figuren brauchen keine Persönlichkeitsrechte.

Cornelius Busch ist fast beides: eine literarische Gestalt und eine öffentliche Person, jedenfalls wenn er seine Klage gegen den angesehenen Grazer Droschl Verlag und dessen Autorin Birgit Kempker aufrecht hält, die am 24. Februar vor dem Essener Landgericht zum ersten Mal verhandelt werden soll. Über seinen Anwalt fordert er die Vernichtung aller Exemplare von Kempkers bereits 1998 erschienenem Buch "Als ich das erste Mal mit einem Jungen im Bett lag", ein Schmerzensgeld von mindestens 15 000 Mark und die Erstattung diverser Spesen - darunter den Kaufpreis des Bandes in Höhe von 30 Mark. Was ist geschehen?

"In dem Buch", schreibt der Anwalt, "wird der volle Name des Klägers ca. 300 mal genannt." Eine erkleckliche Zahl von Nennungen betrifft dabei den litaneihaften Absatzeinstieg: "Als ich das erste Mal mit einem Jungen im Bett lag war es Cornelius Busch." Das will sich Busch auch literarisch nicht nachsagen lassen - gerade weil beide Seiten es für die Wirklichkeit leugnen. Der Text, darüber streitet niemand, hat Kunstcharakter. Fraglich ist, ob Busch, dessen Name so oft in Kempkers rhythmisch ziselierter Prosa wiederkehrt, bis er nur noch Klang ist, eine Kunstfigur geworden ist - oder ob die sexuellen Details dem irdischen Busch zugerechnet werden. Wieviel Verfremdung muss sein? Der Anwalt beruft sich auf ein Urteil, das 1999 Zoë und Matthias Jenny Recht gab, denen Martin Roda Becher eine inzestuöse Beziehung andichtete: Die Auslieferung seines Buches wurde gestoppt.

Die Sache ist deshalb heikel, weil die Wahl des Namens (mit Grüßen an Hieronymus Bosch und Wilhelm Busch) kein reiner Zufallstreffer ist. Es gibt eine - rund 25 Jahre zurückliegende - Beziehung zwischen Kläger und Beklagter, und es fließen biographische Kenntnisse über Busch ein, die ihn ein Stück weit identifizierbar machen: sein Zivildienst, sein Berufswunsch Pfarrer oder sein Beruf als Logotherapeut. Man kann sich durchaus vorstellen, dass die Autorin den Namen nicht ganz unschuldig gewählt hat, sondern mit einer heimlichen Lust, einem offenbar eher humorlosen Menschen zuzuzwinkern. Nur reicht das für ein Verbot mit Folgen für die Kunstfreiheit?

1984 konfiszierte die österreichische Polizei Thomas Bernhards Roman "Holzfällen", in dem sich der Komponist Gerhard Lampersberg und seine Frau im Ehepaar Auersberg erkannten - er weiland ein Freund, der sich nun als "perfider Gesellschaftsonanist" geziehen sah. Lampersberg zog seine Klage schließlich zurück: Der Schaden für ihn war größer als der Nutzen. Das sollte auch Busch einsehen: Selbst wenn er gewinnt, verliert er.

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