Zeitung Heute : Im Bett mit Kolles

Die Deutschen wussten nichts über Liebe und Sex. Bis Oswalt Kolle darüber schrieb und zum Chefaufklärer des Landes wurde. Und wie ging es in seiner eigenen Ehe zu? Ein Porträt aus dem Jahr 1968.

Seit sieben Jahren klärt Oswalt Kolle die Nation darüber auf, wie sie sich im Bett und zu ihren Kindern zu benehmen hat. Seit 19 Jahren bemüht sich Oswalt Kolle, seine Frau darüber aufzuklären, dass Treue etwas ist, das man von einem Hund verlangen kann, aber nicht von einem Mann.

Kolle hat Erfolg. Bei seinen Lesern und bei seiner Frau. Nur hat es bei der etwas länger gedauert. Und manchmal zweifelt sie heute noch an seiner These. Dann kracht es im Hause Kolle.

Marlies Kolle, die etwas jüngere wohlproportionierte Gattin des 40-jährigen Volksaufklärers betreut in der Wohnung am Luganer See im Tessin die drei Kinder und erledigt die gesamte Geschäftskorrespondenz. Von der Terrasse aus sieht man am anderen Ufer die Häuser von Caterina Valente und Daddy Blatzheim aus den Weinbergen auftauchen.

Komplettiert wird der Haushalt von einem Mädchen und einer Sekretärin. Und damit sich dieser Haushalt nicht unerwartet vergrößern kann, müssen beide Angestellte allmorgendlich unter Kolles Aufsicht Anti-Baby-Pillen zu sich nehmen.

Alles, was der Chef auf diesem Gebiet für richtig hält, wird von sämtlichen Haushaltsmitgliedern akzeptiert. Denn er ist der Meister, keiner kann es besser wissen als er. Die Lieblingslektüre der 13-jährigen Tochter ist Kolles Buch „Dein Kind, das unbekannte Wesen“. Der Arbeit an diesem Buch verdankt der jüngste Sohn – er ist zwei Jahre alt – seine Existenz. Kolle: „Beim Schreiben überkam mich die Sehnsucht nach einem neuen Kind.“ Das dritte Kind kam im Juni 1966, 13 Jahre nach der Hochzeit der Kolles, und hat, nach Marlies Kolle, „der Familie einen ganz neuen Halt gegeben“.

Die Frage, ob das Kind seine Ehe gerettet habe, wehrt Oswalt Kolle ab: „Unsere Ehe wurde in den vier Jahren gerettet, in denen wir nicht verheiratet waren. Danach konnte uns nichts mehr passieren.“ Frau Kolle hingegen meint nach einer Pause: „Überstanden war eigentlich erst alles nach dem sechsten Ehejahr.“ Darauf ihr Mann: „Überstanden ist eine Ehe nie. Eine Ehe ist Kampf, und wer das nicht begreift, wird diesen Kampf früher oder später verlieren. Was ich meinte, ist, dass wir nach vier gemerkt haben, dass wir für diesen Kampf stark genug sind.“

Angefangen hatte es 1949 in Frankfurt, als ein Freund Oswalt Kolle zu einer Party einlud. Kolle war damals 21 und arbeitete als Volontär bei der „Frankfurter Neuen Presse“. Marlies war auch dort und Kolle hielt sie irrtümlich für eine Verlegerstochter. „Da habe ich mir gedacht: An die musst du dich halten.“ Marlies hielt ihn umgekehrt für vermögend.

Sie waren die gegensätzlichsten Typen, hatten aber von Anfang an das Gefühl, für immer zusammenzugehören. Dieses Gefühl stellt sich jedoch nur ein, wenn sie einander sahen. Kaum war Marlies allein, dachte sie: „So wie der spinnt, müsste man ihn eigentlich melden.“

Zweimal ging die Verlobung in die Brüche, weil Kolle sich weiter für andere Frauen, mehrere hießen Renate, interessierte. Aber langsam begann sich Marlies an den „Irrsinns-Bolzen“ zu gewöhnen. „Ich lernte“, so erinnert sie sich heute, „dass Männer und Frauen verschieden sind. Ich meine: dass sie eine andere Art haben zu denken, zu leiden und sich zu freuen. Und ich lernte, dass ich in Oswalt einen Mann hatte, der ganz genau wusste, was er wollte – und der eben das war, was einen Mann ausmacht: ehrgeizig, aufbrausend, stolz, freiheitsliebend, charmant und brutal. Als er mich dann eines Nachts fragte, ob wir jetzt nicht ernsthaft heiraten sollten, da war ich überzeugt: Das wird ein Kampf, aber ich kriege ihn schon hin.“

Bald darauf zogen die Kolles nach Berlin. Oswalt Kolle wurde Filmjournalist für das Berliner Boulevardblatt „BZ“. Sein Foto war jeden Tag in der Zeitung, und abends musste er Filmschauspielerinnen interviewen. „Ich war eifersüchtig zum Zerbersten. Oswalt besuchte eine Party nach der nächsten, und ich war die graue Maus im Hintergrund. Unsere beiden Kinder sind sehr schnell hintereinander gekommen, wir hatten nur wenig Geld, ich kam kaum aus dem Haus.“

Auch Kolle war unzufrieden. Er kündigte und wollte Autor werden. Seine Frau sah schlimme Zeiten kommen. Aber sie meinte: „Ein Mann muss das tun, was er tun will.“ Sie sprach nicht dagegen, und er ist ihr heute noch dankbar, dass sie nicht in Panik verfiel.

Stattdessen war es damals Kolle, der in Panik verfiel. Er wurde 30 – und noch immer hatte er kein Buch geschrieben. Die Wende kam 1960, als Kolle den Auftrag erhielt, über Filmstar-Ehen zu schreiben. Er entdeckte viele Ähnlichkeiten zu seiner eigenen Lebensgemeinschaft, und von da an wuchs Kolles Ehephilosophie zu jenem Gebäude kühner Gedanken, die er heute in dringenden Fällen sogar per Fernschreiben an seine Redaktionen kabelt. Millionen Leser in Deutschland und der Schweiz warten jede Woche auf Kolles Liebes- und Eherat. Blätter von Finnland bis Feuerland drucken seine Anweisungen nach.

Ist Kolle der Mustergatte der Nation?

Auf die Frage: „Sind Sie Ihrer Frau eigentlich treu?“ gerät er in Harnisch. So, wie es die Leute verstünden, habe es ja nur was mit Sexualität zu tun. Als ob das so wichtig wäre! „Männer betrügen ihre Frauen auf andere Weise viel schlimmer“: Wenn sie keine Zeit für sie haben, nicht mit ihnen reden. Dagegen sei ein Seitensprung nichts.

Als Kolle das sagte, saß seine Frau daneben. Sie hat diese Sätze nicht zum ersten Mal gehört. Sie hört sie seit 19 Jahren und hat ihre Ansicht dazu drei Mal geändert. Zuerst glaubte sie: Der ist noch jung, den kriege ich noch hin. Dann, als ihr klar wurde, dass sie ihn nicht „hinkriegt“, durchlebte sie eine Hölle der Eifersucht. Und jetzt hält sie seine Philosophie für die einzig ehrliche. „Schauen Sie“, sagt sie, „ich bin nicht die Schönste, nicht die Klügste. Gibt es einen plausiblen Grund, dass meinem Mann keine anderen Frauen gefallen sollten? Wichtig für eine Ehefrau ist nur eines: dass sie von ihrem Mann nicht vernachlässigt wird. Wenn er gelegentlich mal eine Freundin hat, na schön.“

Zu solchen männerfreundlichen Einsichten kommt keine Frau allein. Oswalt Kolle bestätigt, dass sich die Erörterung dieser These in seiner Ehe seit fast 20 Jahren hinzieht. Er hält überhaupt das Gespräch über heikle Dinge für das Wichtigste in jeder Lebensgemeinschaft. Und er begründet seinen Erfolg damit, dass er Millionen Lesern gezeigt hat, wie man über diese Dinge reden kann.

„Wie war das denn früher? Wenn sich eine Ehefrau nicht klar war, ob in ihrer Ehe alles stimmte, ging sie zu ihrer Mutter. Und die Mutter ging von ihren Erfahrungen aus.“ Seitdem er über diese Dinge schreibe, könnten sich ratsuchende Ehefrauen nicht nur an dem Fall ihrer Mutter, sondern an Hunderten von Fällen mit einem ähnlichen Problem orientieren.

„Als ich anfing, diese Art von Geschichten zu schreiben“, sagt Kolle, „unterhielt ich mich mit meiner Frau über die Fälle. Dadurch bildete sich auch unser Urteil über unsere Ehe. Meine Frau fing an, mich zu begreifen.“

Was Marlies Kolle zuerst begriff, war die Tatsache, dass eine Ehefrau nicht auf ihren Mann allein fixiert bleiben darf. „Ich fing an, die Ehe als das zu begreifen, was sie sein sollte: eine Partnerschaft von zwei freien Menschen, das heißt: Jeder soll eine Ecke im Leben haben, die ihm ganz allein gehört.“

Oswalt Kolle ist ein fanatischer Anhänger des Ehekrachs. Er findet, dass zwei Menschen natürlich gegensätzliche Ansichten haben, die gelegentlich aufeinander prallen. Er ist dafür, dass man sie sich an den Kopf schleudert.

Er ist auch dafür, dass die Kinder Zeugen des Ehekrachs werden. „Unsere Kinder“, so sagt er, „sehen täglich, wie sehr wir uns lieben. Es könnte ihnen eine völlig falsche Vorstellung vom Wesen der Ehe geben, wenn sie nicht auch sehen würden, wie wir uns krachen. Sie sollen lernen, dass Ehe kein Honiglecken ist.“

Was Kolle denkt, bricht mit so vielen Tabus, dass er seinen Lesern nur Stück um Stück zumuten kann.

Zuerst gab er den Leuten ein Vokabular, mit dem sie über körperliche Liebe überhaupt mal reden konnten. Das allerdings führte bei seiner ersten Leserin – seiner Sekretärin – zu einem unheilvollen Missverständnis. Vor Jahren von ihr befragt, was sie zur Empfängnisverhütung tun könne, riet er ihr zur Anti-Baby-Pille. Das Mädchen vertrug die aber nicht. Dann empfahl er ihr den weniger verlässlichen Coitus interruptus, den unterbrochenen Beischlaf. Drei Monate nach diesem Gespräch war die Sekretärin schwanger. Sie sagte zu Kolle: „Sie immer mit Ihren lateinischen Ausdrücken! Die versteht doch keiner.“ Seitdem nimmt sie wieder die Anti-Baby-Pille – unter Kolles Aufsicht.

Und damit seine Leser von ähnlicher Unbill bewahrt bleiben, verbannte er alle lateinischen Ausdrücke aus seinem Schrifttum. Bundesbürger, denen die Lektüre der komplizierten Vorgänge beim Akt auch in einfachem Deutsch schwer fällt, können sich Kolle auf einer Langspielplatte anhören. Und seit einigen Monaten können bedrängte Liebes- und Ehepaare das „Wunder der Liebe“ auch im Kino betrachten. Kolle: „Manche Leute gehen fünf Mal rein.“

Diese ungeheuere Popularität führt dazu, dass das Ehepaar Kolle in der Öffentlichkeit geradezu als Erfinder der perfekten Liebe bestaunt wird. Es vergeht kein Tag, an dem Marlies Kolle nicht gefragt wird, wie es sei, mit Oswalt Kolle verheiratet zu sein. Und jedes Mal antwortet sie sinngemäß: „Es ist schön, und es ist schwer.“

Der leicht gekürzte Text erschien im Mai 1968 in Ausgabe Nr. 11 von „Jasmin – die Zeitschrift für das Leben zu zweit“

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